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Sachsen-Anhalts Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zeigt sich auf Instagram Arm in Arm mit Alice Weidel und kommentiert: „Unsere Kanzlerin“. Weidel – weiblich, blond und lesbisch – steht an der Spitze der AfD. Blonde Frauen, schwangere Frauen oder Frauen in Tracht finden sich immer wieder auch auf den Wahlplakaten der Partei. Traditionell eben. Dabei machen bei der AfD ganz offensichtlich Männer Politik für Männer. Frauen sind nur Mittel zum Zweck. 

Im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl 2026, das sie selbst als „Regierungsprogramm“ betitelt, stehen „Familie und Kinder“ ganz oben. Die Partei spricht von „Schutz“, von „Familienwerten“, von „Qualifikation statt Quote“. Doch hinter diesen Begriffen versteckt sich ein gezielter Angriff auf die Rechte von Frauen – diese sieben Punkte belegen das.

1. Die AfD will Abtreibungen im Strafrecht halten

Seit Jahren kämpfen progressive Kräfte dafür, Schwangerschaftsabbrüche aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Denn: Paragraf 218 kriminalisiert Frauen, die eine schwierige Entscheidung treffen – und das oft in einer der verletzlichsten Situationen ihres Lebens.

Die AfD Sachsen-Anhalt stellt sich dagegen. Ihr Wahlprogramm lehnt es ausdrücklich ab, Abtreibungen außerhalb des Strafrechts zu regeln. Die Partei will entsprechenden Initiativen im Bundesrat aktiv entgegentreten. Gordon Köhler (Listenplatz 5) macht mit dem Thema sogar Wahlkampf und fordert eine „Willkommenskultur für ungeborenes Leben“. Auf einem Wahlplakat von ihm steht: „Abtreibung als Lifestyle-Entscheidung? Nicht mit uns!“

Damit signalisiert die AfD rund um ihren Spitzenkandidaten Siegmund: Frauen, die eine Schwangerschaft nicht austragen können oder wollen, sind im Strafgesetzbuch gut aufgehoben. Eine straffreie, selbstbestimmte Entscheidung über den eigenen Körper – das lehnt die AfD ab.

Ultraschall als Druckmittel in der Schwangerenberatung

Wer sich in Deutschland gegen eine Schwangerschaft entscheidet, muss drei Bedingungen erfüllen, um sich nicht strafbar zu machen: 

  • Der Abbruch muss in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft durchgeführt werden.
  • Die Beratung ist verpflichtend – und eine andere Person muss sie leiten als diejenige, die den Abbruch vornimmt.
  • Zwischen Beratung und Abbruch müssen mindestens drei Tage liegen.

Die Schwangerenkonfliktberatung soll Frauen in einer schwierigen Situation unterstützen, informieren und begleiten – ohne Druck, ohne Manipulation.

Die AfD Sachsen-Anhalt will das ändern. In ihrem Wahlprogramm fordert sie: In der Beratung soll immer eine Ultraschalluntersuchung des ungeborenen Kindes durchgeführt werden – außer bei medizinischen oder kriminologischen Gründen.  

Auf dem Papier nennt die AfD das „Schutz des ungeborenen Lebens“. Das klingt harmlos. Ist es aber nicht. Die AfD will werdende Mütter mit den Ultraschallaufnahmen des Kindes gezielt konfrontieren und emotionalen Druck auf sie ausüben. Ihr Ziel: die Zahl der Abtreibungen senken – nicht, Frauen in ihrer Entscheidung zu stärken. 

3. Das traditionelle Familienbild als Norm

Deswegen will die AfD auch unbedingt das traditionelle Familienbild priorisieren: Vater, Mutter, Kind. Alles andere nennt sie eine „Abweichung“ – und fordert, dass der Staat das ebenso vermittelt.

In Werbung und Bildung will sie das traditionelle Familienbild bevorzugen. Sie verlangt, dass Fördergelder vor allem die klassische Familie stärken und nicht „sexuelle Abweichungen“unterstützen. 

Denn nach Ansicht der AfD Sachsen-Anhalt führen steigende Abtreibungs- und sinkende Geburtenraten darauf zurück, “dass sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensweisen mittlerweile mehr Akzeptanz genießen und offensiver beworben werden als die normale Familie aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen.” 

Dieses „schützenswerte Familienbild“ trägt die AfD auf dem Rücken der Frau aus. Alleinerziehende Mütter passen nicht zu diesem Bild. Mütter, die Karriere machen und Frauen, die keine Kinder wollen, ebenfalls nicht. Auch lesbische Frauen wertet die AfD ab.

4. Ehe nur für Mann und Frau – und Alleinerziehende als Problem

Noch deutlicher wird die AfD Sachsen-Anhalt in einem weiteren Programmpunkt. Der besondere Schutz des Staates soll „exklusiv der Ehe aus Mann und Frau” vorbehalten sein. 

Alleinerziehende sollen laut AfD-Programm zwar unterstützt werden; allerdings lehnt die Partei es ab, dass alternative Lebensentwürfe “staatlich beworben” oder „als erstrebenswert“ dargestellt würden. Dabei ist das keineswegs der Fall. 

Laut der Bertelsmann Stiftung leben in Deutschland rund 1,7 Millionen alleinerziehende Familien (überwiegend Frauen) mit minderjährigen Kindern – sie sind eine der am stärksten von Armut betroffenen Gruppen überhaupt. Die AfD sendet eine eindeutige Botschaft: Für sie zählt nur die heteronormative Familie aus Mann, Frau und Kind; und davon weicht sie nicht ab.

Dazu passt auch, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften keinen staatlichen Schutz genießen sollen. Laut der AfD sei Sachsen-Anhalt fest im Griff der „LGBTQ-Lobby“ und ihrer „Regenbogenideologie“. Das wollen die Rechtsextremen möglichst bald ändern – vermeintlich zum Schutz der Familie, der Kultur und der Kinder. 

5. Von „Frühsexualisierung” und der „traditionellen” Familie

In ihrem Wahlprogramm hält die AfD Sachsen-Anhalt fest, im Falle eines Wahlsiegs alle Programme einzustellen, „die Kinder vor der Pubertät mit sexuellen Themen konfrontieren“. Das passt zur Linie der AfD – in Hannover wettern zwei AfD-Frauen gegen queere Kinderbücher, die Bundespartei warnt immer wieder vor einer vermeintlichen „frühkindlichen Sexualisierung“ und auch in Sachsen-Anhalt will die AfD schnellstmöglich staatliche Kampagnen abschaffen, die Kinder im Kita- oder Grundschulalter mit sexuellen Themen oder „devianten Formen von Sexualität“ konfrontieren. Unter „deviante Formen“ fällt für die Partei ausdrücklich auch das Thema Gender.

Stattdessen soll auch hier die Familie aus Mann und Frau als gesellschaftliche Norm vermittelt werden – in Schulen, in Kitas, im öffentlichen Raum. 

Dahinter steckt ein gezielter Angriff auf Aufklärung und Vielfalt. Ein Kind, das bei zwei Müttern aufwächst, würde demnach in der Schule lernen, dass seine Familie eine Abweichung ist. Mädchen, die andere Mädchen mögen, sollen wenn es nach der AfD geht hören: Das ist nicht „normal“. Und Lehrer*innen, die sachlich über Geschlechterrollen aufklären, will die AfD zurück an den Herd verbannen. 

6. Gender Studies als „unwissenschaftliche Ideologie“

Die AfD Sachsen-Anhalt will die staatliche Finanzierung für Gender Studies streichen. Die Partei betrachtet diesen Forschungsbereich als „unwissenschaftliche politische Ideologie“ – und will ihm damit jede Legitimität nehmen. Eine Professur oder ein Institut, die sich ausschließlich mit Gender Studies befassen, gibt es in Sachsen-Anhalt nicht. Trotzdem ist die Geschlechterforschung der AfD ein Dorn im Auge. 

Gender Studies sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das Geschlechterverhältnisse, Identitäten und soziale Konstruktionen von Geschlecht (Gender) untersucht. Forschende an Universitäten weltweit analysieren in diesem Bereich, wie Geschlechterrollen entstehen, wie sie sich auf Arbeitsmärkte auswirken, wie Gewalt gegen Frauen strukturiert ist und wie Diskriminierung funktioniert.

Gender Studies zeigen: Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist kein Naturgesetz. Sie ist politisch gemacht. Und sie kann politisch verändert werden. 

Genau das will die AfD verhindern. Sie will emanzipatorische Erfolge rückgängig machen – auf Kosten von Frauen und sexuellen Minderheiten. 

7. Gleichstellung abschaffen – Frauenquoten, Förderprogramme, Gleichstellungsbeauftragte weg

Die AfD Sachsen-Anhalt will alle institutionellen Mechanismen beseitigen, die strukturelle Benachteiligung von Frauen ausgleichen. Eine Frau, die sich für eine Führungsposition in einem Betrieb bewirbt, in dem Frauen seit Jahrzehnten unterrepräsentiert sind, würde dann ohne jeden Schutz vor Benachteiligung mit anderen Bewerbern konkurrieren.

In ihrem „Regierungsprogramm“ bezeichnet die AfD Sachsen-Anhalt Gleichstellungspolitik als „Diskriminierung von Männern“ – und will deshalb Frauenquoten abschaffen. Stellen sollen ausschließlich nach Qualifikation vergeben werden. Das klingt fair; blendet aber aus, dass Männer in der Praxis oft bevorzugt werden. 

Außerdem will die AfD Förderprogramme für Frauen streichen – und die Position der Gleichstellungsbeauftragten aus dem Hochschulgesetz kippen.

Frauenquoten und Gleichstellungspolitik gibt es aus gutem Grund: Frauen stoßen auf strukturelle Barrieren. Sie verdienen weniger, sie arbeiten häufiger in Teilzeit, sie übernehmen mehr unbezahlte Care-Arbeit, sie werden bei Beförderungen seltener berücksichtigt. 

Für die AfD ist das kein Hindernis. Von einer Frauenquote ist sie auch innerhalb der Partei weit entfernt; weibliche Stimmen gibt es nur wenig. Der Frauenanteil der AfD Sachsen-Anhalt liegt bei nur 13 Prozent. Die meisten davon stehen auf den hinteren Listenplätzen. „Während auf den ersten 25 Listenplätzen nur eine Frau auftaucht, findet man dort gleich dreimal den Vornamen ‚Matthias'“, fasst es der Journalist Fabian Grischkat zusammen. Im Bundestag hat die AfD sogar nur einen Frauenanteil von 11,8 Prozent. Warum sich Frauen überhaupt in der AfD engagieren, kannst Du hier nachlesen.

Was steckt dahinter? Das Frauenbild der AfD

Ist die AfD frauenfeindlich? Definitiv. Frauen sind für sie eher Mittel zum Zweck. Sie sollen zurück an den Herd und dort ihre Rolle als Mutter und Ehefrau priorisieren. Das passt zur Bevölkerungspolitik der Partei. Denn: Die AfD setzt auf eine höhere Geburtenrate der „einheimischen Bevölkerung“. Frauen, ihre Körper und ihre Reproduktionsfähigkeit sollen dem demografischen Projekt der Partei dienen. 

Tun sie das nicht, dann werden sie für die AfD zum „Problem“ – und Gleichstellungspolitik, Gender Studies und staatliche Kampagnen zum Feindbild. Auch die Opfer sind für die AfD eindeutig: Männer (von Quoten diskriminiert), Kinder (frühsexualisiert), ungeborenes Leben (ungeschützt), traditionelle Familien (marginalisiert). 

Das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt ähnelt dem Kurs der Partei auf Bundesebene. Ob Gewalt gegen Frauen, beim Elterngeld oder dem Selbstbestimmungsgesetz: Im Deutschen Bundestag hat die AfD bislang alle Gesetze abgelehnt, die die Rechte von Frauen* verbessern sollten.


Was Du jetzt tun kannst

In aktuellen Umfragen zur Landtagswahl liegt die AfD bei 41 Prozent. Die gesichert rechtsextreme Partei könnte schlimmstenfalls eine Alleinregierung stellen. 

Darum unsere Bitte: Sprich darüber. Teile diesen Artikel. Erkläre Freund*innen und Familie, was in diesem Programm steht. Und engagiere Dich – damit Sachsen-Anhalt eine Zukunft bekommt, in der ALLE Menschen frei und gleichberechtigt leben können.

Campact setzt sich seit mehr als 20 Jahren für eine Gesellschaft ein, in der Frauen selbst über ihr Leben entscheiden. Nicht die AfD. Nicht der Staat. 

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Autor*innen

Vera Kuchler ist Soziologin und Journalistin. Bei Campact arbeitet sie seit 2017 als Redakteurin. Im Campact-Blog schreibt sie über Arbeit, Geschlecht und feministische Politik. Alle Beiträge

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