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5-Min-Info: Spekulation mit Nahrungsmitteln!

Spekulation mit Nahrungsmitteln treibt die Preise in die Höhe und führt zu millionenfachem Hunger. Wenn Spekulanten auf steigende Preise von Mais und Weizen wetten, können sich die Menschen am anderen Ende der Welt das tägliche Brot nicht mehr leisten. Doch das Recht auf Nahrung muss wichtiger sein als die Profite der Banken! Appellieren Sie an Finanzminister Schäuble und Landwirtschaftsministerin Aigner, dem Geschäft mit dem Hunger bei der anstehenden EU-Finanzmarktreform effektive Riegel vorzuschieben.

Wenn das Brot unbezahlbar wird

Menschen in den so genannten Entwicklungsländern geben mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. In den Industrieländern sind es nur 10 bis 20 Prozent. Für die Ärmsten der Armen sind Preissteigerungen bei Brot und Getreide daher eine existenzielle Bedrohung. Hunger führt zu Krankheit und Tod. Allein im Jahr 2010 stiegen die Nahrungsmittelpreise weltweit um ein Drittel, wodurch mehr als 40 Millionen Menschen zusätzlich in absolute Armut stürzten. Das Welternährungsprogramm nennt die Preissteigerungen der letzten Jahre einen “stillen Tsunami”.

Grafik: Anlagevolumen in Indexfonds und Preisentwicklung von Grundnahrungsmitteln

Anlagevolumen in Indexfonds und Preisentwicklung von Grundnahrungsmitteln. Quelle: Oxfam

Was macht das Brot an der Börse?

Im Jahr 2000 brachte die Finanzlobby die Regulierungsbehörden in den USA und in Europa dazu, die bis dahin geltenden Beschränkungen für die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu lockern oder aufzuheben. Bis dahin sicherten sich Produzenten und Verarbeiter von Rohstoffen auf den Rohstoffbörsen gegen Preisschwankungen ab, indem sie so genannte Futures kauften und verkauften. Das sind Verträge über die zukünftige Lieferung von Waren zu einem von vornherein vereinbarten Preis. So kann beispielsweise ein Brotfabrikant für seine Produktion sicher kalkulieren, wenn er mit einer Weizenlieferung zu einem festen Preis rechnen kann. Und ein Bauer kann seinen Anbau planen, wenn er weiß, welchen Preis er für eine bestimmte Menge an Getreide bekommt.

Eine kleine Gruppe von Spekulanten hatte auf diesen Märkten ebenfalls eine wichtige Rolle: Sie sorgten dafür, dass sich für alle Angebots-Futures auch Abnehmer/innen finden und umgekehrt. Doch der Anteil der Spekulanten an den Rohstoffmärkten hat sich von etwa 20 Prozent vor der Deregulierung auf heute 80 Prozent erhöht. Banken und Fonds haben Nahrungsmittel als profitable Anlagemöglichkeit entdeckt. Die zynische Formel bei diesen Wetten lautet: Je höher der Brotpreis, umso höher der Gewinn!

Spekulation heizt die Preise an

Preiswetten auf steigende Rohstoffpreise werden heute von Banken, Versicherungen und Pensionsfonds als sichere Anlagen angepriesen, denn durch die wachsende Weltbevölkerung und die stetige Nachfrage nach Rohstoffen würden die Preise langfristig steigen. Gerade nach dem Platzen von Börsenblasen wie der Internetblase im Jahr 2000 oder der Immobilienblase in 2008 suchten Banken und Fonds nach Alternativen für ihre Anleger/innen. Deutsche Banken und Versicherungen sind ganz vorne mit dabei: Sie haben rund 11 Mrd. Euro in Agrarrohstoffen angelegt, das ist ein Sechstel des weltweiten Anlagevolumens.

Auf den ungeheuren Zustrom dieser Geldmengen waren die vergleichsweise kleinen Warenterminmärkte nicht ausgerichtet. Der viel zu hohe Anteil an Spekulanten führte dazu, dass Warenterminmärkte immer mehr wie Aktienmärkte funktionierten - gesteuert vom Herdentrieb der Anleger. Je mehr Geld in die Agrarfonds fließt, desto mehr treibt das die Preise, was wiederum mehr Anleger anzieht. Da die Spekulanten auf die langfristig steigenden Preise wetten, kaufen sie Rohstoff-Futures und erhöhen damit die Nachfrage. In der Folge verkaufen die Anbieter teurer. Außerdem kaufen die Spekulanten gerade dann massenhaft Weizen-Futures, wenn sie von einer drohenden Dürre oder Missernte erfahren. Mit diesem Verhalten treiben sie die steigenden Preise zusätzlich in die Höhe.

Die Schwankungsbreite der Future-Preise an den Rohstoffterminmärkten - Volatilität genannt - hat dementsprechend seit der Deregulierung erheblich zugenommen. Schwankten die Preise für Weizen-Futures in Chicago bis 2004 nur um 20-30 Prozent übers Jahr, so sind es seit Einstieg der Fonds bis zu 70 Prozent. Als Folge erzeugen die Futures-Börsen genau die Unsicherheit, für deren Entschärfung sie ursprünglich gedacht waren.

Auch wenn die Banken diesen Zusammenhang bestreiten: Die steigenden Preise wirken sich auf den physischen Markt für Brot und Weizen aus, weil einzig die Terminbörsen einen umfassenden Überblick über die Marktlage gewähren. Die regionalen Rohstoffbörsen orientieren sich an den allgemeinen Future-Preisen, weswegen kein Händler seine Ware beträchtlich billiger oder teurer anbieten würde als dafür auf dem Futures-Markt gezahlt wird.

Inzwischen orientieren sich die Preise für Nahrungsmittel nicht mehr an Angebot und Nachfrage, der Qualität von Ernten oder den Lagerbeständen, sondern an den Börsenkursen. Das globale Finanz-Casino hat den Rohstoff-Markt erobert und treibt dort ein gefährliches Spiel mit dem Hunger.

Grafik: Anlagevolumen in Indexfonds und Preisentwicklung von Grundnahrungsmitteln

Angebot und Preisentwicklung von Getreide. Quelle: FAO

Herr Schäuble, beenden Sie das Spiel!

Bei der anstehenden EU-Finanzmarktreform könnten der Spekulation mit Nahrungsmitteln effektive Riegel vorgeschoben werden. Die heiße Phase in Brüssel beginnt im Herbst. Bis dahin wollen wir möglichst viele Unterschriften unter unseren Appell an Herrn Schäuble sammeln und an ihn überreichen. Finanzminister Schäuble und Kanzlerin Merkel haben sich – im Gegensatz zu Frankreich – bis heute nicht klar dazu bekannt, dass Sie der Spekulation mit Nahrungsmittel Grenzen setzen wollen. Landwirtschaftsministerin Aigner sagt deutlicher, dass Nahrungsmittel nicht "zum Objekt von Zockern werden" dürfen, sitzt aber nicht direkt am Verhandlungstisch.

Wir fordern von der Bundesregierung, sich hinter unsere Forderungen nach einer Regulierung der Rohstoffmärkte zu stellen:

Transparenz an den Rohstoffbörsen durchzusetzen (z.B. durch strenge Berichtspflichten)

ein Verbot von Investmentfonds an den Agrarrohstoffmärkten

strikte Beschränkungen für den Terminhandel mit Nahrungsmitteln (zum Beispiel durch unumschiffbare Positionslimits)

Wirksame Kontrollen durch starke Aufsichtsbehörden, die auch präventiv eingreifen können.

 

Transparenz: Besonders wichtig ist es, den Handel mit Rohstoffen aus undurchsichtigen und regellosen “dark pools” des außerbörslichen Handels zurück an die Börsen zu holen. Eine Mindestanforderung, die auch die EU-Kommission vorgeschlagen hat, sind strenge Berichtspflichten für den Handel außerhalb der Börsen.

Verbot von Investmentfonds: Es hat keinerlei gesellschaftlichen oder volkswirtschaftlichen Nutzen, dass sich private Investoren virtuell Getreidesäcke in ihr Depot legen. Deswegen müssen Fonds an Agrarrohstoffmärkten verboten werden.

Positionslimits: Die Zahl der zum Zwecke der Spekulation geschlossenen Warentermin-Verträge muss begrenzt werden. Dafür braucht es feste Positionslimits, das sind Obergrenzen für die Zahl der Kontrakte, die ein einzelner Händler in einem bestimmten Zeitraum eingehen kann. Die USA haben strengere Positionslimits schon 2010 beschlossen. Jetzt muss die EU-Politik nachziehen und die Rohstoffmärkte neu regulieren.

Film-Spot Nahrungsmittelspekulation von Oxfam. Zum Starten klicken Sie auf das Bild.

Die Aktion gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln führen wir im Bündnis mit den Hilfs- und Kampagnenorganisationen Oxfam Deutschland, Welthungerhilfe, Misereor, Attac, Terre des Hommes, Medico International, WEED und dem Südwind-Institut durch.

Fragen, die uns zum Thema Nahrungsmittelspekulation von Aktionsteilnehmer/innen erreicht haben, beantworten wir in der FAQ:

Auch wenn die Banken und einige Ökonomen den Zusammenhang von exzessiver Spekulation und dem Ansteigen und Schwanken von Lebensmittelpreisen noch immer leugnen, es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die dies mit Zahlen und Argumenten belegen. Eine Auswahl zum Weiterlesen finden Sie hier:

Grafik Hunger: Wäre die Welt ein Dorf mit 100 Menschen...

Wäre die Welt ein Dorf mit 100 Menschen... Quelle: http://www.detailverliebt.de