Die Union streitet über die Brandmauer, zögert beim AfD-Verbot und kürzt Demokratieförderungen – anscheinend in der festen Überzeugung, im Willen ihrer Wähler*innschaft zu handeln. Die sieht das allerdings deutlich anders. Das zeigt die repräsentative Umfrage von Pollytix und dem TTRex, Campacts Denkfabrik gegen Rechtsextremismus.
Protest-Puls Herbst 2026
Kurz nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt führten Pollytix und der TTRex eine repräsentative Online-Befragung durch. Vom 14. bis 16. September nahmen insgesamt 3.113 Wahlberechtigte teil.
Um die Befragten im politischen Spektrum verorten zu können, wurden diese nach ihrer Wahlabsicht bei der nächsten Bundestagswahl gefragt.
Was ist mit dem AfD-Verbot?
Ich bin und bleibe skeptisch, ob ein solches Verbotsverfahren erfolgreich sein kann.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), 9. September 2026, ZDF heute
Allein die Diskussion über ein mögliches Verbot nutzt der AfD und macht sie stärker.
Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, September 2026, Focus
Nach wie vor ist sich die Union unsicher, ob man nun ein AfD-Verbot verfolgen soll oder lieber doch nicht. Fragezeichen und Vermutungen dominieren den Diskurs: Man müsse die AfD nicht juristisch, sondern politisch bekämpfen. Wie gut das in der Vergangenheit funktioniert hat, zeigen die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.
Laut Umfrage ist die politische Mitte beim AfD-Verbot deutlich weiter: 66 Prozent der Unionswähler*innen wollen, dass ein AfD-Verbotsverfahren auf Bundesebene geprüft wird. Für die rechtsextremen AfD-Landesverbände fordern das sogar 81 Prozent. Die klare Unterscheidung zwischen AfD-Bundespartei und deren rechtsextremen Landesverbänden spricht für eine überlegte Haltung, nicht für eine Stimmung.
Wie steht es um die Brandmauer?
Die Brandmauer hat die AfD nicht gestoppt.
Frank Henkel, CDU-Abgeordneter für Berlin, Gastbeitrag vom 15. September 2026 bei Tichys Einblick
Die starren Unvereinbarkeitsbeschlüsse bringen uns nicht voran.
Florian Oest, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Sachsen, Oktober 2026, Schwäbische
Im Dezember 2021 kündigte Friedrich Merz, gerade auf dem Weg CDU-Parteichef zu werden, an: „Mit mir wird es eine Brandmauer zur AfD geben.“ Danach fügte er noch hinzu, wer innerhalb der CDU die Hand hebe und mit der AfD zusammenarbeite, für den stehe am nächsten Tag ein Parteiausschlussverfahren an.
Etwas, worauf man in der Union vor fünf Jahren noch stolz pochte, soll nun aber Mitschuld an den schlechten Wahlergebnissen haben. Allerdings findet diese These in den Umfragezahlen der Unions-Wähler*innenschaft keine Stütze. Ganz im Gegenteil: 70 Prozent fordern, nicht mit der AfD zu koalieren. 64 Prozent lehnen auch eine Duldung einer AfD-Regierung ab.
61 Prozent erwarten, dass demokratische Parteien keine Forderungen der AfD übernehmen. Und: Würden einzelne CDU-Abgeordnete zur AfD überlaufen, wäre das für 52 Prozent der CDU-Wähler*innen ein Grund, diese Partei nicht mehr zu wählen.
Demokratieprojekte kürzen oder fördern?
Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel.
Karin Prien (CDU) im taz-Interview, 2026
Bundesministerin Karin Prien lässt die Förderung von rund 200 Projekten aus „Demokratie leben“ Ende 2026 auslaufen. Denn es sei leider nicht realistisch, dass man „über Förderprojekte die liberale Demokratie retten“ könne, sagte Prien auf der re:publica 2026. Betroffen sind unter anderem HateAid, Correctiv und die Amadeu Antonio Stiftung.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte dazu im Bundestag: Dass Organisationen, die der Linken nahe stehen, weniger Geld bekommen, sei „ein gewünschtes Ergebnis“.
Dabei wollen laut Umfrage 82 Prozent der Unionswähler*innen mehr Geld für Förderprogramme gegen Rechtsextremismus. Und 91 Prozent halten den Ausbau politischer Bildung für eine gute Idee. Sogar 78 Prozent erwarten, dass sich Unternehmen und Verbände deutlich stärker gegen die AfD positionieren.
Während die Spitze kürzt, will die Basis ausbauen. Hier zeigt sich ganz klar: Die Demokratieförderung unter Unionswähler*innen ist kein linkes Nischenthema, sondern nahezu Konsens.
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