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Meist ist es ein ganzes Bündel an Reibungspunkten. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) hat sich intensiv mit einer wachsenden Gruppe befasst: Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind, und das Land wieder verlassen. Laut einer vor wenigen Tagen in Berlin vorgestellten IAB-Studie kehrte mehr als jeder Vierzigste der Zuzügler im erwerbstätigen Alter zwischen 18 und 65 Deutschland schon wieder den Rücken. Absolut sind das binnen eines Jahres etwa 260.000 Menschen.

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Warum Einwanderer zu Auswanderern werden

Es sind vor allem partnerschaftliche und familiäre Abwanderungsgründe – bei zwei von fünf Zugereisten. Jeder Dritte nennt aufwändige bürokratische Prozesse. Mehr als jeder vierte beklagt die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt. Jeder Fünfte sorgt sich wegen der wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Ebenso häufig werden „Diskriminierungserfahrungen” genannt. Man könnte ebenso sagen: Rassismus.

40 Prozent wandern weiter in ein anderes Land. Besonders beliebt sind Spanien, die Schweiz, Italien und Kroatien. Rückgewanderte, so der offizielle Terminus, kehren der Erhebung zufolge besonders häufig zurück nach Kroatien, in die Türkei, nach Polen sowie nach Rumänien. Die Erhebung ergänzt Statistiken des Mediendienstes Integration. Dieser stellt fest: Vor allem Ausländer verlassen Deutschland. Aber auch immer mehr Deutsche wandern aus.

Wettbewerb um Fachkräfte

„Wir stehen im Wettbewerb um die Fachkräfte”, sagt Yuliya Kosyakova, die Leiterin des Forschungsbereichs Migration und Integration am IAB. Während die Regierungskoalition in Berlin die Westbalkanregelung zusammenkürzt: Statt bisher jährlich 50.000 sollen künftig nur noch maximal 25.000 Menschen pro Jahr aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien zum Arbeiten nach Deutschland kommen.

Eigentlich galt die Westbalkan-Regelung unter Expert*innen als großer Erfolg. Die zugewanderten Arbeitskräfte sollen die deutschen Sozialsysteme stützen – Probleme in den Herkunftsländern durch Abwanderung werden dagegen eher kleingeredet.

Die aktuelle Analyse des IAB steckt voller Sprengstoff. Einig sind sich diejenigen, die gehen: Ausländer:innen haben im Vergleich zu Einheimischen schlechtere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Dazu kommen ungeklärte Fragen zur aufenthaltsrechtlichen Sicherheit. Wer seinen Job verliert, äußert besonders häufig die Angst, Deutschland verlassen zu müssen. Aus Sicht des IAB erleben Eingewanderte Deutschland zwar nicht „durchweg negativ”. Aber eben auch „nicht als uneingeschränkt offenes und leicht zugängliches Einwanderungsland”, wie Kosyakova sagt.

Diskriminierung bei Polizei, Behörden und am Arbeitsplatz

Mit der Analyse bestätigt sich eine Sorge, die bereits in der vor einem Jahr abgeschlossenen ersten Befragungswelle eine wichtige Rolle spielte. Damals wurden Personen mit Abwanderungsabsichten befragt. Kosyakova sagt, Diskriminierung sei zwar „nicht der häufigste Abwanderungsgrund, aber ein relevanter und bei bestimmten Gruppen besonders wichtiger Faktor”. Als Grund für Abwanderungsüberlegungen spielen Diskriminierungserfahrungen bei fast jedem Dritten eine Rolle.

Noch höher ist der Anteil unter Geflüchteten und Asylsuchenden: Zwei von fünf berichten hier über Diskriminierungserfahrungen. Die gebe es in Kontakten mit Polizei und Behörden, aber auch am Arbeitsplatz, berichtet Kosyakova. Sie sagt: Wer solche Erfahrungen in mindestens einem Lebensbereich mache, äußere dann auch „deutlich häufiger Abwanderungsüberlegungen”.

Yuliya Kosyakova betont, was sie an den Ergebnissen der zweiten Befragungswelle besonders beschäftigt. „Viele gehen nicht, weil sie Deutschland völlig abgeschrieben haben. Mehr als die Hälfte der Ausgewanderten wäre rückblickend gerne länger oder dauerhaft in Deutschland geblieben.” Und ebenfalls mehr als die Hälfte habe über eine Rückkehr nach Deutschland nachgedacht.

Deutschland verliert also nicht nur Menschen, die ohnehin gehen wollten. Es verliert auch Menschen, die unter besseren Bedingungen möglicherweise geblieben wären.

Yuliya Kosyakova, Leiterin des Forschungsbereichs Migration und Integration am IAB

Xenophobe Stimmung in Regionen ist „mobilitätsrelevant”

Nach einem Erstarken der AfD fragt das IAB bei seinen Studien nicht – generell nicht nach einzelnen Parteien. Doch bei den Forscher*innen der Bundesagentur für Arbeit ist es kein Geheimnis, dass rechte beziehungsweise xenophobe Einstellungen auf regionaler Ebene durchaus „mobilitätsrelevant” sind. Frühere Studien des IAB zeigen, dass Hochburgen extrem rechter Parteien wie der AfD weniger Arbeitsmigrant*innen aus dem Ausland anziehen. Solche Regionen ziehen auch weniger Arbeitskräfte aus anderen Regionen an. Das spielte im vergangenen Jahr in einem Podcast mit der IAB-Forscherin Tanja Buch eine Rolle.

Beide Studien machen laut Yuliya Kosyakova deutlich: „Ein als wenig offen, rechts oder xenophob wahrgenommenes regionales Klima kann ein Standortnachteil sein – gerade im Wettbewerb um Arbeitskräfte.“ Das dürfen sich Wähler*innen durchaus merken – demnächst besonders auch in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.

Autor*innen

Matthias Meisner ist freier Journalist und Buchautor in Berlin und Tirana. Er schreibt als Gast-Autor für den Campact-Blog über Menschenrechte, Geflüchtete und die Bedrohung der Demokratie. Zuletzt veröffentlichte er 2025 im Dietz-Verlag Bonn gemeinsam mit Paul Starzmann das Buch "Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit". Infos unter www.meisnerwerk.de. Alle Beiträge

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