Stell Dir eine junge Frau vor. Sie heißt Lena und erwartet im Frühjahr 2027 ihr erstes Kind. Lena arbeitet als Erzieherin, ihr Partner Tim als Elektriker. Die beiden haben alles durchgerechnet. Lena bleibt zwölf Monate zu Hause. Tim nimmt zwei Monate. So machen es die meisten Paare in Deutschland. Das Elterngeld fängt einen Teil des fehlenden Lohns auf. Knapp, aber machbar.
Dann kommt eine Nachricht aus Berlin. Familienministerin Karin Prien (CDU) will das Elterngeld umbauen. Statt vierzehn Monate sollen Familien künftig höchstens zwölf Monate bekommen. Und jeder Elternteil muss mindestens drei Monate nehmen. Für Lena und Tim heißt das: Nimmt Tim keine drei Monate Elternzeit, bekommt Lena nur neun Monate Elterngeld. Das sind drei Monate weniger und kostet die beiden schnell mehrere Tausend Euro.
Auch Alleinerziehende verlieren. Sie haben bislang das Recht auf bis zu vierzehn Monate Elterngeld. Künftig wären es nur noch zwölf. Ausgerechnet die Gruppe mit dem höchsten Armutsrisiko müsste also auf zwei Monate Unterstützung verzichten.
Doch nicht nur beim Elterngeld will die Regierung sparen. Ab dem 1. Januar 2027 soll auch der Unterhaltsvorschuss für 16- und 17-Jährige wegfallen. Alleinerziehende müssen dann monatlich auf 394 Euro verzichten. Und auch der Kindersofortzuschlag soll gestrichen werden. Dabei wird dieser dringend benötigt: Allein im März 2026 haben rund 1,9 Millionen armutsbetroffene Kinder und Jugendliche diese Finanzspritze von 25 Euro pro Monat erhalten.
Tankrabatt kostet 4,1 Milliarden Euro
Während sie bei Familien sparen will, hat die Regierung an anderer Stelle keine Geldsorgen. Der Krieg im Nahen Osten treibt die Ölpreise in die Höhe. Ende September kostete ein Liter Diesel laut ADAC im Schnitt rund 2,47 Euro. Die Koalition aus Union und SPD antwortet darauf mit einer Steuersenkung. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr.
Den ersten Tankrabatt beschloss der Bundestag am 24. April 2026. Er galt vom 1. Mai bis zum 30. Juni. Die Energiesteuer auf Benzin und Diesel sank um 14,04 Cent pro Liter. Mit Mehrwertsteuer ergab das knapp 17 Cent. Kosten für den Staat: 1,6 Milliarden Euro.
Ende September legte die Koalition nach. Bundestag und Bundesrat winkten am 25. September einen zweiten Tankrabatt durch. Er gilt seit dem 1. Oktober und soll bis zum 31. Dezember laufen. Die Steuersenkung ist genauso hoch wie im Frühjahr. Bund und Länder verzichten diesmal auf bis zu 2,5 Milliarden Euro. Laut einer Auswertung des Ifo-Instituts kommt der Tankrabatt nicht mal vollständig bei den Verbraucher*innen an.
Prien kritisiert Tankrabatt
Zusammen kosten die beiden Tankrabatte dieses Jahres also bis zu 4,1 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Beim Elterngeld will die Regierung 2027 rund 350 Millionen Euro einsparen. Der Tankrabatt kostet also mehr als das Zehnfache. Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang schreibt dazu:
Die Neuauflage des Tankrabatts kostet 2,5 Milliarden. Das ist mehr als alle Einsparungen bei Familien – weniger Elterngeld, Unterhaltsvorschuss und Kindersofortzuschlag – zusammen. Die Kürzungen bei Familien sind kein Sachzwang. Sie sind eine politische Entscheidung.
Ricarda Lang (Die Grünen)
Auch CDU-Familienministerin Prien ärgert sich inzwischen öffentlich darüber. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte sie:
Der Tankrabatt ist nur eine vorübergehende Maßnahme, deren Wirkung schnell verpufft. Die kostet aber sehr viel Geld.
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU)
Kommt die Elterngeld-Reform 2027?
Geld, das dem Familienministerium derzeit fehlt. Prien verstehe jedoch, dass Menschen das als ungerecht empfinden – und will sich die Kürzungen nochmals überlegen.
Petition: Keine Kürzungen beim Elterngeld!
Auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, hat Nora Imlau eine Petition gestartet: Sie fordert von der Regierung eine Reform des Elterngeldes, um Familien zu stärken und echte Partnerschaftlichkeit zu fördern. Dazu gehören:
- ein deutlich höherer Mindestbetrag für Geringverdienende
- ein deutlich höherer Höchstbetrag des Elterngeldes
- ein automatisierter Inflationsausgleich
- statt Kürzung eine Ausweitung der Monate und mehr partnerschaftliche Aufteilung
- verbesserte Bedingungen für selbstständige Eltern
Prien hat selbst drei Kinder. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Blankenese. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt dort bei 130.300 Euro und ist damit zweieinhalbmal so hoch wie der Gesamtdurchschnitt Hamburgs.
In Blankenese dürfte es bei den meisten Familien keine Rolle spielen, wenn Elterngeld statt vierzehn Monaten nur neun Monate gezahlt wird. Deutschlandweit sieht das anders aus. Viele Familien sind auf das Elterngeld angewiesen, um ihr Kind zu Hause betreuen zu können. Ganz abgesehen davon, dass das Elterngeld längst nicht mehr ausreicht. Seit seiner Einführung im Jahr 2007 wurde es nicht mehr erhöht. Ein Krippenplatz mit neun Monaten? Beinahe unmöglich. Lies hier, fünf Fakten übers Elterngeld, die Du kennen solltest.
Dass Prien dies nun anerkennt, ist ein gutes Zeichen. Ob das der neue Gerechtigkeitskurs ist, den die CDU nach den Wahlniederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt einschlagen will? Falls ja, dann bitte mehr davon.
Noch viel zu tun
Gerade beim Thema Familienpolitik gibt es noch zig andere Baustellen. Ein paar Beispiele:
- Partnerschaftsbonus: Für Geburten ab November 2027 soll der Partnerschaftsbonus wegfallen. Der Partnerschaftsbonus sollte ursprünglich die Gleichberechtigung fördern, indem der Staat es bezuschusst, wenn beide Elternteile nach der Geburt in Teilzeit arbeiten. Laut Bundesregierung werde diese jedoch wenig genutzt und verursache viel Arbeit für die Elterngeldstellen.
- Kinderkranktage: In wenigen Wochen läuft eine Regel aus der Corona-Zeit aus – und CDU-Gesundheitsminister Carsten Linnemann will sie auch nicht verlängern. Wird das Kind krank, dann stehen jedem Elternteil ab 2027 nur noch zehn Tage Lohnersatzleistungen von der Krankenkasse zu. Und das auch nur für Kinder unter zwölf Jahren.
- Elterngeld: Seit seiner Einführung im Jahr 2007 wurde das Elterngeld nicht mehr erhöht. Notwendig wäre ein deutlich höherer Mindestbetrag für Geringverdienende, ein höherer Höchstbetrag sowie ein automatisierter Inflationsausgleich.
- Familienstartzeit: Seit August 2022 hat der zweite Elternteil in der EU Anspruch auf einen zehntägigen Sonderurlaub nach Geburt des Kindes. Deutschland hat die Umsetzung bislang versäumt. Dabei hat der gemeinsame Start ins Familienleben nur Vorteile: Er senkt sowohl das Scheidungsrisiko, als auch das Risiko für eine postnatale Depression und fördert auch noch die Vater*-Kind-Beziehung.
Dass Familienpolitik wirkt, wissen wir. 2005 startete der Kita-Ausbau. Das Elterngeld wurde 2007 eingeführt. In den folgenden Jahren stieg die Geburtenrate von 1,35 auf rund 1,6 Kinder pro Frau – nach Schätzungen kamen so etwa 110.000 Kinder mehr zur Welt. Doch seitdem war es das mit den großen Würfen in der Familienpolitik.
Die neuen Kürzungen sind noch nicht beschlossen. Familienministerin Prien zweifelt selbst. Jetzt ist der Moment, in dem Deine Stimme zählt.
Was Du jetzt tun kannst:
- Teile diesen Artikel. Schick ihn an Freund*innen, die gerade ein Kind erwarten. Teile ihn in Deiner Eltern-Whatsapp-Gruppe. Viele junge Familien wissen noch gar nicht, was ihnen droht.
- Sprich darüber. Am Spielplatz, im Büro, beim Familienessen. Der Gegensatz ist einfach zu erklären: Milliarden für billigen Sprit, Kürzungen für Babys. Jede*r versteht, warum das nicht zusammenpasst.
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