Bröckelnder Putz, eine verdreckte Ecke, aufgetürmter Bauschutt und immer wieder ein kleines schwarzes Thermometer. Die Anzeige springt von 31 auf 32, 34 Grad. Dann 30 und schließlich 29 Grad Celsius. Der Wahlwerbespot auf Facebook stammt aus dem Hitzesommer vor zwei Jahren.
Péter Magyar trägt darin ein TISZA-Shirt und steuert in Slowmo durch ein Budapester Krankenhaus. Seht selbst, nichts funktioniert, so der Gestus: Der Staat versagt, das ist menschenunwürdig und lebensgefährlich. Zwischen diesem Wahlwerbespot und dem TISZA-Sieg liegen nur zwei Jahre.
Am 12. April 2026 wählten so viele Menschen TISZA wie nie zuvor eine ungarische Partei. Damit beendeten sie 16 Jahre Orbánschen Autoritarismus. Zwar gilt Péter Magyar als Gesicht dieser Wahlrevolution in Europas notorischster „elektoralen Autokratie“ – doch wer nur auf Magyar schaut, verengt den Blick auf einen bloßen Ausschnitt aus Ungarns perfektem demokratischem Moment.
5 Punkte zu Péter Magyar
- Magyar heißt übersetzt „Ungar“ oder „ungarisch“
- Er ist 45 Jahre alt und hat drei Kinder
- War über 20 Jahre Mitglied in Orbáns Fidesz-Partei und bis 2023 mit Orbáns Justizministerin Judit Varga verheiratet
- Im Februar 2024 bricht er öffentlich mit Fidesz auf Facebook, tritt im April 2024 der Kleinstpartei TISZA (Tisztelet és Szabadság“, auf Deutsch: “Respekt und Freiheit”) bei
- Seit April 2024 ist er TISZA-Vorsitzender, seit 9. Mai 2026 Ministerpräsident von Ungarn
Denn dahinter befinden sich unzählige Gesichter und Stimmen, die gemeinsam darauf hingearbeitet haben. Diejenigen, die den Status quo jahrelang lautstark skandalisierten. Diejenigen, die demokratische Forderungen formulierten und versuchten, jene möglichst niederschwellig zu gestalten. Und diejenigen, die sich freiwillig überall im Land zusammenschlossen.
Damit war die ungarische Wahlrevolution kein „Erdrutsch“ oder eine Naturgewalt, sondern das Ergebnis der klugen, hartnäckigen und unerschrockenen demokratischen Arbeit sehr vieler Menschen. Wie haben sie das erreicht?
Status quo skandalisieren
Kurz vor der Wahl jagte ein öffentlicher Fidesz-Skandal den nächsten. „Flächenbombardement“, so nannte das ein*e aus Quellenschutzgründen anonymisierte Expert*in aus der ungarischen Zivilgesellschaft. Im März 2026 etwa dokumentierten Investigativjournalist*innen des unabhängigen Internetportals „Direkt36“ etliche, teils tödliche Fälle von Infektionen und Verstößen gegen Patient*innenrechte in mehreren ungarischen Krankenhäusern – und machten die Regierung dafür verantwortlich.
Nur wenig später machte eine andere, länderübergreifende Recherche namens „Kremlin Hotline“ öffentlich, wie Orbáns Außenminister gegenüber russischen Ministern direkte Hilfe gegen EU-Sanktionen zusicherte.
Ab März 2026 schauten viele den Dokumentarfilm „The Price of a Vote“, welcher Wahlmanipulation, Stimmenkauf und Einschüchterung von Wähler*innen in ländlichen Regionen Ungarns zeigte.
Zwar kontrollierte die Fidesz-Regierung rund 80 Prozent der Medienlandschaft, das hielt die unabhängige Presse jedoch nicht davon ab, weiter zu veröffentlichen. Ebenso blieben zivilgesellschaftliche Akteure von Einschüchterungsversuchen unbeeindruckt und kämpften mit harten Bandagen.
Ungarns größte Kampagnenorganisation „aHang“ – eine Schwesterorganisation von Campact – betrieb ab Oktober 2025 drei faktenbasierte Websites als eine Art faktenbasierten Online-Pranger: „Sie stehlen“, „Sie betrügen“ und „Sie lügen“. Allein durch einen Social-Media-All-in-Ansatz, erreichte „aHang“ eigenen Angaben zufolge etwa 4 Millionen Ungar*innen — fast das halbe Land. Die vielen, durchgängig laut kritisierenden Stimmen aus TISZA, unabhängigen Journalist*innen und zivilgesellschaftlichen Akteuren verstärkten sich dabei gegenseitig, kritisierten laut und öffentlich fast durchgängig dasselbe.
Sie nahmen Fidesz auch bei Themen, die Orbáns Partei sich selbst auf die Fahne geschrieben hatte, in die Verantwortung. Ob Schutz von Familien und Kindern, allgemeine moralische Ordnung, Staatsgelder oder Staatsversagen: So verdichtete sich das Bild eines von der Regierung heruntergewirtschafteten Landes.
Ziel: Maximale Anschlussfähigkeit der Themen
Allerdings kritisierte die TISZA-Partei nicht nur, sie formulierte auch konkrete Forderungen und zwar für sogenannte „bread-and-butter issues“, also Themen des alltäglichen Lebens. Dabei verbanden sie die allgegenwärtige Korruption und autoritären Praktiken mit dem insgesamt niedrigen Lebensstandard und Dingen wie dem maroden Gesundheitssystem.
Dafür gab die TISZA-Partei in ihrem Wahlprogramm konkrete Versprechen. Wie „die Einkommensteuerlast für die 2,2 Millionen Beschäftigten, die weniger als den Medianlohn verdienen, [zu] senken“. Und gleichzeitig „die Mehrwertsteuer auf verschreibungspflichtige Medikamente auf 0 Prozent“ sowie jene „auf Brennholz und gesunde Lebensmittel […] auf 5 Prozent“ ebenfalls zu senken.
TISZA stellte Forderungen, ohne Details zu den Reformvorhaben zu nennen, ohne die fragmentierten Oppositionsparteien mitzunehmen und ohne frühere Fidesz-Wähler*innen auszugrenzen. Dieses Vorgehen, auch “populistisch” genannt, wurde nicht überall nur positiv bewertet — doch damit wurde TISZA für die Bevölkerung maximal anschlussfähig.
Doch nicht nur TISZA-Engagierte arbeiteten in diese Richtung. Die Kampagnenorganisation „aHang“ forderte beispielsweise ein Fernsehduell zwischen Magyar und Orbán. Denn Orbán hatte sich 20 Jahre lang geweigert, an einem teilzunehmen. Zudem eine vollumfängliche EU/ODIHR-Wahlbeobachtungsmission – die auch wirklich kam.
Dazu schloss sich ab 2022 ein weiteres Bündnis zusammen: “Saubere Wahlen”. Darüber konnten sich ungarische Wähler*innen online und vor Ort über Desinformation, Briefwahl und auch eine Art Wahl-Selbstverteidigung aufklären.
Im ganzen Land, digital und vor Ort
„Den großen Durchbruch“, so ein*e Expert*in zu zivilgesellschaftlichen Organisationen, „schaffte ein Kampagnenansatz namens Big Organizing.” Also lose nationale und dezentrale Strukturen mit Freiwilligen in Führungsrollen. Durch diese über mehrere Jahre aufgebaute Freiwilligenstruktur konnten landesweite und lokale Kampagnen miteinander verknüpft werden. Und somit Korruption sowie Staatsversagen direkt vor Ort ausbuchstabiert werden.
Ganz ähnlich arbeiteten die sogenannten „TISZA-Inseln“. Und zwar mit „mehr als 2.500 halb-autonomen, lokalen, zivilen Gruppen“, beschreibt die Politikwissenschaftlerin Hannah Folsz. Laut der NGO „D-Hub“ veranstalteten sie Treffen und Foren, verteilten Flugblätter, organisierten Veranstaltungen und Wohltätigkeitsaktionen, betrieben Straßenstände und knüpften aktiv Beziehungen an Orten, an denen oppositionelle Politik fast verschwunden war. Aus diesem Netzwerk heraus engagierten sich in ganz Ungarn „etwa 50.000 Freiwillige“ für den TISZA-Sieg bei den Parlamentswahlen 2026, sagt Folsz.
Der Fall Ungarn zeigt ganz direkt, wie viele Bürger*innen sich in Freiwilligenstrukturen nicht nur einmalig mobilisieren, sondern nachhaltig demokratisch aktivieren lassen. Die vielleicht wichtigste Schlussfolgerung hieraus könnte sein: Selbst 16 Jahre Autoritarismus macht Menschen nicht politisch passiv. Sie sind bereit, Veränderung selbst mitzugestalten und voranzuschieben – sobald diese Veränderung glaubwürdig wird.
Gemeinsam das Blatt wenden
Am 12. April 2026 hat Ungarn gewählt. Sei es die Wirtschaft des Landes, die Diskriminierung von Minderheiten oder das zur Rechenschaft ziehen derer, die sich strafbar gemacht haben: Nach 16 Jahren Orbánschen Autoritarismus ist der Handlungsbedarf für den demokratischen Wiederaufbau enorm.
Das bedeutet, bis zur Normalität ist es noch ein weiter Weg. Das Land wird gerade erst „wieder nüchtern“ und fühle sich weniger gestresst an, beschreibt ein*e Bürgerrechtler*in sechs Monate nach der Wahl. Bislang befand sich Ungarn in einer wohlverdienten Verschnaufpause.
Doch nun beginnt eine neue Phase der Redemokratisierung. Dazu das post-autoritäre Trilemma, schnell, effektiv und rechtmäßig regieren zu müssen. Das ist für eine neue, unerfahrene Regierung zwar herausfordernd, doch in der parlamentarischen Supermehrheit liegt auch große Handlungsmacht. Das muss die ungarische Zivilgesellschaft gut im Auge behalten – und das weiß sie.
Auch, wenn niemand mit Sicherheit sagen kann, wie es weitergeht, lassen sich folgende Dinge festhalten: Ungarns perfekter demokratischer Moment gehört nicht nur diesem einen Mann, dessen Nachname Magyar auch “der Ungar” bedeutet. Sondern er gehört sehr, sehr vielen Ungar*innen, die gemeinsam jahrelang auf genau diesen Moment, ihren Moment, hingearbeitet haben.
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