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Ein blauer Tsunami, ein demokratisches Erdbeben, der größte Wahlsieg seit dem Watergate-Skandal – die Medien versuchen noch, die Dimension des Sieges der US-Demokraten in Worte zu fassen.

Diese blaue Welle war überhaupt nicht selbstverständlich. Ausgerechnet bei diesen Zwischenwahlen mussten besonders viele demokratische Senator*innen und nur eine Handvoll Republikaner zur Wiederwahl antreten. Donald Trump hat viel versucht, um die Wahl zu manipulieren. Der US-Präsident hat sogar angedroht, die Wahllokale von Milizen der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE patrouillieren zu lassen. Und noch nie hat ein Billionär so viel Geld in eine Kampagne gepumpt wie Elon Musk für die Republikaner in Texas. 

Und trotzdem: Die Menschen in Amerika sind zur Wahl gegangen. Sie haben zahlreichedie Republikaner abgewählt und Trump abgestraft. Egal wo man hinschaut – in die Vororte, in die ehemaligen Industrie-Hochburgen oder die ländlichen Regionen – und egal, wen man befragt, die Menschen der Arbeiterklasse oder der bürgerlichen Mittelschicht, junge Männer oder Seniorinnen: Die große Mehrheit der Menschen in den USA hat demokratisch gewählt. 

Eines wird hier sehr deutlich: Es ist dem Trump-Regime nicht gelungen, seine autoritäre Macht zu verfestigen – obwohl es weder an Ambition noch an Anläufen gemangelt hat. In den USA gibt es weiterhin eine freie Presse, die Opposition hat offen gegen den Präsidenten kandidiert, zahlreiche Richter*innen haben dem Kabinett seine Grenzen aufgezeigt – und die Zivilgesellschaft hat sich dem Regime immer wieder entgegengestellt. Zudem ist es den Republikanern nicht gelungen, die neuen Wählergruppen zu halten, dank derer Trump 2024 die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. 

Die Zahlen

Noch liegen nicht alle Daten vor, aber es stechen bereits einige wichtige empirische Befunde hervor:

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  • Die Popular Vote: Die Demokraten haben im Repräsentantenhaus insgesamt 13 Prozent mehr Stimmen bekommen als die Republikaner. Das übertrifft auch die optimistischsten Erwartungen. Einen solchen Vorsprung hatte die Partei zuletzt 1974, unmittelbar nach dem Watergate-Skandal.
  • Es hat eine große Mobilisierung von Nicht-Wähler*innen gegeben und diese neuen Wähler*innen sind jünger, demokratischer und vor allem in den Südstaaten sind ganz viele von ihnen Latinos. 
  • Überhaupt lohnt es sich, bei jungen Wähler*innen genauer hinzuschauen: Über 70 Prozent der Wähler*innen zwischen 18 und 29 Jahren haben dieses Mal für demokratische Kandidat*innen gestimmt. Das sind 32 Prozent mehr als 2024! Am stärksten ist diese Wanderung bei jungen Latino-Männern, die 2024 noch kollektiv zur neuen Trump-Wählergruppe erklärt wurden: 79 Prozent haben dieses Mal demokratisch gewählt, 42 Prozent mehr als 2024. 
  • Ähnlich gewaltig sind die Verschiebungen bei Working-Class-Wähler*innen, die dieses Mal mehrheitlich Demokraten gewählt haben. Ganze 90 Prozent (!) der schwarzen und 69 Prozent (!) der Latino ohne Hochschulabschluss haben demokratisch gewählt. Nur bei weißen Männern ohne Hochschulabschluss trifft Trump noch auf über 50 Prozent Unterstützung.

Talarico, El-Sayed, Haaland – die neuen Demokraten 

Es fällt auf, wie ideologisch breit, personell vielfältig und insgesamt kämpferisch die Demokraten bei diesen Wahlen angetreten sind. Kandidat*innen aus allen Lagern der Partei haben dieses Mal gewonnen, so lange sie sich vehement von Trump abgegrenzt und ein glaubhaftes Versprechen abgegeben haben, im Land etwas zu verändern. 

  • Sei es der konservative Christ James Talarico, der nun als demokratischer Senator für Texas nach Washington geht. Talarico musste sich nicht nur gegen einen etablierten Republikaner, sondern auch gegen die Finanzmacht von Elon Musks Super PAC durchsetzen. (Super PACs sind Organisationen, die extra gegründet werden, damit Unternehmen und Lobbyverbände politische Kandidat*innen finanziell unterstützen können, ohne dabei die rechtlichen Obergrenzen für Spenden an Kampagnen einhalten zu müssen.)
  • Oder Abdul El-Sayed aus Detroit, mit dem zum ersten Mal ein Muslim in den US-Senat einzieht. El-Sayed hat sich in dem Industriestaat Michigan mit seiner progressiven, pro-gewerkschaftlichen Kampagne erst bei den demokratischen Vorwahlen und dann gegen den republikanischen Gegenkandidaten durchgesetzt.
  • In New Mexico ist mit Deb Haaland zum ersten Mal eine Native American zur Gouverneurin gewählt worden; die Menschen in Georgia haben mit Keisha Lance Bottoms zum ersten Mal eine Schwarze Gouverneurin.

Die Vielfalt dieser demokratischen Sieger*innen macht eines sichtbar: Deutlicher und klarer hätten die Menschen in Amerika Trumps Versprechen, aus den USA wieder ein weißes, christliches Land zu machen, kaum eine Absage erteilen können. 

Was hat diesen Erfolg ermöglicht?

In den Analysen, von der New York Times bis zur Süddeutscher Zeitung, dominiert der Blick auf die Benzinpreise und den unbeliebten Krieg im Iran. Beide Themen waren sehr wichtig, doch alleine können sie die Dimension des demokratischen Wahlsiegs nicht erklären.

Es gibt einen weiteren Aspekt, der oft übersehen wird. Mir fällt er besonders auf, weil er so relevant für unsere Arbeit gegen die AfD ist: Seit dem Beginn von Trumps zweiter Präsidentschaft haben sich in allen Teilen der USA ganz normale Menschen dem autoritären Umbau ihres Landes mutig, ausdauernd und entschieden entgegengestellt. Ihr Widerstand hat Trumps Niederlage bei den Midterms erst möglich gemacht.

  • Sei es im tiefsten Winter in Minneapolis, als die bewaffneten Mitglieder von ICE anfingen, Migrant*innen zu deportieren. Nachbar*innen entschieden sich, nicht tatenlos zuzusehen. Sie telefonierten sich zusammen, verabredeten sich vor Supermärkten und Schulen und sorgten dafür, dass bedrohte Menschen nicht schutzlos waren. Die ICE-Leute spürten, dass sie in Minneapolis nicht willkommen sind – und zogen sich schließlich zurück.
  • Oder im Oktober 2025, als an über 2.700 Orten in Amerika insgesamt knapp 7.000.000 Menschen bei den No Kings-Protesten gegen Trump auf die Straße gingen. Und das, obwohl Trump unmittelbar davor alles dafür vorbereitet hatte, den Protest gewaltsam niederzuschlagen.
  • Und dann waren da noch die zahlreichen Vereine, NGOs und Organisationen, die gegen jedes einzelne Dekret aus dem Weißen Haus vor die Gerichte zogen. Obwohl sie laufend von dem Regime bedroht und schikaniert wurden und es so viele Fronten gab, an denen sie sich wehren mussten. 

Linke Socken werden!

Demokratie ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Dafür braucht man natürlich die richtigen Socken. Unterstütze Campact jetzt regelmäßig und ergattere ein limitiertes Paar Linke Socken.

Was können wir in Deutschland daraus lernen?

Donald Trump hat vieles versucht, um die Wahlen zu beeinflussen, Menschen einzuschüchtern und von der Urne fernzuhalten. Dass die Amerikaner*innen dennoch frei wählen konnten, ist der Zivilgesellschaft und den Gerichten zu verdanken. 

US-Amerikanerinnen und -Amerikaner haben in den letzten zwei Jahren jeden Tag aufs Neue die Entscheidung getroffen, das Trump-Regime nicht einfach machen zu lassen. Sie haben sich nicht einschüchtern lassen von ICE-Gewaltexzessen oder von Trumps Drohungen oder von Musks Reichtum und seiner Hoheit über die digitalen Medien. Sie haben sich auch nicht verunsichern lassen durch all jene, die nach dem Wahlsieg von Trump von einer rechten Zeitenwende sprachen und Widerstand für zwecklos erklärten. 

Dadurch haben sie das Regime an vielen Orten gestoppt und die Legitimität der Regierung erschüttert. Sie erinnern uns daran, wie stark und mächtig demokratische Gesellschaften sind, wenn Menschen sich zusammenschließen. 

Was die Midterms für unsere Arbeit gegen die AfD bedeuten

Für unsere Auseinandersetzung mit der AfD bedeutet das: Ob eine liberale Demokratie ins Autoritäre kippt, hängt nicht von den Ambitionen der extremen Rechten ab – sondern davon, ob wir autoritäre Kräfte machen lassen oder nicht. 

Keine Frage, Trump und die Republikaner bleiben gefährlich. Jetzt, wo sie angezählt sind, vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Aber wenn die politischen Ereignisse in den USA, in Serbien oder Brasilien eines zeigen, dann das: Auch mächtige Autokraten sind besiegbar – und Demokrat*innen, die sich zusammentun, stärker und widerstandsfähiger als unsere Gegner glauben. 


Mit über 4,5 Millionen Unterstützer*innen ist Campact einer der wichtigsten Verteidiger unserer Demokratie. Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren große Demonstrationen gegen die AfD organisiert; wir haben nicht weggesehen, wenn Unternehmen oder Verbände die AfD unterstützt haben, sondern Kampagnen gestartet. Wir haben demokratische Bündnisse, Personen und Organisationen unterstützt, die sich der AfD mutig entgegengestellt haben. 

Nicht immer sieht man die Wirkung dieser Arbeit sofort. Wir wissen aus unseren Gesprächen mit Aktivist*innen und engagierten Organizers in den USA und darüber hinaus, dass auch sie manchmal ratlos und immer wieder unsicher waren. In Amerika hat es jetzt viele Monate und teilweise Jahre gedauert, bis wirklich klar war, ob und welchen Unterschied der Einsatz der Menschen gemacht hat – aber dafür war der Sieg demokratischer Kräfte dieses Mal umso größer. 

Auch wir werden unsere Arbeit fortsetzen. In den kommenden Monaten geht es unter anderem darum, mit voller Kraft an einem Verbotsantrag der rechtsextremen AfD zu arbeiten. Wir bleiben auch in Sachsen-Anhalt aktiv und unterstützen Zivilgesellschaft überall dort, wo sie sich der AfD entgegenstellt und für Grundrechte einsteht. Schließe Dich uns an und abonniere hier unseren Newsletter. 

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Autor*innen

Dr. Ella Müller ist Historikerin und wurde an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg promoviert. In ihrer wissenschaftlichen Forschung hat sie sich mit der Radikalisierung reaktionärer Kräfte in den USA von den 1960er Jahren bis heute beschäftigt. 2023 erschien ihr Buch „Die amerikanische Rechte und der Umweltschutz“ in der Hamburger Edition. Für fünf Jahre leitete sie das transatlantische Demokratie-Programm der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington D.C., bevor sie im Herbst 2025 zu Campact wechselte und die Leitung des TTRex übernahm. Alle Beiträge

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