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Während des AfD-Bundesparteitags in Erfurt kritisierte Alice Weidel die Formulierungen im Wahlprogramm des Landesverbands Sachsen-Anhalt in Bezug auf gleichgeschlechtliche Ehen. Unter dem Punkt „Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft würdigen!“ steht unter Anderem: „Ein stabiles Umfeld, eine intakte Familie bestehend aus Mutter, Vater und Kindern, ist erwiesenermaßen die beste Voraussetzung für eine gute und gesunde Kindesentwicklung.“ Weidel beteuerte im Gespräch mit der Presse, dass ihre Kinder die bestmöglichen Voraussetzungen hätten, und gleichgeschlechtliche Ehen als gleichwertig zu betrachten seien. Außerdem sagte sie, dass es ihrerseits kein Widerspruch sei, sich politisch für heterosexuelle Ehen einzusetzen und selbst in einer Homo-Ehe zu leben.

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Nachdem Alice Weidel 2023 sagte, sie sei nicht „queer“, schrieb Campact-Kollege Henrik Düker an dieser Stelle, warum das stimmt: „Denn queer ist eine positive Selbstbezeichnung (…). Das trifft auf Weidel definitiv nicht zu; von einem positiven lesbischen Selbstbild ist bei der [damals] 44-Jährigen nichts zu spüren.“

Queers werden immer da sein – nur versteckt

Alice Weidel ist auf Abgrenzung angewiesen. Um eine faschistische Lesbe sein zu können, muss sie Gründe erfinden, warum sie so sehr anders sei als die anderen Lesben – immerhin setzt sie sich für deren gesellschaftliche Auslöschung ein, während sie weiterhin in aller Öffentlichkeit existieren will.

Die Abgrenzung braucht Alice Weidel tatsächlich für ihre gesamte Familie: Gemeinsam mit ihrer nicht-weißen Frau zieht sie zwei Kinder groß. Sie muss betonen, dass ihre Kinder die besten Voraussetzungen hätten. Außerdem muss sie behaupten, dass ihre Frau in Wahrheit weiß sei: „Meine Frau ist Schweizerin und ist ein Adoptionskind. Und dementsprechend begreift sie sich selbst nicht als mit Migrationshintergrund.“

Es ist Fakt, dass man queere Identitäten mit totalitärer Politik nicht auslöschen kann. Menschen outen sich bloß nicht oder weniger, weil es für sie lebensgefährlich ist. Das bedeutet aber nicht, dass es queere Menschen dann nicht mehr gibt – sie werden bloß in den Untergrund gedrängt. Die AfD kann also keine lupenrein hetero und cisgeschlechtliche Gesellschaft aufbauen. Eine, die so gefährlich ist wie möglich allerdings schon – und genau das ist das Ziel des Wahlprogramms. Das ist das Ziel von Alice Weidel.

Eine Homo-Ehe ist eine Homo-Ehe. Punkt.

Kinder, die von Faschist*innen erzogen werden, können per se keine guten Voraussetzungen haben. Denn sie wachsen in Haushalten auf, in denen Hass, Hetze und Gewalt an der Tagesordnung sind. Damit meine ich nicht, dass Neonazis täglich ihre Kinder schlagen. Sondern die Tatsache, dass sie ihnen Hass und Entmenschlichung beibringen. Auch Hirnwäsche ist Gewalt.

Darüber hinaus können weder Alice Weidel noch ihre Frau entscheiden, wer weiß sein soll und was die besten Voraussetzungen für Kinder sind. Die Machtdynamiken geben die Hierarchien her. Mag sein, dass Alice Weidel und ihre Familie derzeit noch einen besonderen Status genießen. Allerdings ist es unvermeidbar, dass sich dieser Wind früher oder später drehen wird – da kann sich Alice Weidel noch so oft und so motiviert von Queers und Kanax distanzieren, wie sie möchte.

Es ist auch nicht an Alice Weidel und ihrer Frau, zu entscheiden, ob sie einen Migrationshintergrund hat. Der Begriff Migrationshintergrund ist eine Fremdzuschreibung. Er wurde entwickelt, um Menschen zu markieren und so von gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen. Dabei geht es also nicht um nüchterne Beschreibungen von Lebensumständen bestimmter Personen. Da spielt es keine Rolle, ob Mensch geflüchtet oder adoptiert ist – es spielt nur eine Rolle, wer die Definitionsmacht besitzt.

Mehr Spaltung statt mehr Gleichberechtigung

Der Widerspruch ist so offensichtlich, dass es eigentlich amüsant wäre – wäre es nicht so gefährlich. Nur weil Alice Weidel zufällig homo ist, soll ihre faschistische Partei lesbische Familien akzeptieren. Weil sich diese konkreten Lesben beide als weiß und bürgerlich begreifen. Aber alle anderen, die den gesellschaftlichen Normen noch weniger entsprechen – trans Lesben oder Schwarze Lesben oder muslimische Lesben – sollen die volle Härte der AfD-Politik zu spüren bekommen. So funktioniert das aber nicht, denn Faschismus ist kein Wunschkonzert.

Autor*innen

Sibel Schick kam 1985 in Antalya, der Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie ist Kolumnistin, Autorin und Journalistin. Schick gibt den monatlichen Newsletter "Saure Zeiten" heraus, in dem sie auch Autor*innen, deren Perspektiven in der traditionellen Medienlandschaft zu kurz kommen, einen Kolumnenplatz bietet. Ihr neues Buch „Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss“ erschien am 27. September 2023 bei S. Fischer. Ihr Leseheft "Deutschland schaff’ ich ab. Ein Kartoffelgericht" erschien 2019 bei Sukultur und ihr Buch "Hallo, hört mich jemand?" veröffentlichte sie 2020 bei Edition Assemblage. Im Campact-Blog beschäftigte sie sich ein Jahr lang mit dem Thema Rassismus und Allyship, seit August 2023 schreibt sie eine Gastkolumne, die intersektional feministisch ist. Alle Beiträge

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