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Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz konnte die AfD ihr Ergebnis beinahe verdoppeln. Dass Regierungskoalitionen ohne die extreme Rechte noch problemlos möglich sind, ist keine Selbstverständlichkeit. 

Denn die Umfragewerte in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern sehen anders aus: Dort erreicht die AfD Höchstwerte von bis zu 40 Prozent. Längst provoziert die Partei mit dem Szenario einer absoluten Mehrheit. Von der österreichischen FPÖ und den amerikanischen MAGA-Republikanern lernt sie, wie regieren von rechts außen geht.

Das breitbeinige Selbstbewusstsein der AfD, die trotz Rechtsextremismus, Vetternwirtschaft und anderen Skandalen bei Landtags- und Bundestagswahlen ständig zulegt, schüchtert viele Menschen ein. Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt regieren, wird Reiner Haseloff, der langjährige, nunmehr ehemalige CDU-Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, wohl seine Heimat verlassen. Von Flucht-Reaktionen aus rechten Hochburgen hört man in Ostdeutschland immer öfter. 

Wie können wir uns gegen Faschismus wehren?

Gleichzeitig wächst das zivilgesellschaftliche Engagement. Initiativen und Bündnisse in größeren und kleineren Orten nehmen den Kampf auf. Einige seit vielen Jahren, andere frisch gegründet – und den Autoritären ein Dorn im Auge. Denn sie zeigen, wie sich das Land konstruktiv gestalten lässt und dass alle einen Beitrag leisten können.

Der Faschismus lebt davon, dass Menschen sich fremdbestimmt fühlen und in autoritären Bewegungen auf Erlösung hoffen, während sich der Rest eingeschüchtert zurückzieht. Krisen, Komplexitäten, einige Übermächtige und die unbefriedigenden Antworten der etablierten Politik tun ihr Übriges und ebnen den Weg des autoritären Umbaus.

Wie reagieren die Menschen in Deutschland auf die Veränderung? Kämpfen, fliehen, erstarren oder passen sie sich an? Unser Umgang mit Gefahren ist tief in unserem Nervensystem verankert. Zu verstehen, wie wir auf politische Entwicklungen reagieren, hilft also in schwierigen Zeiten handlungsfähig zu bleiben. In meinem neuen Buch „Keine Macht der Ohnmacht! Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren“, geht es ausführlich um eben diese Handlungsmuster.

Cover: Piper Verlag
„Keine Macht der Ohnmacht! Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren“, 272 Seiten von Matthias Quent, erschienen am 27.02.2026

Deutliche Verhaltensmuster in Befragung

Was, wenn die AfD an die Regierungsmacht kommt – oder wenn sie verboten wird? Wie würden die Deutschen reagieren? Im Sommer 2025 führten Rahim Hajji und ich am Institut für demokratische Kultur der Hochschule Magdeburg-Stendal eine Online-Befragung durch. 885 Befragte ab 18 Jahren, die Bevölkerungsmerkmale Deutschlands sind darin annähernd abgebildet. Und die exklusive Auswertung zeigt ein deutliches Muster.

Für zwei Szenarien haben wir erhoben, wie Menschen darauf reagieren würden. AfD‑Parteiverbot und AfD‑Regierungsbeteiligung: Mehr Engagement, Rückzug oder nichts ändern?

AfD‑Parteiverbot und AfD‑Regierungsbeteiligung

Im Szenario des AfD-Parteiverbots gaben 41 Prozent der AfD-Sympathisierenden an, sich „politisch stärker einsetzen“ zu wollen. Nur 27 Prozent der Nicht‑AfD-Sympathisierenden gaben dieselbe Antwort. Ein Volksaufstand ist dennoch nicht zu erwarten.

Allerdings würde sich bei einem AfD-Parteiverbot für 30 Prozent der AfD-Sympathisierenden auch nichts ändern. Bei der Vergleichsgruppe, ohne AfD-Sympathien, sind es 58 Prozent – also fast doppelt so viele. Für das AfD-Lager bedeutet das Verbotsszenario demnach Kampf und Flucht. Für das Anti-AfD-Lager bedeutet es Stabilisierung.

Im Szenario der AfD‑Regierungsbeteiligung kehrt sich das Muster um: 48 Prozent der Nicht‑AfD-Sympathisierenden wollen sich daraufhin politisch stärker engagieren. 32 Prozent der AfD-Sympathisierenden gaben dieselbe Antwort.

Während nur knapp ein Viertel der Nicht‑AfD-Sympathisierenden „nichts ändern“ würde, sagt das bei den AfD-Sympathisierenden die Mehrheit (53 Prozent). 29 Prozent der AfD-Kritiker gaben zu, sich zurückzuziehen oder anpassen zu wollen. Nur 16 Prozent der AfD-Unterstützer sagten dasselbe. Das Regierungsszenario bedeutet für das Anti-AfD-Lager demnach Kampf und Flucht. Für das AfD-Lager bedeutet es Stabilisierung.

Wann wird der Kampf-Modus aktiviert?

Die Tendenz ist deutlich: Was eine Gruppe als Bedrohung wahrnimmt, aktiviert stärker den Kampf-Modus. Im Gegensatz zum wünschenswerten Szenario.

Diese Affektlogiken prägen politische Konflikte. Die extreme Rechte bespielt permanent die Klaviatur der Bedrohungsgefühle mit Niedergangsszenarien und Erlösungsversprechen. Für Demokraten ist das Erstarken der AfD eine Gefahr, auf die sie sehr emotional reagieren. 

Emotionale Polarisierungen ausschließlich mit politischer Sachlichkeit stellen zu wollen, ist bestenfalls gut gemeint und schlimmstenfalls gefährlich naiv. Viele Menschen fühlen sich von politischen Themen aktiviert, denken aber zugleich, nichts verändern zu können. Diese Lücke macht Demokratien verletzlich.

Wo der Glaube an die Wirksamkeit des eigenen Handelns schwindet, öffnet sich der Raum für Akteure, die einfache Brücken anbieten. Praktische Sündenböcke, zurückweisen von Fakten, Erlösung durch Härte. Aber sobald Menschen sich nicht als fremdbestimmt, sondern als selbstwirksam wahrnehmen, verlieren autoritäre Verlockungen an Reiz.

Was wäre gegen den Rechtsruck nötig?

Gegen den Rechtsruck wäre eine umfassende Demokratisierung aller Lebensbereiche und politischen Ebenen nötig – auch gegenüber den Kräften des Marktes. Dazu unabhängige digitale Plattformen, Online-Kampagnen, öffentliche Kontrolle zentraler Daseinsfürsorge, starke Gewerkschaften und selbstbewusste Parteien.

Aber auch Demokratieprojekte in strukturschwachen Räumen, niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten und kritische Medien sind Antworten, die sich sofort unterstützen lassen. Eine kritische Zivilgesellschaft samt unabhängiger Kultur schafft emotionale Erfahrungsräume. Doch unter der Merz-Regierung geraten Kultur, Zivilgesellschaft und die Rechte von Arbeitenden unter Druck, anstatt sie zu stärken. Die AfD freut’s.

Was bedeuten die Daten für den Umgang mit der AfD? Ein Verbotsverfahren hängt nicht von öffentlichen Stimmungen ab, sondern ist eine rechtliche Frage von wehrhafter Demokratie und belegbarer Fakten über die Verfassungsfeindlichkeit der betreffenden Partei. Das bedeutet, Diskussionen über die Möglichkeit eines solchen Verbotsverfahrens sind ausgehend von den Affektmustern weniger effektiv. Viel besser eignen sich Diskussionen über das Szenario einer AfD-Regierungsbeteiligung, um das politische Engagement von AfD-Kritikerinnen zu wecken, ohne dabei übermäßig AfD-Sympathisanten zu aktivieren. Ein Balanceakt.

Ist eine Brandmauer zu einer Regierungspartei möglich?

Sollte die AfD tatsächlich in Magdeburg oder Schwerin regieren, wirkt sich das auf das gesamte Land aus. Der Föderalismus in Deutschland ist auf eine enge Zusammenarbeit – der Länder untereinander und zwischen Bund und Ländern – angewiesen. Eine „Brandmauer“ zu einer Regierungspartei ist nicht möglich.

Eine rechtsextreme Landesregierung könnte das ganze Land chaotisieren und die Bundespolitik weiter vor sich hertreiben. Zum Beispiel, in dem ein Bundesland aus dem Verteilsystem für die Aufnahme von Asylsuchenden aussteigt. So, wie es die AfD plant. Das ist zwar rechtlich unzulässig, doch der Konfrontationskurs liegt ganz im Sinne einer autoritären Disruption.

Autoritäre Bewegungen greifen hart durch, ohne sich von Normen, Gerichten oder Gesetzen bremsen zu lassen. Sie sprengen Tabus, Verpflichtungen und Regeln, getreu dem Vorbild Donald Trump. Auch die AfD praktiziert die Strategie, Institutionen zu destabilisieren und zu delegitimieren.

Umso mehr überrascht es, dass das Verwaltungsgericht Köln diesen Aspekt in seinem jüngsten Urteil im Eilverfahren zur Einstufung der Gesamtpartei als „gesichert extremistische Bestrebung“ durch das Bundesamt für Verfassungsschutz kaum berücksichtigt hat.

Der Kampf um die Demokratie ist noch nicht verloren

Der beste Verfassungsschutz ist eine unabhängige und kritische Zivilgesellschaft, die sich nicht zurückzieht, sondern sich im ganzen Land einbringt. Aber für die vielen Möglichkeiten politischen Engagements, die es in diesem Land noch gibt, braucht es mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Diese muss von der Politik, aber noch mehr und mehr aus der Bevölkerung kommen. Gerade dann, wenn die Bundesregierung an der politischen Verschiebung der Mitte nach rechts mitwirkt und die Gefahr rechtsextremer Regierungsbeteiligungen vergrößert. Vieles steht auf dem Spiel. An dieser Stelle lohnt es sich, genau hinzuschauen: Was bedeutet es, wenn Rechtsextreme an die Macht kommen. Sollte das passieren, ist der Kampf um die Demokratie weder vorbei noch verloren. Auch das zeigen die Daten: Eine AfD-Regierung würde vor allem ihre Gegner aktivieren. Dann aber wäre der Kampf ungleich anstrengender, härter, riskanter, teurer. Soweit muss es nicht kommen.

Autor*innen

Prof. Dr. Matthias Quent ist Soziologe an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, zuvor lehrte er an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Kürzlich erschien sein neues Buch: „Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren“ im Piper Verlag. Alle Beiträge

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