Energie Klimakrise AfD Rechtsextremismus Verkehr Alltagsrassismus Antirassismus Naturschutz Umwelt Tierschutz

Als der designierte Kanzler Friedrich Merz Ende April 2025 sein Kabinett vorstellte, waren einige politische Beobachter*innen überrascht. Denn viele der dort aufgeführten Namen waren bisher eher im Hintergrund unterwegs gewesen, wie zum Beispiel der jetzige Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder. Auch Katherina Reiche war eine überraschende Besetzung, hatte sie der Bundespolitik doch eigentlich vor zehn Jahren den Rücken gekehrt. 

Von einigen Kolleg*innen wird Wirtschaftsministerin Reiche für ihre Praxisnähe, Durchsetzungskraft und wirtschaftliche Kompetenz gelobt. Kritik an der Politikerin kommt aus der Opposition, der Zivilgesellschaft, aber auch aus den eigenen Reihen in der CDU. Wer ist die Bundesministerin Katherina Reiche – und warum bringt sie die Energiewende, die 2024 stark vorangetrieben wurde, in Gefahr?

Gas statt Energiewende – Reiche will den Rückschritt

Kampagnengrafik zum Appell "Lobby-Ministerin stoppen: Energiewende verteidigen". Fotomontage mit Katherina Reiche vor kaputten Windrädern.
Grafik: Campact e.V.

Die Wirtschaftsministerin setzt auf fossiles Gas statt auf regenerative Energien – die Gas-Lobby freut das. Mit einem Appell wenden sich über 400.000 Menschen an die Ministerin und stellen sich hinter die Energiewende.

Wer ist Katherina Reiche? 

Katherina Birgitt Reiche wurde am 16. Juli 1973 in Luckenwalde (Brandenburg) als Tochter der Chemikerin Birgitt Reiche und des Chemieingenieurs Klaus Reiche geboren. Auch Katherina studierte, wie ihre Eltern, Chemie, und zwar ab 1992 an der Universität Potsdam. Auslandsaufenthalte führten sie nach Finnland und die USA. 

Ihre Eltern hatten vor der Wende in einem in den Siebzigern verstaatlichten kunststoffverarbeitenden Unternehmen gearbeitet, welches nach der Wende reprivatisiert wurde. Reiches Eltern übernahmen die Geschäftsführung. Katherina Reiche und ihr Bruder Felix waren bis 2003 an der Firma als Gesellschafter*innen beteiligt. 

Privatleben: Freunde, Kinder, Partnerschaft mit Karl-Theodor zu Guttenberg 

Über Katherina Reiche privat ist nicht viel bekannt. Sie ist Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn. Vom Vater ihrer Kinder, dem ehemaligen CDU-Politiker Sven Petke, lebt sie mittlerweile getrennt. Über eine Beziehung mit dem ehemaligen Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wurde schon länger spekuliert. Im April 2025 hat sie diese Beziehung öffentlich gemacht. Der CSU-Politiker zu Guttenberg gab im Jahr 2023 die Trennung von seiner Frau Stephanie bekannt.

Laut Recherchen von Spiegel Online fördert Reiches Wirtschaftsministerium eine Firma, an der auch ihr Lebensgefährte Karl-Theodor zu Guttenberg beteiligt ist. Dabei handelt es sich um die Münchner Firma GovRadar GmbH. Laut Spiegel wurde am 8. September eine Auszahlung von 287.236 Euro an das Start-up bewilligt.

Kennen sich bereits von früher: Im Jahr 2010 besucht der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg das Einsatzführungskommando der Bundeswehr. Katherina Reiche, damals Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, begleitet ihn.
Kennen sich bereits von früher: Im Jahr 2010 besucht der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg das Einsatzführungskommando der Bundeswehr. Katherina Reiche, damals Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, begleitet ihn.
Foto: IMAGO / Christian Thiel

Wie war die politische Karriere von Katherina Reiche bisher? 

Nach Abschluss ihres Diploms in Chemie 1997 wandte sich Katherina Reiche vollständig der Politik zu. Aber auch schon vorher engagierte sie sich politisch: 1992 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des Rings Christlich-Demokratischer Studenten an der Universität Potsdam. 

1996 trat sie in die CDU ein. Zwei Jahre später zog sie als Abgeordnete für Potsdam in den Deutschen Bundestag ein. Reiche war damals mit 25 Jahren die jüngste CDU-Politikerin im Bundestag. Unterboten wurde das bei der nächsten Wahl von Jens Spahn, der mit 22 Jahren als Direktkandidat in den Bundestag einzog. 

Ihre Stationen im deutschen Bundestag und in der Wirtschaft

  • 2002 bis 2005: Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Bildung und Forschung“ der Union-Bundestagsfraktion
  • 2005 bis 2009: Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, zuständig für Bildung, Forschung, Umwelt und Sicherheit 
  • 2009 bis 2013: Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium
  • 2013 bis 2015: Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium

Bis 2015 blieb die Diplom-Chemikerin dem Bundestag treu, dann schied sie auf eigenen Wunsch aus – und wechselte ohne Übergangszeit in die Wirtschaft. 

Sie arbeitete zunächst für den „Verband kommunaler Unternehmen“ (VKU), einenm Lobbyverband für etwa 1.500 Stadtwerke. Viele der VKU-Unternehmen sind im Gas-Geschäft tätig und haben aktiv gegen das Heizungsgesetz Stimmung gemacht. 2020 dann der nächste Wechsel, diesmal als Vorstandsvorsitzende zum Energieversorger Westenergie AG. Das Tochterunternehmen des Energieriesen Eon ist einer der größten Gasnetzbetreiber Deutschlands. Zu Beginn der Legislaturperiode 2025 holt Merz Reiche zurück in die Politik – weg vom Management-Sessel eines Gas-Konzerns, hinein ins Wirtschafts- und Energieministerium. 

Eine erfolgreiche Frau aus Ostdeutschland, die ganz oben im politischen Betrieb mitentscheidet – eigentlich ein Grund zur Freude, sind doch so wenige Frauen in entscheidenden politischen Positionen.

Was sind ihre politischen Standpunkte? 

Ihr Werdegang prägt die energiepolitischen Positionen der Wirtschaftsministerin: Die Gaslobbyistin stellt die Klimaziele infrage und will Milliarden in Gas als fossilen Energieträger investieren statt in Wind und Sonne.

Und wie steht sie zu anderen Themen? Reiche hat sich immer wieder gegen gleichgeschlechtliche Partner*innenschaften und Regenbogenfamilien gestellt. „Unsere Zukunft liegt in der Hand der Familien, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften“, sagte Bundesministerin Reiche 2012 in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Bis heute hat sich die Bundesministerin nicht von dieser Aussage distanziert. 2002 unterstützte sie die Klage der unionsgeführten Länder Bayern, Sachsen und Thüringen gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz – es sei ein „Angriff auf Ehe und Familie“. 

Wie steht sie zur Energiewende-Politik? 

Sind die Rekordzeiten der Energiewende in Deutschland 2024 also offiziell vorbei?

Die Pläne der vorherigen Regierung und ihres Vorgängers Robert Habeck (Grüne), Deutschlands Energieversorgung auf klimaneutrale und günstige Energiequellen wie Wind- und Sonne umzustellen, hält die neue Ministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche für „völlig überzogen“. Auch an der gesetzlich fixierten deutschen Klimaneutralität bis 2045 hat sie etwas auszusetzen: „Ich weiß nicht, ob sich das jemand wirklich durchgerechnet hat“, sagt sie spöttisch über das Klima-Ziel, auf das sich auch ihre eigene schwarz-rote Regierung im aktuellen Koalitionsvertrag geeinigt hat. 

Reiche will Förderung für private Solaranlagen streichen 

Im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) plant sie, die fixe Förderung für private Solaranlagen und den Vorrang für große Wind- und Solarkraftwerke in zahlreichen Regionen zu streichen. Stattdessen setzt sie auf den Bau zahlreicher Gaskraftwerke. Das führt zu massiver Verunsicherung: Nach Rekordjahren unter der Ampel-Regierung melden sich heute kaum noch Unternehmen auf Ausschreibungen für neue Windparks. Habeck hatte die Erneuerbaren gezielt gefördert – und sie so zum größten Stromlieferanten des Landes gemacht. Diesen Erfolg will Reiche rückgängig machen. Und das, obwohl wir die Klimaziele nur mit noch mehr grünem Strom erreichen können.

Auch das sogenannte „Heizungsgesetz“ will Reiche abschaffen. Gemeint ist das Gebäudeenergiegesetz – dieses sieht seit 2023 lediglich vor, dass neue Heizungen unter bestimmten Voraussetzungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Dazu gehören Fernwärme, Solarthermie, Biomasse, wasserstofffähige Gasheizungen, Strom- und Hybridheizungen. Dennoch fordert Reiche wiederholt: „Schluss mit dem Zwang zur Wärmepumpe“. Mit Falschinformationen verunsichert sie Hausbesitzer*innen, Heizungsbetriebe und Kommunen. Die Energieministerin will alte Öl- und Gasheizungen unbegrenzt weiterlaufen lassen, trotz der gesetzlich verankerten Klimaneutralität bis 2045.

Eine soziale Gestaltung der Energiepolitik ist Reiche egal. Eine Senkung der Stromsteuer, wie im Koalitionsvertrag versprochen, gibt es erstmal nur für Industrie und Landwirtschaft. Besonders profitieren Chemie-, Metall- oder Zementindustrie. Ministerin Reiche rechtfertigte dies mit fehlenden finanziellen Mitteln: „Hier trifft dann sozusagen Koalitionsvertrag auf finanzielle Möglichkeit und Wirklichkeit.“ Ihr Koalitionspartner SPD wirft ihr deshalb den Bruch des Koalitionsvertrags vor.

Welche Kritik gibt es an der CDU-Politikerin? 

Und genau hier setzt die Kritik an der Ministerin Katherina Reiche an. Verbände wie Lobbycontrol hatten bereits 2015 ihren nahezu fliegenden Wechsel in die Wirtschaft kritisiert, ebenso ihre nahtlose Rückkehr zehn Jahre später. „Von der Energieunternehmerin zur Energieministerin“, hieß es. „Die neue Gas-Ministerin“ oder „Fossil-Ministerin“ wird Katherina Reiche von Journalist*innen genannt. Und diesem Bild scheint sie mehr als gerecht zu werden. Sie ist eine leidenschaftliche Fürsprecherin von fossilen Energien, vor allem von Gas – also genau dem Energieträger, mit dem sie als Vorstandsvorsitzende bei der Westenergie AG zuletzt vor allem zu tun hatte. 

Reiche, Ministerin mit Nähe zur Gas-Lobby

Reiche will, nach eigener Aussage, die Energiepolitik und das Heizungsgesetz „technologieoffener, flexibler und einfacher“ gestalten. Kritiker*innen sagen, dass diese Begriffe nur verschleiern, was sie wirklich plant: Auch in Jahrzehnten noch klimaschädliches Öl und Gas zu verheizen. Statt uns schrittweise von fossilen Energieträgern unabhängig zu machen, will sie die Nutzung „weiterentwickeln“. Bereits zu Beginn ihrer Amtszeit setzte sie sich dafür ein, mehr neue Gaskraftwerke ans Laufen zu bringen.

Katherina Reiche mit Ministerpräsident Dietmar Woidke (rechts) und LEAG-CEO Adolf Roesch (links) beim Standort Schwarze Pumpe in Brandenburg.
„Gaskraftwerke in der Lausitz werden gebraucht, und sie werden auch gebaut“, sagte Reiche Anfang August bei einem Besuch des Energiekonzerns LEAG in Spremberg (Spree-Neiße). Hier ist die Ministerin zu sehen mit Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD, rechts) und LEAG-CEO Adolf Roesch (links) beim Standort Schwarze Pumpe in Brandenburg. Foto: IMAGO / Frank Ossenbrink

Fraglich, wie ernst Reiche es künftig mit der Energiewende hin zu mehr Klimaschutz noch meint. 

Journalist Hanno Christ für rbb24 Anfang Mai

Ein Zehn-Punkte-Plan von Ministerin Reiche zur Zukunft der Erneuerbaren gleicht auffallend den Forderungen ihrer alten Arbeitgeber RWE und Eon. Auf wen Reiche nicht hört: die Fachleute ihres eigenen Ministeriums. Selbst ein Monitoringbericht, den Reiche bei einem Institut beauftragte, das der Gas-Lobby nahesteht, enthält abweichende Empfehlungen.

Auch der Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 2025 legt Reiches Ziele offen: günstige Gaspreise auf Kosten des Klimaschutzes. 2022 führte die Ampel-Regierung als Reaktion auf den Ukraine-Krieg die sogenannte Gasspeicherumlage ein. Diese Umlage zahlten vor allem die Abnehmer von Gas – neben Privathaushalten auch Industrie, Gewerbe und Energieunternehmen, die zusammen knapp 60 Prozent des Gasverbrauchs ausmachen. Geht es nach Reiche, sollen die Kosten für die Gasumlage zukünftig aus dem Klima- und Transformationsfonds kommen – also ausgerechnet aus dem Budget, das eigentlich für den Ausstieg aus fossilen Energien und für die Förderung klimafreundlicher Technologien gedacht ist. 


Reiche stellt die Klimaziele infrage, poltert gegen die Wärmewende und will statt in Wind und Sonne Milliarden in Gas investieren. Doch ihre Nähe zur fossilen Industrie erregt immer mehr Aufmerksamkeit. Der Ministerin wäre es lieber, ihre Lobby-Verbindungen blieben unbemerkt – gerade deshalb holt Campact sie ins Rampenlicht. Über 440.000 haben bereits den Campact-Appell „Lobby-Ministerin stoppen: Energiewende verteidigen“ unterzeichnet. Hilf mit, die Kampagne groß zu machen – mit Deiner Unterschrift.

Unterzeichne jetzt gegen Reiches fossile Kehrtwende

Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag erschien erstmals am 5. August 2025. Wir haben ihn aktualisiert und erneut veröffentlicht.

Autor*innen

Appelle, Aktionen, Erfolge und weitere Themen aus dem Campact-Kosmos: Darüber schreibt das Campact-Team. Alle Beiträge

Auch interessant

Energie Christoph Bautz Fossiler Frontalangriff aus dem Wirtschaftsministerium Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Sinkende Umfragewerte Mehr erfahren
Energie Hannes Koch Die neue US-Fossilokratie Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Teilzeit Mehr erfahren
CDU Campact-Team R21: Mit Spahns Millionen gegen die Brandmauer?  Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Basta mit der Rente Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Merz‘ Stadtbild Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Erbschaftssteuer Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Haushalt Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Merz, der Kahlschläger Mehr erfahren