Mirka ist Mitte 30, hat drei Kinder – und lässt sich scheiden. Das Problem: Sie lebt mit ihrem gewalttätigen und alkoholkranken Mann im Haus ihrer Schwiegereltern. Mirka hat weder Geld noch eine eigene Wohnung. Um das zu ändern, arbeitet sie als Reinigungs- und Pflegekraft, in der Gastronomie, auf einem Bauernhof, in einer Bäckerei und in einer Metzgerei.
Unterstützung bekommt sie dabei wenig: Während sie rechtlich noch verheiratet ist, zeigt Mirka mehrfach häusliche Gewalt bei der Polizei an. Die Behörden unternehmen nichts. Der mögliche Grund: Ihr damaliger Mann genießt den sogenannten „male peer support“. Er hat Verbindungen zur Polizei, die Männer decken sich gegenseitig. So jedenfalls erklärt es sich Mirka. Sie bekommt im Scheidungsverfahren das alleinige Sorgerecht für die Kinder und einen geringen Unterhalt.
Die Community-Scheidung
Dieser Fall ist Mirkas Geschichte. Eine Frau, die in der Studie „It takes a village to get divorced: gender, class, location-specific capital, and solidarity in conservative rural communities of Eastern Poland“ von Sylwia Eliza Urbańska auftaucht.
Die Soziologin, die an der Universität Warschau tätig ist, begleitete zwischen 2018 und 2022 acht geschiedene, sechs informell getrennte und 16 in traditionellen Familien lebende Frauen in einer konservativen, ländlichen Gegend. Die Gemeinde mit 16 Dörfern liegt an der Grenze von Masowien und Podlachien und 40 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Populistische und rechte Parteien erreichen dort zwischen 70 und 90 Prozent. Die katholische Kirche spielt eine große Rolle. Das kommt mit Stigmata: Wer sich scheiden lässt, stellt die Familie bloß.
Scheidungen gibt es überall, aber anders
Auf 100 Hochzeiten kamen in Polen 2024 insgesamt 42 Scheidungen. In Deutschland waren es im selben Jahr 37 Scheidungen, in absoluten Zahlen 129.300 Ehen. Die Hälfte davon mit minderjährigen Kindern. In Städten werden Ehen häufiger geschieden als auf dem Land, gerne wird das als Beleg für stabilere Ehen gesehen.
Aber beachtet man die Nachteile von Scheidungen im ländlichen Raum, stellt sich die Frage: Ist so ein Ausstieg vielleicht einfach teuer – und mit nicht so leicht zu durchbrechenden Konventionen verbunden? Denn sowohl in Polen als auch in Deutschland dürften viele der Benachteiligungen für Frauen im ländlichen Raum spürbar anders ausfallen als für jene in Großstädten.
Wohnraum im gewohnten Umfeld
Das beste Beispiel ist Wohnraum. In Städten gibt es Mietwohnungen, zwar unbezahlbar oder umkämpft, zur Not auch WGs, Untermieten oder genossenschaftliche Netze. Aber: Es gibt ein Mietsegment. Dazu einen mehr oder weniger verlässlichen ÖPNV.
Im ländlichen Raum ist das nicht immer der Fall. Teilweise gibt es keine einzige freie Mietwohnung im Dorf, das jahrzehntelang der eigene Lebensmittelpunkt war. Das bedeutet für geschiedene Frauen häufig: Dorf verlassen, Kita oder Schule wechseln, soziales Gefüge aufgeben – und schaff das mal ohne Auto.
Für viele Frauen bedeutet eine Scheidung deshalb auch den Verlust sozialer Kontakte und des gewohnten Umfelds für sich und die Kinder. So kann eine Scheidung im ländlichen Raum zur Frage von Infrastruktur, Eigentum und ökonomischer Macht werden.
Diese finanziellen und ökonomischen Folgen für Frauen sind sogar statistisch erwiesen:
- Das Einkommen von Frauen mit minderjährigen Kindern sinkt einer Schweizer Studie zufolge nach einer Scheidung im Schnitt um 38 Prozent, ohne Kinder um 28 Prozent. Bei Männern sind es drei bis fünf Prozent.
- Kinder bleiben nach Scheidungen häufiger bei ihren Müttern. Diese Frauen machen rund 84 Prozent der Alleinerziehenden aus – und haben das höchste Armutsrisiko aller Familientypen in Deutschland. Kommen Unterhaltszahlungen unregelmäßig oder gar nicht, bricht weitere finanzielle Stabilität weg.
- Häufig leisten Frauen während der Ehe unbezahlte Care-Arbeit – sei es Kinder erziehen oder Angehörige pflegen. Sie können deswegen „nur“ Teilzeit arbeiten und werden dadurch finanziell abhängiger vom Mann.
- Finanzielle Einbußen wirken sich langfristig auf die Rente aus. Es gibt bei Scheidungen zwar einen Versorgungsausgleich, die Rentenanwartschaften aus der Ehezeit werden geteilt. Allerdings gilt er nur für die Ehejahre und gleicht die mögliche Karrierelücke danach nicht aus.
Testament zu ihren Gunsten: 29 Prozent
Im ländlichen Raum verkompliziert sich die Sache weiter, weil es weniger und schwerer zu erreichende Jobs gibt. Frauen sind dadurch aufs Auto oder Buslinien angewiesen.
Im schlechtesten Fall erwirbt der Partner Eigenheim, Hof und Betrieb – während die Frau den Alltag am Laufen hält, aber nicht im Grundbuch vermerkt ist und damit nicht über Eigentum verfügt.
Wie verbreitet das ist, zeigt eine Thünen-Studie für die Landwirtschaft: 65 Prozent der befragten Frauen in landwirtschaftlichen Betrieben gaben an, dass sie kein Eigentum an betriebseigenen Flächen oder Gebäuden haben. Nur 18 Prozent der befragten Ehe- und Lebenspartnerinnen haben einen Ehe- oder Partnerschaftsvertrag. Ein Testament zu ihren Gunsten haben 29 Prozent.
Isolationen durch Loyalitäten
Dazu kommt eine gesellschaftliche Dimension, die im ländlichen Raum spürbarer ist als in Städten: die soziale Kontrolle. Dörfer, in denen alle sich kennen, wissen auch alle über alles Bescheid, tratschen und bilden sich Meinungen.
Verhalten sich Nachbarn, Vereine und Dorfgemeinschaft loyal zum Exmann – beispielsweise weil sie ihn von Kindesbeinen an kennen –, droht Frauen mit der Scheidung soziale Isolation. Zumindest wenn sie sich selbst auf kein starkes Netz aus Verwandten, Freundinnen und Bekannten verlassen kann. Was so ein Netz verändert, zeigt auch Mirkas Fall. Die Soziologin Urbańska unterteilt die Scheidung in zwei Phasen: erst die Krise, dann die Stabilisierung.
Die Krise von Mirka dauerte vier Jahre lang. In dieser Phase ist Mirka mit ihren Kindern von Obdachlosigkeit bedroht und findet vier Mal über Bekannte im Dorf Unterkunft und Arbeit. Beispielsweise bekommt Mirka den Kontakt zur Tochter einer älteren, kranken Witwe im Nachbardorf. Mirka pflegt die Witwe, darf mit ihren Kindern dort wohnen und verdient etwas Geld. Die Schule der Kinder bleibt so in der Nähe.
Mirka bekommt also Arbeit und Unterkunft (unangemeldet übrigens), während die Tochter ihre kranke Mutter nicht pflegen muss, sondern ihrem Job in der Stadt nachgehen kann. So nutzen beide ihre Kontakte im Dorf.
Reparierte Dorfkapelle verschafft Mirka Respekt
Der Studie zufolge lebte Mirka später noch in einem Aufräumen-gegen-Wohnen, renovierte ein leerstehendes Haus und bezog später ein geerbtes Stück Land. Doch Mirkas Bruder war der Meinung, als Mann habe er über das Familienland zu bestimmen. Mirka verkaufte ihren Anteil und erwarb ein anderes Haus.
Durch das Vertrauen aus der Nachbarschaft bekam sie günstige Preise für die Renovierung und die Möglichkeit einer Ratenzahlung. Den Respekt der älteren Frauen im Dorf erarbeitete Mirka sich, indem sie eine Wegkapelle reparierte.
Mirka vermutet, das müsse der Grund gewesen sein, wieso andere Frauen ihr vorschlugen, Vorsitzende des Dorfrats zu werden. Und das, obwohl sie geschieden war.
Staat hilft nicht, also hilft das Dorf
Der Grund dafür scheint nicht unbedingt Nächstenliebe zu sein, sondern der gesellschaftliche Nutzen. Nicht nur Mirka braucht das Dorf, das Dorf braucht auch Frauen wie Mirka.
Denn viele Jüngere ziehen weg, viele Ältere müssen gepflegt werden, Häuser verfallen. Frauen, die im Dorf wohnen bleiben, können aushelfen. Allerdings sehen Mirkas Chancen so aus: Pflege ohne Vertrag, Wohnen gegen Arbeit und schlechte Bezahlung.
Der Befund der Soziologin Urbańska ist eindeutig: Der Staat hilft Frauen wie Mirka nicht, also hilft das Dorf. Diese Hilfe bekommen aber vor allem jene, die schon vorher gearbeitet haben, gesund sind, viele Leute kennen und zum Beispiel Auto fahren können.
Für Frauen – egal ob in Polens oder Deutschlands ländlichem Raum – heißt das: Wie sie eine Scheidung überstehen, hängt nicht nur von ihnen selbst ab – sondern davon, ob es Arbeit gibt, ob sie eine Wohnung bezahlen können und ob sie Menschen finden, die zu ihnen halten.