In den vergangenen Jahren habe ich junge Menschen in Jugendzentren, auf dem Dorf und in Städten in Mecklenburg-Vorpommern (MV) kennengelernt und durfte mit ihnen über die cleversten Themen sprechen. Es ging um rechte Gewalt an Schulen im ländlichen Raum, Queerfeindlichkeit im Klassenzimmer, fehlende Mobilität und wegbrechende Jugendclubs. Sie haben Erfahrungen geschildert, die ihr Leben beeinflussen – und dadurch schnell in politische Forderungen münden könnten.
Einige von diesen Jugendlichen dürfen bei der anstehenden Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September zum ersten Mal wählen. Denn der Landtag hat 2022 mit breiter Mehrheit beschlossen, das Wahlalter in MV auf 16 Jahre zu senken. Insgesamt kommen potenziell rund 25.000 junge Wahlberechtigte im Bundesland hinzu, wie die Landeswahlleitung schätzt.
„Wer arbeiten kann, sollte auch wählen können“
Wieso das besonders ist: Viele Herausforderungen, die MV zu meistern hat, haben demografische Hintergründe. Die Bevölkerung wird älter, viele junge Menschen wandern ab oder ziehen zumindest vom ländlichen Raum nach Rostock, Greifswald oder Schwerin. Zahlenmäßig werden junge Menschen zwar nur etwa ein bis zwei Prozent aller Wahlberechtigten ausmachen. Bisher wurden ihre Interessen aber weniger repräsentiert. Hier gibt es also Potenzial. Denn der Wahlausgang entscheidet auch, ob sie vor Ort Strukturen finden, in denen sie gerne leben – und die sie zum Bleiben bewegen könnten.
Viele junge Menschen blicken deswegen positiv auf die Möglichkeit, wählen zu können. In einem Zeit-Artikel betont eine Befragte aus Rostock, dass es ein Vertrauensbeweis sei, die Stimmen junger Menschen zu zählen. Eine Befragte aus Neubrandenburg berichtet, wie wichtig es sei, sich selbst beispielsweise anhand des Wahlomat der Bundeszentrale für politische Bildung oder Talkshows zu informieren, um gute politische Entscheidungen zu treffen. Ein Jugendlicher aus Greifswald hat eine Antwort auf das wohl stärkste Kontra-Argument, das Jugendlichen fehlende Reife unterstellt. Er sagt: „Wer ins Berufsleben starten kann, sollte in der Lage sein, selbstverantwortlich zu wählen.“ Vielleicht ist die Frage also gar nicht: Sind Jugendliche reif genug? Sondern: Ist die politische Umwelt eigentlich bereit, Jugendliche ernsthaft einzubeziehen?
Zugang da, aber was ist mit Kompetenz, Motivation, Resonanz?
Bisher haben 16- und 17-Jährige nur in Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein bei der Landtagswahl wählen können. Mecklenburg-Vorpommern ist erst nach der letzten Landtagswahl hinzugekommen, Berlin hat Ende 2023 sein Landeswahlgesetzes auf Wählen ab 16 angepasst. Nordrhein-Westfalen ist ebenfalls nachgezogen, dort wählen 16- und 17-Jährige bei der kommenden Landtagswahl im Frühjahr 2027 ebenfalls zum ersten Mal.
Ob junge Menschen in MV und Berlin das nun neu erhaltene Wahlrecht nutzen werden: keine Ahnung. Eine 2026 erschienene Studie der Bertelsmann-Stiftung hat zuletzt vier Hürden ausgemacht, an denen es scheitern könnte.
- Zugang: Kann ich wählen? Immerhin müssen sich Erstwählende mit Parteien, Wahlablauf und so weiter vertraut machen.
- Kompetenz: Verstehe ich wählen? Also ob politische Bildung gefördert wurde und Jugendliche gelernt haben, sich mit Meinungen auseinanderzusetzen.
- Motivation: Will ich wählen? Also ob sie Vertrauen in die Umsetzung politischer Versprechen bilden konnten.
- Resonanz: Erreicht meine Stimme was? Nehmen Jugendliche Politik als inszeniert wahr oder fühlen sich ungehört oder nicht repräsentiert, kann sie das vom Wählen abhalten.
Das sind zwar erstmal Schwierigkeiten. Sie zeigen aber auch, dass Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft Möglichkeiten haben, junge Menschen zum Wählen zu motivieren. Stellschrauben befinden sich in Orten, an denen sich junge Menschen den Großteil ihres Tages aufhalten: in Schulräumen. Nicht allein durch die Inhalte, sondern auch im Miteinander lernen junge Menschen, wie Demokratie und Mitbestimmung funktionieren. Zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis gibt es offensichtlich Nachholbedarf, zumindest wenn man sich an ein im Juli in den sozialen Medien viral gegangenes Video erinnert.
Die Fickt-Euch-Rede
Eine Schülerin kritisierte mit scharfen Worten bei der Zeugnisvergabe in Hagenow (nahe Schwerin) strukturelle Probleme. Arbeitsblätter seien veraltet, es habe kein vernünftiger Unterricht stattgefunden und Lehrpersonal ständig gewechselt, so die Vorwürfe. Insgesamt fielen in ihrem Jahrgang 18 von 51 Abiturient*innen durch – mehr als ein Drittel. Der Wert liegt über dem Schnitt auf Bundesebene (rund 5 Prozent) und dem von MV (7 bis 8 Prozent), wie die Ostsee-Zeitung feststellt.
Eine super Möglichkeit, um Strukturen zu verbessern und Probleme zu beheben, oder? Personalmangel und Unterrichtsausfälle werden auch in MV nicht erst seit gestern debattiert. Doch die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Die Lehrergewerkschaft stellte sich hinter die Strukturkritik, andere applaudierten dem Mut der Schülerin. Auf der Gegenseite – vertreten auch durch Mitschüler*innen und Eltern – wurde vor allem die Wortwahl der Schülerin und ihre mangelnde Wertschätzung für das Lehrpersonal kritisiert.
Besonders interessant ist die Reaktion des Schulamts Schwerin, das zunächst die vermeintliche Gefühlslage der Schülerin einordnet: „Die Schülerin, die die Prüfung zum Abitur nicht bestanden hat, äußerte in ihrer Rede Beschimpfungen und Verunglimpfungen. Dies war sicherlich dem Umstand geschuldet, dass sie die Abiturprüfungen nicht bestanden hat.“ Der erste Satz ist eine Tatsache. Der zweite Satz ist eine Annahme und macht die vorgetragene Kritik nicht weniger brisant.
Alles top in Hagenow?
Doch auch die kritisierten Inhalte weist das Schulamt der OZ zufolge zurück. Es hätten Unterstützungsangebote bereitgestanden, es habe in abiturrelevanten Fächern keine Lehrerwechsel und für Krankheitsfälle Vertretungslehrkräfte gegeben und so weiter. Gemessen an den Herausforderungen, die Vertreter*innen des Schulsystems im Bundesland immer wieder formulieren, klingt das fast schon utopisch super.
Dabei könnte man genau hier ansetzen. Der Schlüssel liegt womöglich gar nicht in der tausendsten Analyse, sondern auch im Umgang miteinander. Demokratiekompetenz stärken heißt das bei der Bertelsmann-Stiftung. Hagenow könnte also kein Ärgernis, sondern Präzedenzfall sein: Es gibt Probleme, deren Konsequenzen Schüler*innen, Lehrkräfte und Schulen zu tragen haben. Und es gibt Gesprächs- und Handlungsbedarf. Offensichtlich so viel, dass Schüler*innen drastische Maßnahmen ergreifen, um ihre Anliegen hörbar zu machen – an einem Ort, an denen Demokratie täglich geübt werden muss.
Motivation durch Handlung
Denn positive Erfahrungen sind notwendig, um die Hürde Motivation anzugehen. Motiviert ist vor allem, wer bemerkt, dass sich etwas verändert, auch scharf und manchmal unfair formulierte Kritik ernst genommen wird und Lösungsmöglichkeiten ausprobiert werden. Viele strukturelle Probleme sind aber seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten bekannt. Aber was hilft ein Wahlrecht, wenn junge Menschen nicht erfahren, dass ihre politische Beteiligung tatsächlich etwas bewirkt, dass jemand die Sache angeht? Jugendthemen sichtbar auf die Agenda setzen, Probewahlen in schulischer Begleitung und seriösere politische Inhalte in den sozialen Medien wären Tipps aus der Bertelsmann-Studie.
Manches kommt auch von den Schüler*innen selbst. Der Abiturient Jannis Bönsel beispielsweise hat mit dem Projekt Tafelrunde gerade ein Format für Schüler*innen in MV organisiert, bei dem sie sich über politische Inhalte austauschen. Im Gespräch sagt er:
Die Zukunft wird sich durch die Bildung der jetzigen Kinder entscheiden. Ob wir in Zukunft Krieg oder Frieden haben, entscheidet sich jetzt im Geschichtsunterricht. Ob wir weiterhin hervorragende Ingenieure haben, die für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgen, entscheidet sich jetzt in der Mathestunde. Und so weiter.
Jannis Bönsel, Projekt Tafelrunde
Für die Landtagswahl wünscht er sich vor allem Wählende, die Wahlprogramme studieren, sich respektvoll austauschen und verantwortungsbewusst Entscheidungen treffen.
Und dann sind wir auch schon beim vierten Punkt, der Resonanz-Hürde. Dialogformate in Jugendzentren und Schulen, Politik auf Augenhöhe und institutionelle Vertretungen könnten Abhilfe schaffen, so die Bertelsmann-Studie. Inwiefern das eigene Wählen sich positiv auf die Belange der Jugendlichen auswirkt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Fest steht: Jugendliche werden nicht zu politisch mündigen Wähler:innen, indem man ihnen einen Wahlzettel in die Hand drückt und herzlich gratuliert – sondern indem sie vorher und nachher erleben, dass ihre Stimmen gehört werden und etwas bewirken. In diesem Jahr bekommen sie in MV zum ersten Mal die Möglichkeit, zu entscheiden, wem sie das Vertrauen schenken, Probleme anzugehen. Egal ob in Schulen, Jugendclubs oder Skateparks, die erst noch gebaut werden müssen.