
50.000 Tote in einem einzigen Sommer, und kaum jemand spricht darüber. Forschende aus Großbritannien haben die Sterbedaten aus 850 Städten in der EU, Großbritannien, Norwegen und der Schweiz ausgewertet und mit vergangenen Daten verglichen.
Hitzesommer 2026: So viele Tote wie nie
Das Ergebnis: Der Hitzesommer 2026 kostete in Europas Städten etwa 50.000 Menschen das Leben. Laut der Studie sind das mehr als je zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Fast zwei Drittel (65 Prozent) der Todesfälle führen die Forschenden direkt auf den menschengemachten Klimawandel zurück.
Das zeichnete sich bereits im Sommer ab. Bisher nie dagewesene Hitzewellen im Mai, Juni und Juli; bereits 5.000 Hitzetote im Juni allein in Deutschland. Die Reaktion der Regierungen in Deutschland und Europa darauf? Verhalten.
1,5-Grad-Ziel nicht mehr haltbar
Im politischen Alltag gehen weitere Klima-Nachrichten gerade unter. Darunter die ernüchternde Erkenntnis der UN, dass das 2015 vereinbarte 1,5-Grad-Ziel mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu halten ist. Behalten alle Staaten ihre jetzige Klimapolitik bei, erwärmt sich die Erde noch in diesem Jahrhundert um 2,8 Grad.
Die Welt kann es nicht mehr vermeiden, die 1,5-Grad-Grenze zu überschreiten.
UN-Generalsekretär António Guterres
Das geht aus dem „Emissions Gap Report“ des UN-Umweltprogramms (UNEP) hervor. Der Bericht berechnet jedes Jahr die Lücke zwischen den tatsächlichen Klimaambitionen und dem aus, was zum Erreichen der Klimaziele von Paris nötig wäre. Selbst wenn alle Staaten ihre aktuellen Klimaschutzpläne vollständig umsetzen würden, läge die Erwärmung noch bei 2,6 Grad.
Klima-Kipppunkte in unmittelbarer Gefahr
Die Folgen spüren wir bereits heute. Denn an dem ursprünglichen 1,5-Grad-Ziel hängen die Klima-Kipppunkte. Lange klangen sie nach fernen Katastrophenszenarien; heute sind umso bedrohlicher.
Klima-Kipppunkte sind kritische Grenzwerte, bei denen eine kleine zusätzliche Störung zu einer drastischen Veränderung im System führen kann. Eisschilde, Meeresströmungen und Wälder reagieren lange kaum auf die Erwärmung. Ab einer bestimmten Grenze genügt eine kleine zusätzliche Störung, und das System kippt um.
„Herzschlag“, „Lunge“ und „Blutwerte“ der Erde sind kritisch
Manche Forschende nennen die Kipp-Elemente die „Vitalzeichen der Erde“. Sie entsprechen beim Menschen dem Herzschlag, dem Sauerstoffwert und dem Blutzucker. Einige von ihnen sind bereits jetzt in kritischen Bereichen. Sie lassen sich in drei Kategorien einteilen:
- Herzschlag = Strömungssysteme in Meeren und der Luft. Das sind zum Beispiel der Golfstrom und die Monsun-Systeme um den Äquator. Sie sind von verschiedenen anderen Faktoren abhängig, unter anderem auch dem Eissystem und den Sauerstoff- und Kohlenstoffdioxid-Gehalten in der Luft. Bereits in diesem Sommer zeichnete sich ab, dass der Golfstrom instabil ist und bald zu kippen droht.
- Blutzucker = Eis- und Permafrostsysteme. Das umfasst die arktischen Eisschilde und Gebirgsgletscher. Steigt die Gesamttemperatur der Erde, schmelzen diese Süßwasserreserven ab und gelangen ins Meer. Dort beeinflussen die veränderten Mischungsverhältnisse von Salz- und Süßwasser die marinen Ökosysteme. Für uns Menschen ist eine Folge deutlich spürbar: der steigende Meeresspiegel. Das verbleibende Eis auf Grönland und der Antarktis reicht aus, um den globalen Meeresspiegel um 65 Meter anzuheben. Inseln und Küstenbereiche würden unwiederbringlich versinken. Bei einer Erwärmung von 2,6 Grad wird dieser Kipppunkt eindeutig überschritten.
- Sauerstoffwert = Ökosysteme wie Wälder und Riffe. Riffe sichern Nahrung, Einkommen und die Küsten. Berechnungen zufolge könnten schon bei 2 Grad Erwärmung alle tropischen Korallenriffe absterben. Wälder sind unsere wichtigste Sauerstoffquelle, außerdem binden sie Kohlenstoffdioxid in Totholz. Der Kipppunkt, der zu weiträumigem Verlust dieses einzigartigen Ökosystems führt, wird bei umso geringerer globaler Erwärmung erreicht, je mehr abgeholzt wird. Was die Klimakrise für Wälder bedeutet, zeigten in diesem Sommer die vielen Waldbrände in Deutschland.
Deutscher Umweltpreis verliehen
Inmitten dieser Realität ist in der vergangenen Woche ein wichtiger Klima-Preis vergeben worden: der Deutsche Umweltpreis. Er zeichnet Leistungen von Menschen aus, die vorbildlich zum Schutz und Erhalt der Umwelt beitragen. In diesem Jahr geht der Preis zu gleichen Teilen an den Ingenieur Klaus Vossenkaul aus der Städteregion Aachen und die Hamburger Rechtsanwältin Roda Verheyen.
Vossenkaul wird für seine innovativen Weiterentwicklungen bei der Membranfiltertechnologie für die Abwasserreinigung in Kläranlagen ausgezeichnet. Verheyen bekommt den Preis für die Durchsetzung rechtlicher Vorgaben für mehr Umwelt- und Klimagerechtigkeit. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte die beiden Preisträger*innen als Vorbilder beim Umweltschutz. Roda Verheyen sagte, sie freue sich sehr über den Preis – sie sei gleichzeitig aber auch traurig im Kontext der aktuellen Nachrichten.
2,8 Grad – das bedeutet Millionen von Toten. Wir begeben uns in eine immense Gefahr, uns selber auszulöschen – nicht den Planeten, aber die Menschheit.
Rechtsanwältin Roda Verheyen gegenüber der dpa
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