Es ist eine wertvolle Aufarbeitung eines Stücks Geschichte der DDR und der Nachwendejahre. „Herzlich unwillkommen“ heißt ein vor wenigen Monaten im Berliner Metropol-Verlag erschienenes Buch von Franziska Pfister. Der ursprünglich als Doktorarbeit verfasste Titel dokumentiert den Alltagsrassismus gegen Vertragsarbeitnehmer*innen der DDR in den Jahren 1975 bis 1993. Ein bedrückendes Kapitel Historie, bei dem der rassistische Pogrom 1991 in Hoyerswerda, der sich im September zum 35. Mal jährt, eben nicht der Anfang war. Und auch nicht der Schluss.
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Neonazis nicht allein in der Schuld
Schon zu Zeiten der DDR hatte es 40 Angriffe auf Wohnheime von Migranten gegeben. „Die gesellschaftliche Akzeptanz vielfältiger Formen der Diskriminierung von Ausländerinnen und Ausländern, die in der DDR milieuübergreifend gediehen war, wirkte wie ein Verstärker“, hält die Autorin über die sogenannte Vereinigungsgewalt fest. Diese ebbte nach ihrer Einschätzung im Jahr 1993 langsam ab.
„Es waren Neonazis, die Brandflaschen warfen und Migranten attackierten, die Anschläge haben sie aber nicht allein zu verantworten“, schreibt Pfister über die Ausschreitungen nach der Wiedervereinigung. „Sie bedienten sich des latent fremdenfeindlichen Klimas und der wachsenden sozialen Spannungen infolge des Zusammenbruchs der planwirtschaftlichen Strukturen.“
Wut und Hass in der DDR
Das Buch liefert nicht nur Informationen zu einem „unappetitlichen DDR-Kapitel“, wie es in einer Rezension des Deutschlandfunks heißt. Sondern auch Erklärungen für die rechten Trends – nicht nur, aber besonders im Osten heutzutage, für das schwindende Vertrauen in die Demokratie. Wie damals in der DDR geht es – auch – um den Umgang mit Menschen, die geholt wurden, um Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu stopfen. 1989 hatte die DDR rund 90.000 Vertragsarbeiternehmer*innen. Zwei Drittel von ihnen kamen aus Vietnam, ein Fünftel aus Mosambik, je um die zehn Prozent aus Kuba und Polen.
Das alles gehört zur Geschichte des Rassismus in der DDR, wie das Buch „Herzlich unwillkommen“ zusammenfasst: Gewalt, sexuelle Belästigungen, Unterstellungen zu eingeschleppten Krankheiten, Neid und Versorgungsengpässe, Überwachung und Enge in den Wohnheimen, Diskriminierungen in Kneipen und Tanzlokalen, die Unterwanderung von Ordnungsgruppen der Freien Deutschen Jugend durch Neonazis. Der SED-Staat hatte einen marginalen Ausländeranteil von gut einem Prozent, schreibt Pfister. Und trotzdem: „Wut und Hass standen offensichtlich in einem Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Klima in der DDR.“
Unter Sachsen nicht willkommen
Für die Journalistin Julia Oelkers war der Bericht eines mosambikanischen DDR-Vertragsarbeiters über seine Erlebnisse 1991 in Hoyerswerda der erste Dokumentarfilm, an dem sie beteiligt war. Vor zehn Jahren beschrieb sie in dem Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und willkommen“, wie die Lage 25 Jahre nach dem Pogrom in der ostsächsischen Stadt war. Wie schwer es damals war, sich in Hoyerswerda für Geflüchtete zu engagieren. Mehr als 20 Jahre lang waren keine Asylsuchenden in der Stadt untergebracht worden. 1991 hatte es tagelang Attacken gegen Mosambikaner*innen gegeben, Jugendliche warfen Steine und Molotowcocktails auf deren Unterkünfte.
Oelkers bilanzierte: „Die Polizei sah sich nicht in der Lage, die rassistische Mobilisierung zu stoppen. Stattdessen wurden deren Opfer unter dem Beifall einer großen Menge in Bussen aus der Stadt gebracht. Nach dieser Kapitulationserklärung des Staates feierten die Angreifer und Angreiferinnen ihren Sieg und bezeichneten Hoyerswerda als ‚erste ausländerfreie‘ Stadt.“
Faktische Komplizenschaft mit Neonazis
Die erste „ausländerfreie Stadt“: Ein Vorhaben, das der Neonazis Michael Kühnen eigentlich im Westen hatte. 1988 zog er in die Kleinstadt Langen südlich von Frankfurt am Main. Die dort von ihm angeführte neonazistische Kleinpartei FAP wurde aber vor der Kommunalwahl verboten.
In Hoyerswerda schilderte der Mosambikaner Agostinho Forena (Name geändert) der Dokumentarfilmerin, was seine deutschen Arbeitskolleg*innen ihm signalisierten: „Endlich werden wir wieder ein Volk, und dann müssen wir die, die nicht dazugehören, außer Landes schaffen. Viele haben so gedacht und auch danach gehandelt.“ Für ihn wie für viele andere waren nicht nur die Angriffe selbst eine unmissverständliche Bedrohung, sondern vor allem die breite Zustimmung der Zuschauer*innen. Ein für ihn „traumatisches Erlebnis“.
Oelkers schrieb, die Täter hätten die „faktische Komplizenschaft“ der Bevölkerung und die Evakuierung der Migranten als einen Freifahrtschein verstanden. In den nächsten Monaten und Jahren habe eine gewaltbereite, organisierte Neonazi-Szene alle terrorisiert, die ihre Vorherrschaft in Frage stellten. „Für eine sehr lange Zeit war die Atmosphäre in Hoyerswerda für Andersdenkende von Angst geprägt, und viele verließen die Stadt.“ An Aufarbeitung und Reflexion des Pogroms habe kaum Interesse bestanden.
Dubiose Geschäfte bei Fachkräfte-Anwerbung
Und heute? Wer sich aktuell mit Migration nach Deutschland beschäftigt, findet erschreckende Parallelen zu dem Zeitraum, den Franziska Pfister in ihrem Buch untersucht hat. Ein Beispiel dafür gibt eine Dokumentation des ZDF-Magazins Wiso, das sich mit dem boomenden Markt der Anwerbung von Arbeitskräften und Auszubildenden aus dem Ausland befasst.
Am Beispiel einer Gruppe aus Vietnam, die sich in Thüringen zu Altenpfleger*innen ausbilden lassen wollte, schildert der Sender ein Martyrium: ausbleibende Lohnzahlungen, Sammelunterkünfte mit beengten Wohnverhältnissen und Wuchermieten, Probleme beim Deutschunterricht. Von Ausbeutung ist die Rede, von drohenden Abschiebungen, dubiosen Vermittlern, gar von organisierter Kriminalität.
Der Berliner Migrationsforscher Oliver Klawitter spricht in der Sendung von „Praktiken, die wir eher aus dem Kontext des Menschenhandels kennen“. Er sagt, die Abläufe bei der Fachkräfteanwerbung seien oft intransparent und der Markt an Vermittlungsagenturen unübersichtlich. Es gehe nicht um isolierte Einzelfälle, sondern um tieferliegende systemische Probleme. Klawitter ist gemeinsam mit Gizem Ünsal Autor einer Studie zu prekären Lebensrealitäten vietnamesischer Auszubildenden im Auftrag des Berliners Senats.
„Ich konnte nicht mehr lächeln“
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In der ZDF-Dokumentation sagt der Vietnamese Hùng: „Viele meiner Landsleute schämen sich. Sie sind in einem fremden Land und sie kennen da niemanden und deshalb trauen sie sich nicht, ihre Wünsche zu äußern. Und deshalb reden auch viele gar nicht über diese Schwierigkeiten.“
Für viele ist es ein Leben in Deutschland ganz anders als erhofft. Tâm, ein anderer Vietnamese, sagt dem ZDF: „Ich habe mich gefreut, als ich nach Deutschland gekommen bin. Ich wollte arbeiten und eine Zukunft aufbauen. Aber irgendwann konnte ich in diesem Heim nicht mehr lächeln.“ Es ist dies ein Zitat, das ähnlich auch 40 Jahre zuvor schon gefallen sein könnte.