„Jawoll! Ich nehme die Wahl an“, rief Tobias Rausch im Landtag Sachsen-Anhalt. Damit trat er sein Amt als erster AfD-Landtagspräsident an. In seiner Ansprache gab er sich gemäßigt: Er wolle den Landtag überparteilich leiten. Für alle sollen dieselben Regeln gelten, darauf lege er Wert.
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Geflüchtete haben gehofft, hier endlich Sicherheit zu finden. Nun müssen wir sie vor einer rechtsextremen Regierung schützen. Fordere die anderen Bundesländer auf, Geflüchtete aus Sachsen-Anhalt aufzunehmen.
Bemerkenswerte Worte für einen Mann, der Anfang des Jahres aufgrund seiner Selbstbedienungsmentalität noch knietief in den Vorwürfen der Vetternwirtschaft versank. Zeit, sich den neuen Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt genauer anzusehen: Wer ist Tobias Rausch?
Wer ist Tobias Rausch?
Am 28. November 1990 kam Tobias Rausch in Mellrichstadt in Unterfranken zur Welt. Später zog seine Familie nach Staßfurt, einer Stadt im Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker machte Rausch noch eine zum Immobilienkaufmann. Anschließend baute er ein Immobilienunternehmen auf. Rausch spielte viel Fußball und ist bis heute in zwei lokalen Vereinen Vorsitzender und Sponsor.
Im Mai 2013 trat Rausch in die AfD ein, kurz nachdem sich der Landesverband gegründet hatte. Er war damals 22 Jahre alt. Nur ein Jahr später gründete er den AfD-Kreisverband in Staßfurt mit und zog in den Stadtrat ein. Im selben Jahr übernahm er kommissarisch den Landesvorsitz und unterstützte danach den Höcke-Verbündeten André Poggenburg, der den Vorsitz gewann.
Seit 2016 sitzt er in Sachsen-Anhalt im Landtag, seit 2021 als Parlamentarischer Geschäftsführer. Inhaltlich blieb er blass. Parlamentskreise beschreiben Rausch als „unideologischen Fußball-Typ, ein Manager“.
„Gemäßigter“ Netzwerker
Tobias Rausch gibt sich gemäßigt, ist aber im Landesverband tief verwurzelt. Dabei kann er wohl vor allem eines: Netzwerke knüpfen. Er ist ein enger Vertrauter von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Siegmund schickte ihn zum BSW und CDU, um Stimmen für seine Wahl zum Ministerpräsidenten auszuhandeln. Rausch gehört außerdem zur sogenannten „Pokerrunde“ um Landesvorsitzenden Martin Reichardt und Fraktionsvize Hans-Thomas Tillschneider.
Was ist die „Pokerrunde“?
Im Zuge der Vetternwirtschaftsaffäre der AfD wurde die „Pokerrunde“ bekannt. Ein informeller, enger Kreis von Funktionären und Abgeordneten der AfD in Sachsen-Anhalt, die politische Absprachen treffen und wohl gezielt Mandate und Jobs im eigenen Umfeld verteilten.
Trotz seines gemäßigteren Auftretens trug Rausch den radikalen Kurs des AfD-Landesverbands immer mit: Er hält die als gesichert rechtsextremistische Einstufung des Landesverbands durch den Verfassungsschutz für konstruiert. Er nannte ARD und ZDF ein Propagandainstrument.
Dazu verteidigte er das rechtsextreme Compact-Magazin und warb nach Russlands Großangriff auf die Ukraine 2022 um Verständnis für russische Sicherheitsinteressen. Über die rechtsextreme FPÖ sagte er, von ihr „können wir sicherlich profitieren“.
Familie, Fußball, Firma: Wer profitiert von der Vetternwirtschaft?
Anfang 2026 platzte die Vetternwirtschaftsblase der AfD: Abgeordnete hatten wechselseitig Angehörige ihrer Parteikolleg*innen angestellt. Tobias Rausch stand dabei im Zentrum. Er versorgte unter anderem:
- Seine Ehefrau: Sie arbeitete für den Vize-Landeschef Oliver Kirchner und die Landtagsfraktion für rund 6.500 Euro brutto im Monat. Ende 2025 reiste sie mit Rausch auf Steuerzahlerkosten nach New York.
- Seine Geschwister und seinen Schwager: Drei Geschwister arbeiteten bei der AfD-Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss. Zwei davon wurden inzwischen entlassen. Nur noch eine Schwester von Rausch arbeitet noch für die AfD im Bundestag. Weiss’ Tochter wiederum arbeitete in der Landtagsfraktion. Und der Schwager von Rausch arbeitete beim Bundestagsabgeordneten Thomas Korell. Dieser bezahlte Rauschs Schwager knapp 4.000 Euro monatlich, erkannte ihn aber nicht einmal auf einem Foto.
- Seine Fußballer: Rausch leitet den Vorstand des SV 09 Staßfurt. Vier Spieler des Vereins arbeiteten laut Vertrag für 250 bis 300 Euro im Monat für ihn. Sie „unterstützten“ Rausch wohl bei „seiner parlamentarischen Arbeit”. Fraglich, was genau diese Arbeit beinhaltete. Ein Spieler wird immer noch von Rausch beschäftigt.
- Seine Firma: Rausch führt in Staßfurt zwei Immobilienfirmen mit 176 verwalteten Wohnungen. Die Wahlkreisbüros von Tobias Rausch und seinem Vater Daniel liegen in Objekten der Firma. Auch der Bruder ist dort angestellt.
Pro Monat stehen jedem Abgeordneten für Mitarbeitende knapp 5.500 Euro aus der Landeskasse zu. Zeitweise beschäftigte Tobias Rausch sieben Mitarbeitende, doppelt so viele wie üblich. Und das hat, mit Blick auf die gekreuzten Beschäftigungsverhältnisse von Verwandten und Partnern innerhalb der AfD, einen interessanten Beigeschmack. Rausch selbst sieht darin keinen Skandal: „Stellen waren frei und wurden besetzt“.
Belohnung für Wohlverhalten
Wenige Monate später ist Rausch Landtagspräsident. Er verspricht, überparteilich zu handeln: Für alle sollen dieselben Regeln gelten, für Menschen wie für Parteien. Gleichzeitig wollten er und seine Fraktion sich zusätzlich einen Vizeposten sichern.
Bisher galt: Die Partei, die den Landtagspräsidenten stellt, bekommt keinen zusätzlichen Vizepräsidenten. Eigentlich gehen die drei Vizeposten an die nächst größeren Fraktionen. Das haben Tobias Rausch und seine AfD mithilfe des BSW in der Geschäftsordnung geändert.
Wie viel verdient Tobias Rausch?
Abgeordnete im Landtag Sachsen-Anhalt erhalten monatlich 9.138,55 Euro brutto. Vizepräsidenten erhalten die Hälfte obendrauf, also rund 13.700 Euro. Als Landtagspräsident verdient Tobias Rausch das Doppelte: rund 18.300 Euro brutto – im Monat. Dazu kommt eine steuerfreie Kostenpauschale von 2.372,27 Euro für die Wahlkreisbetreuung.
Rausch bot vor der Wahl der Vizepräsidenten ein Tauschgeschäft an: „Wer unseren Kandidaten als Landtagspräsident wählt [also Tobias Rausch], bekommt unsere Unterstützung bei der Wahl des Vizepräsidenten.“ Das war keine Postenvergabe nach üblichem Schema, sondern eine explizite Belohnung für Wohlverhalten gegenüber der AfD. Am Ende haben vermutlich einige CDU-Abgeordnete diesen Deal angenommen.
Das Ergebnis: Ausgerechnet der rechtsextreme Hans-Thomas Tillschneider ist nun Vizepräsident. Ein kleiner Vorgeschmack auf den Umbau, den die AfD für Sachsen-Anhalt plant.
Landtagspräsident und Hausherr
Das Amt des Landtagspräsidenten ist kein verstaubter Posten ohne Handlungsmacht. Tobias Rausch wird in den kommenden fünf Jahren die Sitzungen im Landtag leiten. Laut Geschäftsordnung des Landtags bedeutet das: Rausch entscheidet, wem er das Wort entzieht oder wie streng er Zwischenrufe ahndet. Er kann Anträge zurückweisen oder verzögern und Abläufe zugunsten der AfD entscheiden. Er bestimmt auch mit, welche Besuchergruppen, Veranstaltungen oder Gäste ins Gebäude dürfen, und könnte die Neuen Rechten hofieren.
Tobias Rausch wird entscheiden, wer beim Landtag eingestellt und wer entlassen wird. Er könnte zum Beispiel den obersten Beamten des Hauses, den Parlamentsdirektor, austauschen. Außerdem ernennt er die Spitze des Landesrechnungshofs und den Landesbeauftragten für Datenschutz. Ausgerechnet ein Politiker aus dem Zentrum der Vetternwirtschaftsaffäre bestimmt damit, wer künftig das Geld des Landes kontrolliert.
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Rausch wird zudem Delegationen empfangen, bei Gedenkstunden sprechen und öffentlich das Parlament vertreten. Immerhin: Gesetze beschließen kann Rausch nicht. Und wer seine Entscheidungen für falsch hält, kann vor das Landesverfassungsgericht ziehen. Aber nur eine Zweidrittelmehrheit im Landtag kann Tobias Rausch abberufen, sollte er im Amt versagen. Ohne AfD-Stimmen ist das also nicht möglich. Tobias Rausch wird vermutlich für fünf Jahre oberster Politiker von Sachsen-Anhalt bleiben.
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