Durch ständig steigende Miete und Nebenkosten ist es mir unmöglich ohne das Wohngeld die Miete zu zahlen. Ich weiß nicht, wie meine Kinder und ich dann leben sollen? Ich schlafe schon im Wohnzimmer, weil wir nicht genügend Wohnraum haben. Die Lebenshaltungskosten sind bekanntlich auch explodiert. Ich habe große Angst vor dem neuen Jahr!
Alleinerziehendes Elternteil mit drei Kindern, chronisch krank und angestellt in Teilzeit
Solche und weitere Zuschriften erreichten uns im Oktober. Dieses Elternteil und weitere Tausende Menschen haben Angst: vor der geplanten Reform des Wohngelds, eines finanziellen Zuschusses zu den Wohnkosten für Bürger*innen mit geringem Einkommen.
Was die Bundesregierung noch dieses Jahr als „Wohngeldreform“ durchbringen will, bedeutet für 1,3 Millionen Haushalte knallharte Kürzungen. Gelten sollen die neuen Wohngeldregeln, wenn es nach Union und SPD geht, bereits ab dem 1. Januar 2027. Und zwar für alle, die die Unterstützung dann erstmals beantragen oder ihren Wohngeldbescheid nach Ablauf des bewilligten Zeitraums erneuern.
Was plant die Regierung beim Wohngeld?
Durch Modifikationen bei der Berechnung und sinkende Freibeträge beim Einkommen soll das Wohngeld insgesamt sinken. Rund einem Drittel – etwa 400.000 Haushalten – droht die komplette Streichung des Mietzuschusses. 163.000 Haushalte werden durch die Neuberechnung vom Wohngeld in die Grundsicherungssysteme wechseln. Die Grundsicherung ist deutlich prekärer als das Wohngeld. Denn sie bringt zusätzliche Risiken: neue Zuständigkeiten, strikte Regeln bis hin zu Sanktionen und strengere Vermögensprüfungen.
Dieser Kürzungshammer trifft vor allem Haushalte, die sowieso schon jeden Euro zweimal umdrehen, um monatlich ihre nötigen Ausgaben stemmen zu können.
„Bitter, aber nicht anders machbar“
Laut Bauministerin Verena Hubertz (SPD) sind die geplanten Kürzungsmaßnahmen „sehr bitter, aber nicht anders machbar“. Die Bundesregierung betont: Sie muss sparen. Außerdem braucht Hubertz’ Ministerium Budget, um in bezahlbaren Wohnraum investieren zu können. Das klingt zunächst plausibel. Allein im Jahr 2027 sollen die Wohngeldkürzungen dem Bundeshaushalt 1,2 Milliarden Euro einbringen.
Doch Bauen dauert. Zwischen Baugenehmigung und Fertigstellung einer Wohnung können in Deutschland im Schnitt etwa zwei Jahre vergehen. Und ob der neu geschaffene Wohnraum dann auch tatsächlich bezahlbar ist, ist nicht sicher. Laut Deutschem Mieterbund ist die Zahl der Sozialwohnungen im Jahr 2025 trotz gestiegener Förderzahlen sogar gesunken. Der Plan geht also nicht auf.
Bis genügend bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht, bleiben die Menschen in der Mietenkrise und bangen nach den Wohngeldkürzungen um ihr Zuhause.
Menschen stehen vor dem Nichts
Die Schwestern Antje und Kirsten Schellack haben die geplanten Wohngeld-Kürzungen neben anderen Einschnitten im Sozialstaat besonders berührt: „Denn wenn Menschen das eigene Zuhause nicht mehr bezahlen können, stehen sie buchstäblich vor dem Nichts.“
Deshalb haben sie eine Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, gestartet. Sie fordern die Bundesregierung und insbesondere die SPD auf, die Betroffenen nicht im Stich zu lassen. Sie müssen die geplanten Wohngeldkürzungen zurücknehmen und sich dafür einsetzen, dass die aktuelle Berechnungsformel und die Heizkostenkomponente in voller Höhe erhalten bleiben. Außerdem soll das Wohngeld nicht gekürzt, sondern wie ursprünglich geplant in 2027 erhöht und regelmäßig an die Mieten angepasst werden.
Wohnen ist ein Menschenrecht. Wer nicht weiß, wie er die Miete am Ende des Monats zahlen soll, lebt unter ständiger Existenzangst. Ausgerechnet beim Wohngeld sparen zu wollen, zeigt, wie fern die Bundesregierung von den Lebensrealitäten vieler Menschen ist.
WeAct-Petentinnen Antje und Kirsten Schellack
Einhundert Mal: Sorgen
Gemeinsam mit WeAct haben Antje und Kirsten Schellack im Oktober ihre mittlerweile rund 60.000 Unterzeichner*innen und Campacts Social-Media-Community gefragt: Bekommt ihr Wohngeld? Was machen die geplanten Kürzungen mit euch? Rund 100 Menschen haben geantwortet und schickten herzzerreißende Berichte. Darunter Rentner*innen, besorgte Eltern von Azubis, Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen, Familien und Alleinerziehende mit Kindern.
Ich beziehe zur Zeit Wohngeld und Unterhaltsvorschuss, eines soll ganz gestrichen werden, das andere gekürzt. Wie ich dann das Leben von mir und meiner Tochter finanzieren soll, keine Ahnung.
Anonyme Einsendung eines alleinerziehenden Elternteils
Sie haben Sorgen, bis hin zu Existenzängsten. Ein Großteil erhält das Wohngeld ergänzend zu anderen Leistungen, wie Alters- oder Erwerbsminderungsrente, Krankengeld oder Unterhaltsvorschuss. Diese Menschen sind unverschuldet in eine vulnerable Lage geraten und in dieser Ausnahmesituation auf finanzielle Unterstützung angewiesen.
Bei anderen reicht das Geld trotz Arbeit nicht: beispielsweise bei Alleinerziehenden in Teilzeit. Aber auch Busfahrer*innen, Erzieher*innen, ein Schreiner, eine Geschäftsführerin eines Buchladens und ein 74-Jähriger mit Minijob berichten. Sie arbeiten – und stocken auf. Was außerdem auffällt: Viele Schreibende sind Rentner*innen und ehemals Alleinerziehende. Sie verbinden ihre Lage ausdrücklich mit Care-Arbeit, Lohnlücke und Scheidung.
Wenn das Wohngeld wegfällt, können wir uns keinen Urlaub mehr leisten und gleichzeitig werden unsere Gebühren für den Kindergarten nicht mehr übernommen. Wie kann das sein, dass man trotz Arbeit arm ist?
Vierköpfige Familie, ein Elternteil arbeitet in Teilzeit, da ein Kind einen Pflegegrad hat
Einige der Berichtenden haben konkrete Angst, ihre Wohnung zu verlieren, wenn sie ihre Miete ohne Mietzuschuss nicht mehr zahlen können. Und die Sorgen betreffen nicht nur die eigene Lage: Manche sehen die Gefahr, dass die Kürzungen der Sozialleistungen eine Gesellschaft weiter spalten, die ohnehin enorm unter Druck steht.
Kein Wohngeld. Keine Grundsicherung. Kein Kinderzuschlag.
Die geplante Wohngeldreform trifft laut Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) 1,1 Millionen Kinder. Und: Viele Familien verlieren mit der Wohngeldreform nicht nur ihren Anspruch auf das Wohngeld, sondern sind auch von Folgekürzungen betroffen.
Denn Eltern mit Kindern, die aus dem Raster für Wohngeld fallen und gleichzeitig keinen Anspruch auf Grundsicherung haben, verlieren den Zugang zu Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT). Laut Berechnungen des DGB trifft das zukünftig schätzungsweise 92.000 Familien – mit 194.000 Kindern.
Zu den Leistungen gehören eine Pauschale für den Schulbedarf, Nachhilfe, das gemeinsame Mittagessen in Schule, Hort und Kita, Fahrtkosten zur Schule sowie monatlich 15 Euro für Sportverein, Musikschule oder andere Freizeitangebote. Für Familien mit Kindern und geringem Einkommen sind die Kürzungen gleich doppelt belastend.
Kein Mittagessen mehr in der Schulkantine, kein Zuschuss mehr für Nachmittagsaktivitäten, keine Teilhabe mehr an denjenigen Schulveranstaltungen, die etwas kosten. Auch das Schwimmbad im Sommer wäre für uns ohne die Vergünstigung nicht bezahlbar gewesen. Für all diese Kinder bedeutet der Wegfall des Wohngelds real und ganz konkret den Ausschluss aus der sozialen Teilhabe.
Elternteil, das Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht
Das Wohngeld hält Menschen über der Armutsschwelle
Die Mietunterstützung ersatzlos zu streichen, grenzt an grobe Fahrlässigkeit. Laut DGB hält das Wohngeld derzeit rund 357.000 Menschen über der Armutsschwelle. Ohne den Mietzuschuss steigt die Quote laut DGB von 16,1 auf 16,6 Prozent.
Der eigentliche Skandal ist, dass bei vielen Familien gleich doppelt gekürzt wird. (…) Das ist umso schäbiger, weil die Union keine Anstalten macht, selbst sehr große Vermögen und sehr hohe Einkommen heranzuziehen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Ein solcher Kahlschlag steht für den kompletten Verlust eines sozialen Kompasses.
Anja Piel, DGB Vorstandsmitglied
Die SPD schlägt mit ihrem Sparvorhaben einen Wechselkurs ein. Denn war es nicht die SPD, die die große Wohngeldreform 2022 als „Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ auf den Weg gebracht und den Kreis der Empfänger*innen ausgeweitet hat? Für rund 1,3 Millionen Haushalte war das eine echte Erleichterung. Seitdem sind die Mieten und Lebenshaltungskosten weiter gestiegen und mit ihnen auch der Bedarf nach Wohngeld.
„Infolge der Wohngeldreform würden die finanziellen Spielräume und die materielle Ausstattung von Familien mit ohnehin niedrigem Erwerbseinkommen drastisch eingeschränkt und das Kinderarmutsrisiko deutlich verstärkt“, sagt Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes. Besonders für die betroffenen Kinder wäre das laut Hofmann schwerwiegend und folgenreich. Denn das Aufwachsen in Armut wirke sich negativ auf ihr ganzes Leben, ihre Entwicklung und ihre Zukunftschancen aus.
Mit dabei: Deutscher Gewerkschaftsbund und Deutsches Kinderhilfswerk e.V.
Rund 60.000 Menschen fordern deshalb gemeinsam mit Antje und Kirsten: Keine Kürzungen beim Wohngeld! Mehr noch: Die beiden Schwestern bündeln den Protest. Der Deutsche Gewerkschaftsbund und das Deutsche Kinderhilfswerk e.V. unterstützen nun ebenfalls ihre WeAct-Petition.
Auch aus den Reihen der SPD gibt es seit Bekanntgabe der Kürzungsvorhaben kritische Stimmen. Schon im August haben die SPD-Landesvorsitzenden Steffen Krach (Berlin) und Ulf Kämpfer (Schleswig-Holstein) ihre Parteikollegin, Bauministerin Verena Hubertz, öffentlich aufgefordert: „Die geplanten Wohngeldkürzungen müssen zurückgenommen werden.“ Auch Kolleg*innen aus Nordrhein-Westfalen sprechen sich gegen die Kürzungen aus und befürchten eine „vertiefte soziale Spaltung“.
Am Mittwoch, 4. November, findet die öffentliche Anhörung im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen statt. Danach wird der Gesetzesvorschlag in die zweite und dritte Lesung im Bundestag gehen. In den nächsten Tagen wird sich also zeigen, ob die Bundesregierung aus Union und SPD ihre Kürzungspläne zurücknimmt – oder Rentner*innen, Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen, Familien und Alleinerziehende mit Kindern für eine Mietenkrise bestraft, die sie nicht verursacht haben.