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Einmal saß ich im Wartezimmer meiner Ärztin und las die Apotheken Umschau, auf dem Cover irgendwas über die digitale Patientenakte. Dem Mann mir gegenüber sah man das Redebedürfnis am wackelnden Bein und dem fixierenden Blick schon an. Es dauerte nicht lange, bis er mich und sämtliche Patient:innen im Raum darüber informierte, dass Digitalisierung komplett unnütz sei, sobald die neue Regierung das Internet abgeschafft habe. Er formulierte das als recht selbstsichere Drohung.

Interessanter Gedanke für jemanden wie mich, deren Leben zu großen Teilen vom digitalen Raum abhängig ist. Mein Beruf beispielsweise und ein großer Teil der Kommunikation in meinem Sozialleben, meine Verbindungen zu Menschen überall auf der Welt. Darf man jemanden, der diese digitalen Räume nicht hat und auch nicht haben will, als „abgehängt“ verstehen – oder bin ich einfach nur städtisch-verblödet, weil ein Leben mit weniger Internet womöglich auch viel gesünder wäre? 

„Zurückgeblieben“ im Hinterland? 

Niemand weiß so genau, was abgehängt eigentlich sein soll. Der Begriff wird nach der Wende verwendet, um vor allem die anderen zu beschreiben, die bei sogenannten Modernisierungsprozessen nicht mitgemeint waren – und zwar häufig, wenn es um den vermeintlich zurückgebliebenen Ossi geht. Eine offizielle Definition des Abgehängtseins gibt es zwar nicht, sagt der Soziologe Andreas Klärner vom Thünen-Institut, den ich vor einiger Zeit interviewte. Wohl aber Erzählungen darüber.

Denn häufig würden Wahlerfolge der AfD auf „Gefühle des Abgehängtseins“ der Bevölkerung in ländlichen Räumen zurückgeführt. Dabei ist es viel komplizierter. Erstmal gibt es nicht den einen ländlichen Raum, sondern viele unterschiedliche. Und in diesen unterschiedlichen Räumen – die zum Beispiel gemessen werden in ihrer Entfernung zu Großstädten – erzielte die AfD bei Wahlen unterschiedliche Erfolge. 

Wie der Soziologe mit seinem Team festgestellt hat, war die Partei bei vorherigen Wahlen in Ostdeutschland vor allem in eher-ländlichen Räumen erfolgreich, in Westdeutschland in eher-ländlichen und nicht-ländlichen Räumen. Und: In sehr ländlichen Räumen erreicht die AfD tendenziell niedrigere Ergebnisse. Was soll das heißen? Ganz einfach: „Unzufriedenheit in strukturschwachen Räumen geht nur dann mit hohen AfD-Wahlergebnissen einher, wenn eine rechts-konservative Deutung der Problemlage vorherrscht“, so die Autor:innen der Studie. Es geht also darum, wie die Story erzählt wird.

Dreimal abgehängt

Genau diese Erzählungen haben Klärner und sein Team interessiert. Sie haben mediale Inszenierungen des Abgehängtseins analysiert und drei Stränge festgestellt. 

  • Das ökonomische Abgehängtsein beziehe sich auf das Gefühl, bei der Digitalisierung und der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft nicht mithalten und teilhaben zu können. Arbeitslosigkeit oder unterdurchschnittliches Wirtschaftswachstum spielen eine Rolle.
  • Beim kulturellen Abgehängtsein gehe es um gesellschaftliche Veränderungen. Beispielsweise, wenn traditionelle Weltbilder erschüttert würden, weil Menschen Beziehung und Geschlecht anders leben und modernere Wertesysteme etablierten. Das führe zu Verunsicherung. 
  • Das infrastrukturelle Abgehängtsein beziehe sich auf die Folgen einer regionalen und lokalen Ausdünnung von öffentlichen und privaten Angeboten der Daseinsvorsorge. Dazu können schließende Dorfläden, gestrichene Busse, aber auch fehlende medizinische Versorgung gehören. Probleme, die häufig in Bezug auf ländliche Räume diskutiert werden. 

Alle drei Erzählungen handeln davon, dass man irgendwo nicht mehr dabei ist – oder sich zumindest so fühlt. Es geht nicht um die tatsächliche Versorgung, sondern vor allem darum, wie Menschen ihre gesellschaftliche Teilhabe wahrnehmen

Zwischen diesem Gefühl und der Realität liegt aber ein Unterschied. Klärner sagt ganz klar: „Die ländlichen Räume sind nicht abgehängt.“ Immerhin könnten 98 Prozent der Bevölkerung den nächsten Supermarkt binnen zehn Minuten mit dem Auto erreichen. Und auch bei Arztpraxen, Apotheken, Schulen gebe es Klärner zufolge eine gute Versorgung in Deutschland.

Kühe statt Kino

Auf den ersten Blick scheint diese Aussage nicht zu den Ergebnissen der vom Tabakkonzern Philip Morris beauftragten Erhebung des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) zu passen. Wissenschaftler*innen haben alle 10.817 Gemeinden untersucht und wollten wissen, wie es um Mobilfunk und Breitband steht, wo es Ärzt*innen und Krankenhäuser gibt, wie gut der Nahverkehr funktioniert und ob Schwimmbäder, Museen und Schulen vorhanden sind – Umstände, die die Lebensqualität vieler Menschen beeinflussen. „Mein“ Bundesland Mecklenburg-Vorpommern schneidet besonders schlecht ab. Vielerorts sieht es nicht gut aus, das Bundesland rangiert im bundesweiten Vergleich auf dem letzten Platz.

Zwar wurden Schwerin, Neubrandenburg, Greifswald und Neustrelitz als sehr gut bewertet. Mehr als jede zweite Gemeinde gilt aber als schlecht oder sehr schlecht versorgt. Groß Kiesow zum Beispiel – eine Vorpommersche Gemeinde nahe Greifswald, in der ich knapp zweieinhalb Jahre gelebt habe – hat es gerade mal auf Rang 10.526 von 10.817 geschafft. Bei Bildung, Digitalisierung und Freizeit schneidet sie besonders schlecht ab. Ist dort zwischen dem Discounter Thomas Philipps, der Freiwilligen Feuerwehr und der Milchtankstelle nur ein trostloses Leben möglich?

Kultur ist nicht gleich Kultur

Was wird als „gute Versorgung“ definiert? Dass eine Arztpraxis in Reichweite liegt, muss nicht bedeuten, dass sie neue Patient*innen annehmen kann. Bei meinem Umzug aufs Dorf ist für mich kein Mangel entstanden, sondern vor allem ein Gewinn: Raum, Garten, Hühner, Wiesen, Bienen, Tomaten und Nähe zum Wald. Die Entfernung zu meiner Ärztin betrug drei Kilometer, die zum nächsten Bahnhof vier, einkaufen konnte ich im Hofladen nebenan oder im Supermarkt in zehn Kilometer Entfernung. Und Kultur und Nachbar*innen? Keine 50 Meter entfernt von mir gab es mit der Scheune 27 Krebsow viele engagierte Menschen, die jeden Dienstag Kinder von der Bushaltestelle zum Basteln abholten, regelmäßig Künstler*innen ausstellten, einmal im Monat Dorfkino veranstalteten, Frühstücke und Hoffeste organisierten.

Solche Gegebenheiten tauchen in den Zahlen wohl eher nicht auf. Denn die IW-Erhebung sucht für die Kategorie Freizeit vor allem nach Theater, Museen und Schwimmbädern. Ob die tatsächlich von den Menschen vor Ort vermisst werden? Während meiner zweieinhalb Jahre habe ich Hundetrainer*innen, Hutmacher*innen, Yogalehrer*innen, Fotograf*innen, Gärtner*innen, Künstler*innen kennengelernt, die das Leben vor Ort für viele Menschen qualitativer gestalten. Möglicherweise gibt es – quantitativ und an städtischen Konsummustern gemessen – also weniger Kulturangebote in vielen ländlich geprägten Umgebungen. Es gibt aber auch Kultur, die ganz anders aussieht und gelebt wird. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Messungen können nicht immer alles abbilden. Also stellt sich die Frage, wie groß der Raum zwischen Wunsch und Wirklichkeit vor Ort ist. Die IW-Autor*innen haben dazu knapp 5.455 Menschen befragt. Unabhängig davon, wo sie wohnen, wie viel sie verdienen und wie gebildet sie sind: Von Menschen, die AfD wählen, bewerten 39 Prozent die Daseinsvorsorge negativ, nur fast ein Viertel als positiv. Auch hier also die Erkenntnis: Es geht häufig nicht um die tatsächliche Lage – sondern darum, wie Menschen diese wahrnehmen. Und framen. 

Der Studienautor Matthias Diermeier verwendet für diese Perspektive der AfD-Anhänger*innen den Begriff des Pessimismusfilters. Die Autor*innen stellen zudem fest: „Pauschale regionale Zuschreibungen von ‚abgehängten ländlichen Räumen‘ (…) greifen daher zu kurz.“ Die Struktur ist teilweise nicht so schwach, wie sie empfunden wird. Sie ist aber ganz bestimmt so schwach, wie sie erzählt wird. Egal ob von Medien oder politischen Akteur*innen, die die Situation zu nutzen wissen.

Für den Soziologen Klärner ist allein der Begriff der „Abgehängten“ schon problematisch. Immerhin ist er politisch attraktiv, weil man sich dadurch leicht als Retter positionieren kann – ein optimaler Nährboden für Wut und Enttäuschung über real existierende strukturelle Gegebenheiten. Sich nur auf Infrastrukturmaßnahmen zu fokussieren, um rechtspopulistische Tendenzen einzudämmen, halten Klärner und sein Team deswegen nicht für erfolgversprechend. Man muss eben auch an die Narrative, an die Perspektiven ran. Sagt der Begriff „abgehängt“ also was über die bezeichneten Orte aus? Nein. Sagt er etwas über die Menschen aus, die ihn benutzen? Auf jeden Fall.

Autor*innen

Juli Katz ist freie Journalistin in Mecklenburg-Vorpommern und schreibt über Politik, Wissenschaft, Kultur und Arbeit – gerne im ländlichen Raum. Alle Beiträge

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