Kultig, hip und trendy: Im Landtagswahlkampf im Osten setzt die AfD bewusst auf ostdeutsche Themen und Marken. Sie appelliert an den Oststolz und nutzt ihn gezielt als politisches Instrument. Statt einfachen Wahlkampfauftritten, rufen die AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu Simson-Ausfahrten auf und fahren im Pulk auf den DDR-Mopeds durch ländliche Gegenden.
Dabei gründeten zwei jüdische Brüder 1856 die Firma Simson, wurden 1934 von den Nazis enteignet und flohen zwei Jahre später in die USA. Nachvollziehbar, dass sich die heutigen Nachfahren vehement gegen die rechte Vereinnahmung der Marke wehren.
Dennis Baum, 80 Jahre alt und Nachfahre der vertriebenen Familie Simson, reiste extra zum Protest gegen den AfD-Parteitag aus den USA nach Erfurt. Baum hielt eine Rede – aber verbieten kann er es der AfD nicht. Denn die Simson-Markenrechte liegen bei der Gesellschaft für Eigentumsschutz und Anlagenverwaltung mbH, kurz GESA.
Warum liegen die Simson-Markenrechte bei der GESA?
Nach der Wiedervereinigung von BRD und DDR wickelte die Treuhandanstalt den DDR-Betrieb Simson ab. Die Markenrechte landeten schließlich bei der GESA, die jedoch keine gewöhnliche Privatfirma ist. GESA gehört zu hundert Prozent der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und damit dem Bund. Bis heute hält die GESA die Markenrechte an Simson.
WeAct-Petition: Keine Simson für die AfD!
Doch nicht nur die Erben der Familie Simson wehren sich. Mehr als 30.000 Menschen unterstützen die WeAct-Petition „Keine Simson für die AfD!“. Die Petent*innen fordern die GESA-Geschäftsführer auf, gegen die rechte Vereinnahmung der Marke vorzugehen.
Die GESA lehnte jedoch eine Petitionsübergabe ab. Selbst das Angebot, weitere dokumentierte Vereinnahmungen direkt an die Geschäftsführung der GESA zu schicken, blieb unbeantwortet.
Ausgerechnet Carsten Reymann ist mittlerweile einer von zwei Geschäftsführern der GESA. Ein Name, der 2024 im Zusammenhang mit dem „D-Day-Papier“ der FDP durch die Presse ging.
Die Karriere des Carsten Reymann
Die acht Seiten des „D-Day-Papier“, mit dem die FDP wohlweislich und geplant die Ampelkoalition sprengte, stammt aus Carsten Reymanns Feder. Die militärische Wortwahl lässt dabei wenig Interpretationsspielraum. Der „D-Day“, am 6. Juni 1944, gilt als Tag der Alliierten-Landung in der Normandie und damit als Befreiung Europas vom Nationalsozialismus. Zehntausende wurden verwundet oder starben. Das Ende der Nazi-Herrschaft machte Reymann zur Chiffre für ein parteipolitisches Machtmanöver.
Mit viel Druck sollten weniger Sozialstaat, weniger Klimaschutz und eine härtere Migrationspolitik – und damit ein Rechtsruck durchgesetzt werden. Eine strategische Eskalation der FDP, die am 6. November 2024 zum Bruch der Ampelkoalition führte. Nachdem „Zeit“ und „Süddeutsche“ den Verlauf in Recherchen offenlegten, trat Reymann als FDP-Bundesgeschäftsführer zurück. Und fand eine neue Heimat bei der GESA.
Reymann ist demnach mitverantwortlich für den Umgang mit der Marke Simson. Ein Mann, der den Bruch der Ampel strategisch plante und den Rechtsruck in der Regierung vorantrieb.
Warum schweigt die GESA zu Simson?
Dennis Baum, Nachfahre der Simson-Familie, sagte bei der Protestveranstaltung zum Bundesparteitag in Erfurt: „Haltet den Namen Simson aus der Politik heraus.“ Bis heute lebt seine Familie den jüdischen Glauben.
Die Drohungen gegen Einwanderer, Menschen anderer Hautfarbe und sexueller Minderheiten sind uns ein Gräuel, an dem wir keinen Anteil haben wollen.
Dennis Baum, Kundgebung gegen AfD-Bundesparteitag in Erfurt am 4. Juli 2026

Und trotzdem vereinnahmt die AfD die Marke Simson gezielt für ihre politische Inszenierung. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bewirbt sie ihre Parteiveranstaltungen beispielsweise online und auf Wahlkampfmaterialien ausdrücklich mit dem Markennamen Simson.
Das geht weit über Privates hinaus. Und es geht auch schlichtweg nicht darum, Privatpersonen ihre Simson-Mopeds zu verbieten. Sondern um konkrete Anhaltspunkte, mögliche markenrechtliche Unterlassungsansprüche und verletzte Unternehmenspersönlichkeitsrechte prüfen zu lassen. Diesen wichtigen und berechtigten Auftrag kann nur die GESA erteilen.
Simson steht für ostdeutsche Industriegeschichte, für technische Innovation und das Vermächtnis einer jüdischen Unternehmerfamilie. Indem die AfD die Marke bewusst im Wahlkampf in Ostdeutschland nutzt, profitiert sie ganz direkt vom Ruf und der Bekanntheit der Simson. Fordere die GESA jetzt auf, die missbräuchliche Nutzung der Marke Simson durch die AfD zu unterbinden. Das historische Erbe der Familie Simson muss geschützt werden!