AfD Demokratie Wahlen Rechtsextremismus Soziales Wirtschaft Datenschutz Montagslächeln Ostdeutschland Verkehr

Cremefarbene Fassade, fleischfarben verziert, ein Eckhaus in Chemnitz. Hier, in der Edisonstraße 2, ist laut Handelsregister seit Ende August Martin Sellners „Institut für Remigration“ gemeldet. Es ist nicht irgendein Haus.

Mindestens acht Personen haben die Edisonstraße 2 im Impressum ihrer Unternehmenswebsites angegeben. Der Grund: Die Chemnitzer Geschäftsadresse ist ein Zentrum der rechtsextremen Identitären Bewegung. Hier vernetzt sich die rechte Szene.

Was ist die Identitäre Bewegung (IB)?

In der IB sammeln sich neu-rechte und rechtsextreme Aktivist*innen, die islamfeindliche, rassistische und demokratiefeindliche Positionen vertreten – popkulturell aufbereitet und aktionistisch verpackt.

Die Bewegung entstand in Frankreich und breitete sich über Österreich nach Deutschland aus. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft sie als rechtsextrem ein und beobachtet ihre Aktivitäten.

Was plant das „Remigrationsinstitut“? 

Der rechtsextreme Aktivist Martin Sellner will der AfD mit seiner Hetz-Fabrik helfen, Menschen aus dem Land zu drängen: Geflüchtete, Menschen mit Arbeitsvisum und auch deutsche Staatsbürger*innen. Sein sogenanntes „Remigrationsinstitut“ will mediale Debatten lenken und rechtsextremen, völkischen Aussagen einen pseudo-akademischen Anstrich verpassen. So will Sellner sie salonfähig machen. Über Kryptowährung und eine irische Bankverbindung sammelt das Institut zudem anonyme Spenden. Denn auch rechtsextreme Aktivitäten kosten Geld. 

Um seine Ziele zu erreichen, plant das „Institut“ Personen aus Politik, Journalismus und Wissenschaft zu vernetzen. Außerdem möchte es politische Briefings erstellen, europaweite Kampagnen organisieren und Lobbyarbeit betreiben. 

In einem 49-seitigen Strategiepapier für Sachsen-Anhalt fordert es unter anderem:

  • „Landesamt für Remigration“: Nach dem 100-Tage-Plan soll der Staatsapparat auf „Remigrationsmaximierung“ hinarbeiten. Eine neue Landesbehörde wäre dafür zuständig.
  • Überprüfung aller Duldungen: Ausreisepflichtige, die wegen Krankheit oder fehlender Papiere geduldet werden, sollen überprüft werden. Ziel ist es, den Übergang in einen sicheren Aufenthaltsstatus zu verhindern. 
  • Druck auf eingebürgerte und „nicht assimilierte“ Deutsche: Also rausekeln, da Deutsche per Gesetz nicht abgeschoben werden dürfen.
  • „Transitklassen“ für Kinder: Vom regulären Schulbetrieb getrennte Klassen für ausreisepflichtige Kinder. Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte könnte das menschenrechtswidrig sein.
  • „Demografische Regeneration“: Erst sollen Behörden ausländische Frauen abschieben. Dann sollen die deutschen Frauen mehr Kinder bekommen, damit die „einheimische“ Bevölkerung wächst.

Juristin Dana Schmalz vom Max-Planck-Institut sagt dazu: „Eindeutiger völkisch kann man es eigentlich nicht formulieren.“

Externer Inhalt von Instagram: Mit einem Klick kannst Du Dir den Inhalt ansehen. Lies mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Wer sind Martin Sellner und Philipp Huemer?

Namentlich bekannt sind zum „Institut“ bisher zwei Personen: Martin Sellner und Philipp Huemer. Beide kommen aus Österreich. Beide aus dem extrem rechten Spektrum.

Philipp Huemer ist seit den Anfangsjahren in der Identitären Bewegung aktiv, vor allem im Zusammenhang mit gewalttätigen Aktionen. Bis vor kurzem arbeitete er als „Innenpolitik-Korrespondent“ für den österreichischen Verschwörungssender AUF1 und brachte identitäre Aktivist*innen aus dem deutschsprachigen Raum zusammen. Früher war Huemer Chef der Wiener Identitären, heute ist er Geschäftsführer des „Institut für Remigration“ und noch immer ein enger Vertrauter von Martin Sellner. 

Martin Sellner klebte mit 17 Jahren Hakenkreuze an eine Synagoge. Nach eigener Aussage war er noch weitere fünf Jahre Neonazi. Als 23-Jähriger gründete er die Identitäre Bewegung in Österreich mit, war ihr Sprecher und gilt weiterhin als Frontmann der Neuen Rechten. Sellner prägte maßgeblich den Begriff „Remigration“, stellte das Konzept beim Potsdamer Geheimtreffen im November 2023 vor. Unter den Gästen war auch Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat aus Sachsen-Anhalt. Sellner stützt seine Ideen auf ein Buch, das er 2023 im Antaios-Verlag veröffentlichte. Der Verlag gehört Götz Kubitschek, einem Rechtsextremisten.

Adresse: Edisonstraße 2, Chemnitz

Damit setzt sich das „Institut“ in der Edisonstraße ins gemachte Nest. Denn neben dem neuesten Mitbewohner sind dort noch mindestens acht weitere Briefkastenfirmen heimisch. Dazu zählen etwa:

T&R Chemnitz Immobilien UG: Eine Immobilienfirma, gegründet im Oktober 2022 von dem Identitären-Bundeschef Philipp Thaler und Vincenzo Richter, Leiter der „Sachsengarde“. Im Sommer 2023 erwarb die Firma verdeckt das Eckhaus in der Edisonstraße 2. 

Zentrum Chemnitz: Eine feste Anlaufstelle für „rechte, identitäre Gegenkultur“, inoffiziell im November 2023 eröffnet. Am freitäglichen Stammtisch stellen Akteure aus dem rechten Lager Projekte vor. Dazu kommen rechtsgesinnte Vorträge, Lesekreise und Fördermitgliedschaften. Dahinter steckt erneut Vincenzo Richter, der zudem die rechte Gruppe „Bollwerk Chemnitz“ zum IB-Ableger „Festung Chemnitz“ umbaute. Richter ist außerdem stellvertretender Bundesvorsitzender der im Dezember 2025 gegründeten Partei „Identitäre Bewegung Deutschland“. 

GegenUni: Ein rechtsextremes Online-Bildungsprojekt, gegründet 2021. Rund 60 Videoseminare mit rechten, nationalistischen und antiliberalen Erzählungen – Kulturkampf inklusive. Für nur 8,25 Euro monatlich. Initiatoren waren 2021 Martin Sellner und Erik Ahrens, ein laut eigenen Aussagen ehemaliger rechtsextremer Influencer und Aktivist, der als Kopf der AfD-TikTok-Offensive gilt. 2024 übernahm Heinrich Nicolai Mahling als Geschäftsführer – ein identitärer Aktivist und Teil der rechtsextremen Marburger Burschenschaft Germania. Die GegenUni wird vom hessischen Verfassungsschutz beobachtet. 

Antiquariat Zeitenstrom: Eine antiquarische Buchhandlung, seit 2023 dort gemeldet. Geschäftsführer ist auch hier Heinrich Mahling, der „ausgesuchte Bücher für die richtige Kundschaft“ anbietet. Darunter finden sich jene, die den Zweiten Weltkrieg und sämtliche weitere deutsche Kriege glorifizieren, altdeutsche Sagen und eine Bandbreite an rassistischen Büchern. Laut eigener Aussage ist Mahlings Lieblingsbuch ein Erstdruck des „Lieds der Deutschen“, Kostenpunkt 9.000 Euro, Verkauf ausschließlich in deutschsprachige Länder.

Recht(s) vernetzt im deutschsprachigen Raum

Lederhosenrevolte: So heißt eine IB-Gruppe um Moritz Kirsch, einen langjährigen Aktivisten aus Bayern. Trotzdem steht im Impressum der Gruppe die Edisonstraße 2, Chemnitz. Kein Wunder, denn die Gruppe und Kirsch sind gut vernetzt. 

Beispielsweise hielt Kirsch im Juli 2025 bei der IB-Demo in Wien eine Rede. Am 20. September 2026 versammelte sich die Identitäre Bewegung in München, um eine rechtsextreme europäische Bürgerkampagne zu unterstützen. Zu ihren Drahtziehern gehört Sellner. Die Kampagne setzt sich für die Vertreibung und Deportation von Menschen mit Migrationsgeschichte ein. Auch aus Österreich reisten IB-Mitglieder an. 

Filmkunstkollektiv: Das Kollektiv drehte unter anderem die Höcke-Doku und ist seit August 2025 im Chemnitzer IB-Zentrum gemeldet. Zum Vorstand gehört Simon Kaupert, die zentrale Figur der Propaganda-Schmiede hinter Ulrich Siegmunds Wahlkampf in Sachsen-Anhalt. Er arbeitet seit 2016 für den rechtsextremen Verein „Ein Prozent“. Ebenso dabei sind Paul Klemm, TV-Chef beim rechtsextremen Compact-Magazin, und Torsten Görke, Mitgründer von „Schanze Eins“: Laut niedersächsischem Verfassungsschutz ein Firmen- und Finanzprojekt der IB, um Immobilien zu kaufen. 

Feldzug / Okzident Media UG: Feldzug ist ein rechter Strategieblog, spätestens seit August 2024 gemeldet in der Edisonstraße 2, und gehört zur extrem rechten Medienagentur Okzident Media UG. Verantwortlich ist der ehemalige IB-Bundesleiter Daniel Fiß, der seit Dezember 2024 für den AfD-Politiker Nikolaus Kramer im Landtag Mecklenburg-Vorpommern arbeitet. 

Knister: Diese Plattform bündelt die wichtigsten rechten Podcasts und Nachrichten und sitzt ebenfalls in der Edisonstraße 2. Verantwortlich ist Linus Ammer, ein extrem rechter Autor mit Verbindungen zur mittlerweile aufgelösten, rechtsextremen Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf, zur „Artgemeinschaft“ und zum „Sturmvogel“.

Warum kauft die Identitäre Bewegung Immobilien?

Seit Jahren versuchen führende IB-Köpfe und Aktivist*innen, eigene rechte Zentren zu schaffen. Als Treff- und Vernetzungspunkt. Weil sich die Zivilgesellschaft vielerorts entschlossen wehrt, gelingt ihnen das nicht immer. Allerdings lernt die IB dazu, versucht sich beispielsweise durch anonyme Spendenmöglichkeiten, verdeckte Finanzierungen und Immobilienfirmen einen Vorteil zu verschaffen. So entstehen Orte wie jener in der Edisonstraße 2.

Dass das „Institut für Remigration“ nun auch in Chemnitz gemeldet ist, ist kein Zufall. Zwar gab es vor Ort immer wieder Protest – aber während Halle an der Saale der IB die Räume kündigte, existiert das Zentrum in Chemnitz seit drei Jahren. Hinzu kommt: Anfang September holte die AfD in Sachsen-Anhalt ihr bisher stärkstes Ergebnis. Von Chemnitz bis zur Landesgrenze von Sachsen-Anhalt sind es nur etwa 60 Kilometer Luftlinie. Ein Katzensprung für jemanden wie Sellner, der im gesamten deutschsprachigen Raum systematisch die rechtsextreme Szene vernetzt.

Autor*innen

Appelle, Aktionen, Erfolge und weitere Themen aus dem Campact-Kosmos: Darüber schreibt das Campact-Team. Alle Beiträge

Auch interessant

AfD Dr. Astrid Deilmann Wie freie Medien den Rechtsextremismus normalisieren, der sie abschaffen will   Mehr erfahren
Campact Campact-Vorstand Unermüdlich wehrhaft: Danke für alles, Bianca! Mehr erfahren
AfD Campact-Team Wahl in Sachsen-Anhalt: Was Du jetzt tun kannst Mehr erfahren
AfD „Wie Rechte reden“ Die Brandmauer ist nicht undemokratisch Mehr erfahren
Campact Campact-Team Hass und Hetze zwischen Beauty-Clips und Tech-Tipps Mehr erfahren
AfD Campact-Team Rechtsextreme Codes, Symbole und Zeichen Mehr erfahren
Klimakrise Andreas Kemper Machiavelli: Patron des übermäßigen, maskulinen Klimafaschismus Mehr erfahren
Alltagsrassismus Matthias Meisner 35 Jahre nach dem Pogrom in Hoyerswerda: Nichts gelernt Mehr erfahren
Rechtsextremismus Campact-Team Rechtsradikale Marken: Welche Kleidung tragen Nazis? Mehr erfahren
AfD „Wie Rechte reden“ Was an der AfD extrem ist Mehr erfahren