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5-Minuten-Info:
Bienensterben stoppen!

Anfang April 2014 entscheiden die Agrarminister von Bund und Ländern über die Umsetzung der so genannten „ökologischen Vorrangflächen“, die Teil der neuen EU-Agrarpolitik sind. Jeder Landwirt, von der EU die vollen Fördermittel erhalten will, soll demnach fünf Prozent seiner Ackerflächen im Sinne des Artenschutzes bewirtschaften.

Doch die Bundesregierung mauert: Auf diesen Flächen sollen Landwirte auch Monokulturen anbauen und Pestizide und Kunstdünger einsetzen dürfen. Dabei werden die Flächen dringend als Lebensraum für Bienen und viele andere Arten benötigt. Die Regierung gibt damit eine einmalige Chance leichtfertig aus der Hand: Mit einem Verbot von Pestiziden, Kunstdünger und Monokulturen auf den ökologischen Vorrangflächen könnte sie wirksam gegen das Artensterben vorgehen und nicht nur von Bienengesundheit reden, sondern etwas dafür tun. Die Agrarminister/innen der Länder haben es in der Hand, den Entwurf zu ändern.

Was verursacht das Bienensterben?

Imkermeister Thomas Radetzki, Vorstand des Imkerverbands Mellifera e.V., beantwortet unsere Fragen zum Bienensterben:

Herr Radetzki, warum sterben die Bienen?

Bevor ein Volk kollabiert, wurde es oftmals schon durch verschiedene Faktoren geschwächt. Die eigentlichen Ursachen sind häufig nicht eindeutig zu klären. Neben der Varroamilbe ist die industrielle Agrarproduktion mit ihren Pestiziden und Monokulturen die Hauptbelastung für die  Gesundheit der Bienen. In den dramatisch zunehmenden Monokulturen wie Mais verhungern unsere Bienen sogar.

Wie viele Völker sind in Europa schon tot oder gefährdet?

Das kann niemand mehr zählen! Seit Jahren sind hohe Völkerverluste keine Seltenheit mehr, lokal kommt es auch zu Totalverlusten. Das ist ein weltweites Problem. Durch den milden Winter erscheint das Problem dieses Jahr nicht so gravierend.  Aber wir Imker gehen auf dünnem Eis – wir wissen nicht, wann wir einbrechen.

Warum sind Pestizide für Bienen giftig? Wie wirken sie auf die Bienen?

Das Hauptproblem sind Insektizide, eine Untergruppe der Pflanzenschutzmittel. Sie werden regelmäßig eingesetzt, um Insekten zu töten. Da Bienen auch Insekten sind, gibt es versteckte, aber nicht minder gefährliche Schäden und Vergiftungen. So sind im Rheintal im Jahr 2008 mehr als 11.000 Völker in kürzester Zeit zugrunde gegangen. Ursache war das Nervengift Clothianidin, mit dem Saatgut von Mais behandelt wurde. Der Wirkstoff gehört zu einer neuen Gruppe von Insektiziden, den Neonicotinoiden, die hochgiftig sind, aber den Bienen angeblich nicht schaden sollen. Der Wirkstoff Imidacloprid ist zum Beispiel 7.297-mal giftiger als DDT! Sogar in kleinsten Mengen können diese Gifte zu Störungen des Verhaltens, der Kommunikation und der Orientierung führen. Bienen finden dann nicht mehr in den heimischen Stock zurück. Imker und Naturschutzverbände fordern ein Verbot dieser Mittel.

Was hat die Varroa-Milbe mit dem Bienensterben zu tun?

Die Varroa-Milbe wurde durch Globalisierung aus Asien eingeschleppt und schädigt Bienenbrut und erwachsene Tiere. Unsere westlichen Honigbienen haben in der Evolution keine Abwehrmechanismen entwickelt. Die Bienenvölker sterben jedoch meist an den Viren, die in die Bienenbrut eindringen, wenn die Milben Blut saugen. Und die Viren haben ein leichtes Spiel, wenn der Organismus ohnehin geschwächt ist. Es gilt also, die Bienen insgesamt zu stärken – durch ein vielfältiges und reiches Blütenangebot und möglichst stressfreie Bienenhaltung.

Welche Lebensmittel-Pflanzen hängen von der Bestäubung von Bienen ab?

Vor allem Obst, Beeren und Gemüse sind betroffen. Ohne Bienen fehlen die wichtigsten Bestäuberinnen aber auch bei Wildpflanzen, von deren Früchten und Samen sich Kleinsäuger, Reptilien, Vögel und andere ernähren. Wir können zwar Honig importieren, aber keine Bestäubung!

Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Radetzki!

Was können die Pläne der EU zum Artenschutz leisten?

Einen Ansatz zum Bienen- und Artenschutz bietet die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union. Sie soll 2015 in Kraft treten und regelt neu, wie die EU ihre Fördermittel in der Landwirtschaft vergibt. Die Reform soll die Landwirtschaft grüner machen. Dazu sollten Fördermittel unter anderem daran gekoppelt werden, dass Landwirte fünf Prozent ihrer Ackerfläche im Sinne des Artenschutzes bewirtschaften. Wenn so auf jedem Betrieb ein kleiner Anteil der Fläche als ökologische Vorrangfläche bewirtschaftet wird, entsteht ein europaweites Netz an Flächen, mit denen das Artensterben verlangsamt wird. Das hilft Bienen, Vögeln und vielen anderen bedrohten Arten.

Warum kann die Bundesregierung die Pläne der EU so aushöhlen?

Einige Regierungen, darunter die damalige deutsche Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, haben sich auf Druck der Agrarlobby heftig gegen die Brüsseler Pläne gewehrt. Sie wollten sie bis zur Unkenntlichkeit verwässern. Mehr als 200.000 Campact-Aktive, die unseren Online-Appell zum Bienensterben unterschrieben haben, konnten dies verhindern. Doch Aigner hat erreicht, dass die nationalen Regierungen bei der Ausgestaltung der Richtlinie große Spielräume bekommen haben. Sie bestimmen nun, was und unter welchen Bedingungen auf den so genannten „ökologischen Vorrangflächen“ angebaut werden darf – und damit, was als Bewirtschaftung im Sinne des Artenschutzes gilt. Diesen Spielraum will die Bundesregierung jetzt nutzen, um den Artenschutz zu untergraben. Dabei hat sie nun die Chance, mit wenig Aufwand viel für den Bienen- und Artenschutz zu tun.

Worüber entscheidet die Agrarministerkonferenz?

Die Agrarminister der Bundesländer können den Artenschutz voranbringen, indem sie den Entwurf der Bundesregierung verändern. Sie diskutieren zwei entscheidende Fragen:

1. Sollen auf den ökologischen Vorrangflächen Pestizide und Kunstdünger eingesetzt werden dürfen? Zwar behauptet die Regierung, ein solches Verbot dürfe sie gar nicht verfügen. Doch die EU-Kommission hat ihr widersprochen. Sie stellt fest: „Die Mitgliedsstaaten [können] auch bestimmte Anforderungen bezüglich der Verwendung von Produktionsmitteln vorsehen.“ Mit anderen Worten: Ein Verbot von Chemie wäre sehr wohl möglich.

2. Was darf auf den ökologischen Vorrangflächen angebaut werden? Die Regierung möchte die Entscheidung möglichst den Landwirten überlassen. Dann aber ist die Gefahr groß, dass sie im schlimmsten Fall sogar intensiven Maisanbau noch als ökologische Vorrangfläche durchgehen lässt. Mit Artenvielfalt hätte das wenig zu tun.

Wie können wir eingreifen?

Für die Umsetzung der EU-Agrarreform hat die Bundesregierung ein Gesetz vorgelegt und bereitet eine Verordnung vor. Über das Gesetz entscheidet allein der Bundestag. Die Verordnung braucht jedoch die Zustimmung der Bundesländer. Und die sind bei weitem nicht alle auf der Linie der Bundesregierung. Seit Beginn unserer Kampagne habe die sieben grün regierten Bundesländer und Mecklenburg-Vorpommern einen eigenen Antrag in den Bundestag eingebracht. Darin fordern sie ein Verbot von Pestiziden auf ökologischen Vorrangflächen – ein Erfolg, an dem auch unser Appell nicht ganz unbeteiligt war. Im Umweltausschuss wurde dieser Antrag mit großer Mehrheit angenommen. Die Agrarminister haben ihn jedoch mehrheitlich angelehnt. Mit anderen Worten: Eine Mehrheit gegen die Geschenke der Bundesregierung für BASF, Bayer und Monsanto ist in greifbarer Nähe, aber noch nicht erreicht. Doch wenn wir mit unserem Protest weitere Länder auf unsere Seite ziehen, können wir dafür sorgen, dass Pestizide und Monokulturen von einem Teil der der gesamten Agrarfläche verbannt werden – und wieder Vielfalt in der Landwirtschaft einzieht.

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