Letztes Jahr war ich auf dem CSD in der Lutherstadt Wittenberg, dem ersten Pride in der Kleinstadt im östlichen Sachsen-Anhalt. Eine Bühne auf dem Marktplatz, mehrere Info-Stände, ein paar Hundert Teilnehmer*innen. Die Stimmung war gut, die Reden verhalten optimistisch, am Straßenrand und in den Cafés schauten uns neugierige Beobachter*innen zu.
Eine der Redner*innen auf dem CSD war Luna Möbius. Sie wohnt in Berlin, stammt aber aus Sachsen-Anhalt. Ich weiß noch, wie die Menge bei dem Satz „Ich bin nicht bereit, Sachsen-Anhalt, meine Heimat, den Rechtsextremen zu überlassen“ jubelte. Am Abend fuhr ich mit einem guten Gefühl zurück nach Hause: Der CSD hat queeres Leben in Wittenberg sichtbar gemacht, zumindest für einen Tag.
Queerfeindliches Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt
Geht es nach der AfD ist es mit diesem queeren Selbstbewusstsein in Sachsen-Anhalt bald vorbei. Der Landesverband hat sieben Monate vor der Landtagswahl seinen Entwurf für ein Regierungsprogramm vorgelegt – und skizziert auf mehr als 150 Seiten, wie er das Land umbauen möchte.
Eins zeigt sich beim Lesen schnell: Sachsen-Anhalt scheint laut der AfD fest im Griff der „LGBTQ-Lobby“ und ihrer „Regenbogenideologie“ zu sein. Und das wollen die Rechtsextremen rund um ihren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund möglichst bald ändern – zum Schutz der Familie, zum Schutz der Kinder, der Kultur, ja selbst der Zugewanderten.
AfD: Transfeindlich wie immer
Natürlich hat es die AfD auf trans* Jugendliche abgesehen. Sie will ihnen den Zugang zu Hormontherapien und Pubertätsblockern erschweren. Transgeschlechtlichkeit sei eine „seelische Störung“, gefördert von einer „Translobby und Organisationen, die sich der Regenbogenideologie verschrieben haben“.
Auch die angebliche „staatliche Frühsexualisierung“ hat es weit nach vorne ins Programm geschafft. Das Problem: In den Kitas würden „pervers-linke Fanatiker die Seelen unserer Kinder ins Visier“ nehmen. Damit soll nach einem AfD-Sieg Schluss ein. In Kitas zwischen Salzwedel und Weißenfels müsse dann Zweigeschlechtlichkeit sowie die Familie aus Mann und Frau wieder als „Normalform des Zusammenlebens“ vorausgesetzt werden.
Kitas, Kirchen, Kultur – alles queer
Nicht nur die Kleinsten könnten an queeren Lebensrealitäten Schaden nehmen, fürchtet die AfD. Auch die Identität der Deutschen und von zugewanderten Menschen leidet. „Welcher vernünftige und stabile Türke oder Syrer will denn zu einem von Selbsthass geplagten, zerknirschten Regenbogen-Deutschen werden? Allein die AfD kann den Ausländern eine deutsche Identität vorleben, die attraktiv ist und Lust macht, daran Teil zu haben.“ Das überrascht – schließlich ist die AfD nicht unbedingt für ihr Mitgefühl gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund bekannt.
Doch das Regenbogen-Komplott scheint noch größer zu sein. Selbst die Kirchen sind darin verstrickt. Deshalb will ihnen die AfD die Kirchensteuer streichen – „weil die großen Kirchen nicht mehr den christlichen Glauben pflegen, sondern die Regenbogenideologie“.
AfD Sachsen-Anhalt fordert Verbot der Regenbogenflagge
Große Sorgen macht sich die Partei auch um die Schüler*innen Sachsen-Anhalt – deren „gedeihliche Entwicklung“ in Gefahr sei. Der Grund: Regenbogenflaggen an Schulen. Die gehören verboten, denn die Schule „muss den Kindern vielmehr die normale Familie bestehend aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen, als Vorbild vermitteln.“
Das alles klingt absurd. Wie ein schlechter Witz. Doch das ist es nicht. Die AfD wird die Landtagswahl am 6. September 2026 höchstwahrscheinlich für sich entscheiden. Schon jetzt liegt sie in Umfragen mit rund 40 Prozent weit vorne. Gewinnt sie noch ein paar Prozentpunkte dazu und schaffen es Parteien wie die Grünen nicht in den Landtag, kann sie die absolute Mehrheit holen – und eine Alleinregierung stellen. Dann kann sie ihr Regierungsprogramm umsetzen – inklusive der queerfeindlichen Agenda.
NoAfD-Fonds: Sachsen-Anhalt wehrt sich
Damit es so weit nicht kommt, hat Campact den NoAfD-Fonds aufgesetzt. Mehr als 1,3 Millionen Euro sind bereits zusammengekommen, am Ende sollen es 1,5 Millionen werden. Genau so viel, wie die AfD in Sachsen-Anhalt in den Wahlkampf stecken will.
Der Fonds unterstützt Initiativen und Vereine vor Ort, die unsere Demokratie stärken. Von Haustürgesprächen über Demokratie-Stadtfeste bis zu Plakatkampagnen – mit dem Geld können sie ihre Pläne umsetzen und demokratische Wähler*innen mobilisieren. Die Zivilgesellschaft kann nicht mehr abwenden, dass die AfD im Herbst Jahr stärkste Kraft wird. Aber noch kann sie verhindern, dass die Rechtsextremen zukünftig in Magdeburg regieren.