Migrationshintergrund in Sachsen-Anhalt
Im Verhältnis zu anderen Bundesländern ist Sachsen-Anhalt ein migrationsarmes Bundesland: Wäre Sachsen-Anhalt ein Dorf mit 100 Einwohner*innen, hätten 10 Personen einen Migrationshintergrund.
Zum Vergleich: In einem 100-Einwohner*innen Dorf namens Nordrhein-Westfalen, hätten 31 Personen einen Migrationshintergrund.
Beleidigungen, am Kopftuch ziehen, angespuckt werden. An der Haltestelle, in der Nachbarschaft, meistens abends oder nachts. „Rassismus passiert in 60 Sekunden“, sagt Mamad Mohamad vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt, kurz LAMSA.
Das Netzwerk besteht aus 120 Organisationen und Einzelpersonen. Obgleich unterschiedlicher Herkunft, kultureller Prägung oder religiöser Zugehörigkeit: Was die Menschen bei LAMSA eint, sind ihre Erfahrungen.
„Es spielt keine Rolle, ob die Eltern einer Schülerin aus Vietnam, Syrien oder Afghanistan kommen. Alle stoßen auf dieselben Probleme. Also versuchen wir zum Beispiel die Eltern ganz konkret bei den Bildungschancen ihrer Kinder zu unterstützen“, erklärt Mohamad.
Woran konkret gearbeitet wird, entwickeln die Mitglieder quartalsweise. Immer bedarfsorientiert und gruppenübergreifend. Gemeinsam sucht die Interessenvertretung für erfahrene Problemsituationen dann mögliche Antworten, die anschließend gegenüber Verwaltungen oder auch der Landesregierung kommuniziert werden – „laut und unbequem. Wir haben eine klare Haltung“, sagt Mohamad und grinst.
Entknoten: die Beratungsstelle gegen Alltagsrassismus und Diskriminierung
Melde- und Beratungstelefon bei Diskriminierung
Telefon: 0391 990 788 87
Whatsapp: 0152 560 347 47
Handfeste Hilfe im Alltag, das zeigt sich an zwei der vielen Projekte. Ein Beispiel: Eine Mitarbeiterin einer Agentur diskriminiert fünf voneinander unabhängige Personen. Diese fünf Erfahrungen würden ohne das Projekt „Entknoten“ vermutlich „Einzelfälle“ bleiben. Doch die Anlaufstelle „Entknoten“ berät nicht nur, sie recherchiert und dokumentiert, schreibt Beschwerden, begleitet Gespräche und unterstützt die Betroffenen rechtlich. „Dadurch können wir sagen: Okay, da hat Behörde XY ein Problem“, fasst Mohamad zusammen.

Mit „Entknoten“ sollen Betroffene ihr Recht auf Gleichberechtigung aktiv nutzen. Wie reagieren Behörden auf solche Hinweise? „Interessanterweise gehen die häufig in Verteidigungshaltung, rechnen mit Klageverfahren, Schmerzensgeld“, erzählt Mohamad. Behörden vermuteten wohl auch, Betroffene würden die Versetzung der Mitarbeitenden fordern. „Darum geht es oft aber gar nicht. Betroffene möchten einfach, dass sich die Person bei ihnen entschuldigt.“
Aber wenn Mohamad zu Beginn schon Sätze höre wie, ein Mitarbeiter könne gar nicht ausländerfeindlich sein, weil dieser arbeite schließlich mit mindestens 200 anderen Personen mit Migrationshintergrund und da gäbe es schließlich nie Probleme. „Und dann sagt der Chef, für den Mitarbeiter lege ich meine Hand ins Feuer. Ja, da muss ich ihm leider sagen: Ihre Hand brennt.“
Mund aufmachen: die Obst-Kampagne gegen Rassismus
Rassismus ist nicht immer laut und offensichtlich, sondern zeigt sich auch leise und subtil. Eine scheinbar harmlose Frage wie, „und wo kommst du ursprünglich her?“ Ein unbedachter Kommentar dort, ein kritischer Blick – für Betroffene spitz, lähmend und schmerzhaft.

„Alltagsrassismus ist eine Machtsituation, die so überwältigend ist, dass man eigentlich gar nicht reagieren kann“, erklärt Mohamad und vergleicht es mit einer inneren Blockade. Ein Kollege habe ihm mal gesagt, während einer Rassismuserfahrung könne er nicht einmal mehr Deutsch sprechen. Deshalb sei Zivilcourage so wichtig, „dass andere Menschen auf die Gefahrensituation aufmerksam werden und helfen.“
Ziel der Kampagne „Mund aufmachen“ ist, Menschen ohne eigene Rassismuserfahrungen für die Realität der Betroffenen zu sensibilisieren. Und zwar durch Perspektivenwechsel, also geschilderte Erfahrungen statt Vorwürfe. Und durch Obst.
Eine Idee, damit Betroffene nicht ihr Gesicht zeigen und noch mehr Anfeindungen erleben müssten. Stattdessen bekommt beispielsweise eine überreife Banane zu hören: „Na so schwarz bist Du ja gar nicht.“ Während eine Kiwi gefragt wird: „Darf ich mal deine Haare anfassen? Die sind so kraus.“ Unter den verschiedenen Früchten der Slogan: „Bei Obst ok. Nicht bei Menschen.“ Zusätzlich schildern Betroffene auf der LAMSA-Website in kurzen Audio-Stories ihre persönlichen Erfahrungen.
Veränderung? Ein Marathon, kein Sprint
„Wir wollen mit LAMSA nicht nur Betroffene unterstützen, sondern vor allem Strukturen verändern“, sagt Mohamad. „Aber das braucht oft viele Jahre.“ Und das bedeutet auch vorausschauend zu planen. „Das, was wir mit der AfD in den letzten zehn Jahren in Sachsen-Anhalt erlebt haben, kann uns auch auf Bundesebene erwarten. Und das müssen wir dringend verhindern!“
Aber mit Blick auf die Landtagswahlen im September sagt Mamad Mohamad: „Wir sind nicht naiv und wollen es auch nicht darauf ankommen lassen.“ LAMSA werde weiterhin für ein weltoffenes Sachsen-Anhalt kämpfen, meint der Sozialpädagoge. „Aber die Menschen, die die AfD wählen, leben unter uns. Selbst wenn wir verhindern, dass die AfD an die Regierungsmacht kommt, wohnen ihre Wähler trotzdem weiter hier.“
Das Netzwerk will andere Bundesländer dazu auffordern, entsprechende Programme zu entwickeln, um geflüchtete Menschen aufnehmen zu können – sollte die AfD in Sachsen-Anhalt eine Alleinregierung stellen. „Ich finde, das ist deren humanitäre Verpflichtung, dass wir nicht schikaniert werden oder in Abschiebegefängnissen landen. Mal ehrlich, 200.000 Menschen – so viele sind wir nicht.“
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