Klimakrise Soziale Gerechtigkeit AfD Alltagsrassismus Ostdeutschland Rechtsextremismus Datenschutz Montagslächeln Soziale Medien Europa

Breites Grinsen, exakt gebügeltes Hemd, Kopf-Seiten kahl rasiert. Ulrich Siegmund zeigt sich gerne gepflegt, freundlich und akkurat. Wie einer, der es einfach mal anders machen will. Er ist römisch-katholisch aufgewachsen, 2017 ausgetreten, verheiratet und Vater eines Kindes. Für die kommende Landtagswahl 2026 hat ihn die AfD in Sachsen-Anhalt zu ihrem Spitzenkandidaten gewählt. Aber wer ist Ulrich Siegmund?

Wer ist der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt?

Geboren 1990 in Havelberg im Landkreis Stendal, machte Siegmund eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und arbeitete danach in der Vertriebsleitung eines Großhandels. Nach einer Stelle als Key Account Manager in einer Berliner Augenklinik studierte Siegmund von 2013 bis 2016 Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaftslehre. Als selbstständiger Unternehmer gründete er 2014 eine Duftstoff-Firma mit, deren Raumdüfte gezielt Kaufverhalten in Läden beeinflussen sollen.

Mit 19 trat er der CDU bei, verließ sie fünf Jahre später und wechselte 2014 zur AfD. Seit 2016 ist Siegmund Mitglied des Landtags (MdL) von Sachsen-Anhalt. Im August 2022 wurde er Co-Fraktionsvorsitzender der AfD-Landtagsfraktion. Bis Februar 2024 war er Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.

Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt wird seit 2023 vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Und Siegmund steht noch weiter rechts als viele seiner Kolleg*innen.

Was will Ulrich Siegmund? Die „Vision 2026“  

Mit über 97 Prozent wählten die Delegierten Ulrich Siegmund auf dem Magdeburger Parteitag im Mai 2025 zum Spitzenkandidaten – unter tosendem Applaus. Sollte er die Wahl zum Ministerpräsidenten gewinnen, will der 35-Jährige „das ganze Land wieder vom Kopf auf die Füße stellen“. Dahinter verbirgt sich ein radikales 100-Tage-Programm namens „Vision 2026“

Mach Dich auf die Socken!

Demokratie ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Dafür braucht man natürlich die richtigen Socken. Unterstütze Campact jetzt regelmäßig und ergattere ein limitiertes Paar Linke Socken.

Womit der AfDler „die guten alten Zeiten zurückholen“ will. Das bedeutet beispielsweise Gelder für „linksextreme Vereine“ streichen und Schulbesuche in NS-Gedenkstätten abschaffen. Zudem will der AfD-Spitzenkandidat, dass Sachsen-Anhalt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verlässt. Und er will „abschieben, abschieben, abschieben“. Den Begriff „Remigration“ verteidigt der AfD-Spitzenkandidat offensiv. Den Holocaust, das schlimmste Menschheitsverbrechen der deutschen Geschichte, maßt Siegmund sich nicht an „zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann und aus allen Verbrechen dieser Menschheit natürlich lernen muss“, sagt er im Podcast von Politico. Da werden Erinnerungen an Alexander Gaulands „Vogelschiss-Ausssage“ wach. 

Wie rechtsextrem ist Siegmund? Seine Kontakte und Netzwerke

Mit Blick auf sein Umfeld verwundern solche Aussagen nicht. Siegmund pflegt Kontakte zu Rechtsextremen wie Martin Sellner, den er auch auf dem Potsdamer Geheimtreffen traf. Ein weiterer Rechtsextremer, Thorsten G., betreibt den Online-Shop, der Siegmunds Wahlkampfartikel verkauft. Auch zur rechtsextremen Freiheitlichen Partei Österreichs, kurz FPÖ, hat er Kontakt. Und der Titel seines 100-Tage-Programms erinnert auffällig an das US-Project 2025; eine rechts-konservative Blaupause für die zweite Amtszeit Donald Trumps. Ein Blick in den offiziellen Programmentwurf der AfD Sachsen-Anhalt verrät, dass das kein Zufall ist. 

Das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt

Ob bei Migration, Demokratie, Medien oder Bildung – überall plant die AfD in Sachsen-Anhalt laut ihrem Programmentwurf tiefgreifende Einschnitte. Das haben Siegmund und seine Leute unter anderem vor:

  • das Grundrecht auf Asyl abschaffen und geflüchtete Ukrainer*innen in einer „Remigrationsoffensive“ zurückschicken,
  • die Briefwahl einschränken und Vereinen sowie Organisationen aus dem „pervers-linken Spektrum“ die staatliche Unterstützung entziehen,
  • die Landeszentrale für politische Bildung auflösen und die staatliche Unterstützung für Kirchen einstellen.

Die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzen, wie der Landesverband Anfang Januar noch groß getönt hat, davon steht zwar nichts in ihrem Programm. Dennoch hat sie ehrgeizige Pläne: Sie will den Geschichtsunterricht an Schulen überarbeiten und Inklusion an Schulen abschaffen. Auch die Regenbogenflagge an Schulen will sie verbieten – stattdessen soll an jedem Schultag die Deutschlandfahne gehisst werden.  

Auch auf trans* Jugendliche hat es die AfD abgesehen. Sie will ihnen den Zugang zu Hormontherapien und Pubertätsblockern erschweren. (Lies hier mehr über das queerfeindliche Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt) Selbst die Landesverwaltung will die AfD umbauen – was das für Beamt*innen in Sachsen-Anhalt bedeuten könnte, liest Du hier.

Die AfD verschweigt in ihrem Wahlprogramm, dass sie viele dieser Vorhaben – etwa die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl – als Landesregierung gar nicht umsetzen dürfte. Das wird auch einer der Gründe sein, warum sie sich schon jetzt auf Widerstand vorbereitet. Laut einem Bericht der Bild stellt die Bundesführung eine „geheime Taskforce“ zusammen. Diese Arbeitsgruppe besteht aus Jurist*innen und soll rechtliche Hürden finden, um mögliche Gegenwehr von Landesregierungen, der Bundesregierung und der Zivilgesellschaft auszuschalten. 

Weit verbreitete Vetternwirtschaft

Die AfD stellt sich als einzige Partei dar, die Deutschland vor den „Altparteien“ retten könne. Seit Jahren unterstellt sie diesen Selbstbereicherung. Dabei macht sie selbst Schlagzeilen mit Vetternwirtschaft: ZDF-frontal deckte auf, dass der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund seinem Vater einen Job im Büro seines Kollegen Thomas Korell verschafft hat. Siegmunds Vater soll hierdurch monatlich 7.725 Euro erhalten haben. 

Und das ist kein Einzelfall: Die AfD in Sachsen-Anhalt beschäftigt systematisch Familienangehörige – die üppige Gehälter kassieren. Auch der AfD-Bundesvorstand geriet dadurch in Bedrängnis. Denn in der gesamten AfD sind Über-Kreuz-Anstellungen wohl weit verbreitet. Der Fraktionsvorstand schätzt, dass rund die Hälfte der 151 Bundestagsabgeordneten direkt oder indirekt von diesen Über-Kreuz-Anstellungen profitieren. 

Anfang 2026 überprüfte der Magdeburger Landtag Ulrich Siegmunds Position in der von ihm mitgegründeten Duftstoff-Firma. Der Grund? Abgeordnete im Landtag Sachsen-Anhalt müssen Ämter wie Vorstandsposten, Aufsichtsrat oder ähnliches angeben. Siegmund hatte zwar eine Tätigkeit gemeldet – nicht aber, dass er seit 2017 Geschäftsführer und mit 50 Prozent sogar Anteilseigner der GmbH war. Siegmund gab den Posten auf, das Verfahren endete April 2026 mit einer Ermahnung.

Wird Ulrich Siegmund der erste AfD-Ministerpräsident Deutschlands?

Die AfD liebt Ulrich Siegmund. Laut Spiegel brüllte der Moderator eines sogenannten „AfD-Familienfest“ immer wieder „Sieg“, während die anwesende Menschenmenge mit „Mund“ antwortete. Immer wieder – bis AfD-Politiker Ulrich Siegmund auftrat. Die Anspielung auf den Nazi-Gruß ist unübersehbar.

Aber nicht nur die AfD feiert den Marketingstrategen, das zeigen die Umfragewerte. Wenn am nächsten Sonntag in Sachsen-Anhalt Landtagswahl wäre, könnte die AfD mit etwa 41 Prozent der Stimmen rechnen, während die CDU auf 26 Prozent zurückfallen würde. Im Vergleich zur Landtagswahl 2021 könnte sich die AfD damit nahezu verdoppeln. 

Doch mit Sachsen-Anhalt würde es nicht enden. Auf Siegmunds Wahlkampf-Homepage steht: „Von Sachsen-Anhalt aus Schritt für Schritt die politische Landkarte Deutschlands neugestalten. Ein Bundesland nach dem anderen.“ 

TikTok & YouTube: die AfD im Social-Media-Wahlkampf

Auf YouTube hat Ulrich Siegmund über 135.000 Abonnenten, auf TikTok folgen seinem Account „mutzurwahrheit90“ über 720.000 Menschen. Siegmund liefert einfache Antworten auf komplizierte Fragen – locker, persönlich und emotional nahbar. Ohne Faktencheck. Ulrich Siegmund hat den Einfluss von Social Media erkannt und sich zunutze gemacht. 

Für die Landtagswahl lässt die AfD rund 1,5 Millionen Euro springen. Ulrich Siegmund will in den kommenden Monaten vermehrt auf Influencer und Zeitungen setzen. Sicher ist, es soll ein Wahlkampf werden, „den Sachsen-Anhalt und Deutschland so noch nicht gesehen haben.“

FAQ zu Ulrich Siegmund

Der AfDler hat am 25. Oktober 1990 Geburtstag und ist derzeit 35 Jahre alt.

Geboren und aufgewachsen in Havelberg, Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt. Mittlerweile wohnt er in Tangermünde.

Vornerum freundlich, hintenrum völkisch: Ulrich Siegmund gibt sich zwar auf Social Media grinsend und nahbar, verfolgt aber ein gnadenloses Programm namens „Vision 2026“. Besonders Menschen mit Migrationshintergrund, queere Menschen, Menschen mit Behinderung und politisch Andersdenkende geraten ins Visier. Mit dem Ziel: abschieben oder ausschließen.

Politisch und ideologisch wird Ulrich Siegmund eng mit Björn Höcke verbunden. Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt, für den Siegmund als Spitzenkandidat antritt, gilt als „gesichert rechtsextremistisch“.

Trotz freundlichem Auftreten und gebügeltem Hemd unterscheidet sich Ulrich Siegmund inhaltlich nicht von erklärten Rechtsextremen, wie Björn Höcke oder Hans-Thomas Tillschneider.

Aber statt mit der Tür ins Haus zu fallen, verfolgt Siegmund eine andere Strategie: Erst um Sympathie buhlen und die entscheidenden politischen Inhalte zum Schluss bringen. Das verriet er in seiner Rede am Potsdamer Geheimtreffen im November 2023, wo er den „Masterplan“ zur „Remigration“ mitdiskutierte, seine Wahlkampf-Strategie für Sachsen-Anhalt vortrug und um Spenden bat.

Das Treffen verharmloste er später als „Kaffeekränzchen“. Siegmunds politische Vertraute pflegen Verbindungen zur verbotenen völkischen Organisation „Heimattreue Deutsche Jugend“, seine Kampagnenseite ist mit dem Online-Shop eines Mitglieds der Identitären Bewegung verknüpft. Das ist kein Versehen.

Laut Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt sind die führenden Vertreter der dortigen AfD eng mit rechtsextremistischen Organisationen vernetzt. Außerdem sind im AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt eindeutig Personen mit rechtsextremistischen Hintergründen aktiv, die von der Neuen Rechten bis zum Neonazismus reichen.

Beim Wahlergebnis am 6. September 2026 sind zwei Faktoren entscheidend:

  1. Sollte die AfD eine absolute Mehrheit erreichen, könnte sie Ulrich Siegmund als Ministerpräsidenten einsetzen.
  2. Sollte der AfD keine absolute Mehrheit gelingen, wird es für die Rechtsextremen schwierig. Bislang halten CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke konsequent an ihrer Distanz zur AfD fest und schließen eine Zusammenarbeit aus. Eine Ministerpräsident*in könnten die Parteien auch über eine geduldete Minderheitsregierung einsetzen.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag ist erstmals am 10. Dezember 2025 erschienen. Wir haben ihn aktualisiert und erneut veröffentlicht. 

Autor*innen

Appelle, Aktionen, Erfolge und weitere Themen aus dem Campact-Kosmos: Darüber schreibt das Campact-Team. Alle Beiträge

Auch interessant

AfD Campact-Team Was tun, wenn Freunde AfD wählen? Mehr erfahren
Alltagsrassismus Matthias Meisner 35 Jahre nach dem Pogrom in Hoyerswerda: Nichts gelernt Mehr erfahren
Rechtsextremismus Campact-Team Rechtsradikale Marken: Welche Kleidung tragen Nazis? Mehr erfahren
AfD „Wie Rechte reden“ Was an der AfD extrem ist Mehr erfahren
Rechtsextremismus Campact-Team Headbangen mit Hitlerscheitel: Wie Du Rechtsrock und rechtsextreme Musik erkennst Mehr erfahren
AfD Karolin Schwarz Exklusiv: Wie die Briefwahl-Lüge der AfD bei ihren Anhängern verfängt Mehr erfahren
AfD Juli Katz Pausenbrot und Hakenkreuz Mehr erfahren
Rechtsextremismus Campact-Team Gegenrede: Rechtsextreme Sprache erwidern und Stammtischparolen kontern Mehr erfahren
AfD Campact-Team Erfolg: Die Wahrheit über Müller Mehr erfahren
AfD Campact-Team Was die AfD für Menschen mit Behinderungen plant Mehr erfahren