Einer meiner Lieblingsorte in Tirana ist die internationale Buchhandlung Babel, direkt neben der Pyramide. Ein Gebäude, das für die wechselvolle und widersprüchliche Geschichte Albaniens steht. Errichtet nach dem Tod von Enver Hoxha 1985, zunächst als Gedenkort für den Langzeitdiktator. Nach dem Sturz des Regimes 1990/91 verfiel die Pyramide mehr und mehr. Ein umkämpfter Abriss drohte. Dann aber wurde das einstige Denkmal aus der kommunistischen Ära saniert und zu einem modernen Kongress- und Kulturzentrum umgestaltet. Seit 2023 ist die Pyramide wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.
Der Bauboom – und seine Schattenseiten
Vom Dach der Pyramide hat man einen großartigen Blick auf die Stadt. Auf die von Star-Architekten aus aller Welt errichteten spektakulären Hochhäuser. Von dort oben lässt sich auch sehr gut die Korruption erahnen, die mit diesem Bauboom verbunden ist.
Neben der Pyramide ist der Amtssitz des Premiers Edi Rama, seit 2013 amtierend. Ein kunstbeflissener und unkonventioneller Mann, der seinem Volk einerseits verspricht, das Land in die EU zu führen. Und der andererseits maßgeblich Verantwortung dafür trägt, dass sich das Land mehr und mehr zu einer Autokratie wandelt. Ein Land, in dem Oligarchen immer mächtiger werden und in dem für viele das Leben unbezahlbar wird.
Was ist die Flamingo-Revolution?
Seit Mai 2026 mehren sich in Albanien die regierungskritischen Proteste. Auslöser ist der Baubeginn des Luxusresorts Sazan Island bei Vlora, in dessen Gebiet Flamingos brüten.
Die Proteste richten sich gegen Naturzerstörung, die Privatisierung öffentlichen Raums durch wohlhabende Investoren, Korruption und die Regierung von Ministerpräsident Edi Rama.
In der Buchhandlung Babel, neben der Pyramide, habe ich vor ein paar Tagen mit Freunden aus Deutschland noch Kaffee getrunken. Sogar Kaffeebecher mit dem symbolischen Flamingo standen zum Verkauf.
Flamingo-Proteste: Eskalierende Gewalt im Zentrum
Der Flamingo steht in Albanien sinnbildlich für den massenhaften Widerstand gegen das geplante Luxusresort der Trump-Familie, im Süden an der Küste und auf der Insel Sazan. Premier Edi Rama unterstützt das Projekt. Eigentlich war dieser Widerstand friedlich. Doch seit dieser Woche ist nichts mehr wie es war.
Insgesamt 134 Tage lang adressierten Flamingo-Proteste Ramas Regierung und die gesamte politische Kaste friedlich. Seit Dienstag sind diese Proteste umgeschlagen in Gewalt. Die verschiedenen Gruppen sind kaum noch zu trennen. Vor allem jugendliche, schwarz gekleidete Demonstranten – manche sagen Hooligans – werfen Steine, schleudern Brandsätze. Die Polizei geht massiv gegen die Protestierenden vor, mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas.
Die Protestierenden attackierten zunächst Regierungsgebäude wie das Bildungs- und das Finanzministerium. Kurz darauf folgte die Zerstörung im Zentrum: Straßenlaternen, Bushaltestellen, Blumenkästen, Ampeln. Banken, Geschäfte. Dazu Plünderungen. Selbst das Puppentheater am Skanderbegplatz blieb nicht verschont.
Am Mittwochvormittag hatte ich dorthin noch eine Schülergruppe begleitet, während mir besorgte Eltern ängstlich Chatnachrichten schrieben. Nur einen Tag später schlugen Gewalttäter im Gebäude teilweise die Scheiben ein. Eine Mutter schreibt: „Zum Glück haben unsere Kinder überlebt.“
Die Grenzen sind fließend
Wenige Stunden später, am Mittwochabend, traf es dann die Buchhandlung Babel neben der Pyramide. Alle Scheiben eingeworfen. Ein ausgebranntes Moped liegt vor dem Gebäude. Am Donnerstagmorgen schaffen Helferinnen und Helfer alle Bücher aus dem Laden, aus Sorge vor einem Brandanschlag in der nächsten Nacht. Der bleibt zum Glück aus.
Im April stellten Paul Starzmann und ich unser Buch „Mut zum Unmut. Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“ in der Buchhandlung Babel vor. Seitdem habe ich zu diesem Ort in Tirana eine besondere Beziehung.
Im Vorwort des im Herbst 2025 erschienenen Buches schrieben wir, die wichtigste Waffe renitenter Charaktere sei der Widerspruch. „Ob ruhig ausgesprochen oder lautstark in die Welt hinausposaunt.“ Weiter heißt es: „Die Grenzen sind fließend zwischen Mut und Übermut, Debatte und Streitlust, Kampfgeist und Militanz.“ Das Buch könnte als eine Art Prognose gelten für die Entwicklung des Aufstands in Albanien.
Wut – auch über Ursula von der Leyen
„Irgendwann steigt die Wut eben, wenn die Regierung alles ignoriert, nochmal eines nach dem anderen drauflegt und selbst Gewalt anwendet“, sagt ein Lehrer in Tirana. Er selbst hatte an vielen friedlichen Flamingo-Protesten teilgenommen. Auch mit seinen Kindern. „Für friedlich protestierende Albaner interessiert sich halt niemand“, sagt er ernüchtert.
„134 Tage lang haben wir uns vom Staat beschimpfen lassen, hat die Polizei Leute verhaftet und geschlagen. Alte, auch Leute im Rollstuhl, oder Menschen mit Kindern geschubst. Und trotzdem ist es mit Ausnahme von Eierwürfen friedlich geblieben.“
Zwar sei man am Ende selbst fürs eigene Land verantwortlich, „aber da hat eben auch die EU die Chance für moralische Unterstützung verpasst“. Eine Anspielung auf EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Ende September ihre Westbalkan-Reise in Tirana begann und Edi Rama bescheinigte, er arbeite „hart dran, Albaniens europäischen Traum in die Realität umzusetzen“.
Die Grünen-Europaabgeordnete Terry Reintke empörte sich anschließend, wie es von der Leyen bei ihrem Albanien-Besuch habe schaffen können, die Massenproteste gegen Korruption und für ein besseres Leben nicht mit einem Wort zu erwähnen.

„Wir sind doch auch für die Proteste!“
Doch wie können die Proteste in Tirana und inzwischen auch anderen Städten wie Kukës, Durrës, Shkodra und Vlora eine konstruktive Wende nehmen? Noch ist das schwer zu sagen: Premier Edi Rama lehnt einen Rücktritt beharrlich ab. Und auch viele Aktivist*innen, die in Albanien für Menschenrechte und gegen Korruption streiten, sind ratlos.
Beispielhaft steht hier das Tirana-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Eine Institution in der Stadt, die Initiativen für Frauenrechte und Umwelt unterstützt, zuletzt auch das queere Filmfestival. Vor ein paar Wochen baute die Grünen-nahe Stiftung zudem am Skanderbegplatz im Zentrum der Stadt ein großformatiges Mosaik zu Albaniens Tierwelt auf. Es ist Teil einer Ausstellung zu Albaniens Artenvielfalt und ein schöner Kontrast zum Mosaik aus kommunistischer Zeit am Nationalmuseum schräg gegenüber.
Unter den Besuchern der Ausstellung sammelte die Stiftung Spenden für die Umweltorganisation PPNEA, die sich selbstredend auch gegen die Luxusresort-Pläne der Trump-Familie einsetzt. Wie die Flamingo-Proteste. Trotzdem drohten Demonstranten am Mittwochabend, die Mosaik-Installation anzuzünden. „Wir sind doch auch für die Proteste!“, appellierten die freiwilligen Helferinnen und Helfer inständig. Am Donnerstag bauten sie die Ausstellung aus Sicherheitsgründen vorzeitig ab.

Wer verteidigt hier wen?
Vieles, was in diesen Tagen in Tirana passiert, ist widersprüchlich. Viele sind hin- und hergerissen. Wenn Buchhandlungen, ein Puppentheater oder eine Ausstellung zur Natur Albaniens bedroht oder zerstört werden, wie lässt sich das gutheißen?
Und wie lässt sich überhaupt ein legitimer Studierendenprotest organisieren, der auch gehört wird? Wie beziehungsweise wann wird endlich die grassierende Korruption im Land eingedämmt? Die Mitarbeiterinnen der Babel-Buchhandlung stellen berechtigterweise noch eine andere Frage: Warum beschützte und verteidigte die Polizei nicht in den entscheidenden Momenten die Buchhandlung gegen Angriffe?
Einen Tag, nachdem in der Buchhandlung Babel die Scheiben eingeworfen wurden, sitzen vier Polizisten auf den Stufen der Pyramide und beobachten die Aufräumarbeiten. Mitarbeiterinnen der Buchhandlung bringen den Polizisten Gebäck aus dem Café. Einer von ihnen sagt: „Der Kuchen ist sehr gut.“