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Vor einigen Monaten schrieb ich hier im Campact-Blog einen Artikel zum Mises Institut. Die AfD hatte den Vertreter des Instituts in den Bayerischen Landtag eingeladen. Diese Einladung scheint ein Auslöser dafür gewesen zu sein, dass das Institut nun ihren Tagungsort verloren hat. Dabei ist das Mises Institut nicht nur wegen der Nähe zur AfD problematisch, sondern aufgrund ihrer eigenen Ideologie. Außerdem sollten wir nicht übersehen, dass AfD und Mises Institut in ihren Gründungsgeschichten eine Überschneidung haben.

August von Finck und das Mises Institut

Ich gehe davon aus, dass die AfD im November 2012 im Hotel Bayerischer Hof informell entstanden ist. Damals fanden dort die „Münchener Wirtschaftsgespräche“ statt. Es war unklar, wer diesen Vortrag finanzierte. Die Organisatorin Dagmar Metzger arbeitete für August Baron von Finck, dessen Firmenzentrale sich neben dem Bayerischen Hof befindet. Man könnte davon ausgehen, dass Finck mit diesen Gesprächen zu tun hatte – es wäre plausibel. Jedenfalls lud Dagmar Metzger zu diesem Vortrag einen gewissen Bernd Lucke ein.

  • Im Oktober 2012 gründeten Bernd Lucke, Konrad Adam, Alexander Gauland und Gerd Robanus (Mitglied einer Mittelstandsvereinigung der CDU) die Wahlalternative 2013 (WA 2013). Sie planten, gemeinsam mit den Freien Wählern in den Bundestag einzuziehen.
  • Die „demokratieskeptischen“ Vorstellungen im Programm der Freien Wähler hatte Hans-Olaf Henkel bereits 2009 beim Gründungsparteitag diktiert.

Im November 2012 sollte Bernd Lucke im Bayerischen Hof die Wahlalternative 2013 vorstellen. Kurz darauf folgte eine interne Umfrage, ob die WA 2013 vielmehr eine eigenständige Partei werden sollte. Im Februar 2013 gründete sich die AfD. Dagmar Metzger wurde mit Bernd Lucke und Konrad Adam erste Sprecherin der neuen Partei.

Über August Baron von Finck lief die Anschubfinanzierung, der Kontakt über Dagmar Metzger. Den Einfluss von Finck in der Gründungsphase der AfD bestätigte AfD-Aussteiger Heiner Rehnen, der sich laut eigener Aussage mit von Finck in einer Villa am Zürichsee getroffen hat.

Zur Demokratie- und Staatsfeindlichkeit des Mises Instituts

August Baron von Finck hatte demnach einen erheblichen Anteil daran, dass die AfD sich 2013 so schnell etablieren konnte. Jedoch war sein eigentliches politisches Projekt eine demokratie- und staatsfeindlichen Strömung zu stärken: bekannt als als „Rechtslibertarismus“ oder als „Anarchokapitalismus“. Ich nenne es lieber Proprietarismus oder Eigentums-Sakralismus, also die Sakralisierung bzw. Heiligsprechung von Eigentum.

Proprietarismus

Der Begriff Proprietarismus kommt vom lateinischen „proprium“, zu deutsch: „das Eigene“, „das Persönliche“, „Eigentum“.

Proprietarismus bezeichnet eine Ideologie, die das Eigentümer*innen-Recht, also ihre Produktionsmittel zu besitzen und möglichst uneingeschränkt zu nutzen, wichtiger erachtet als alle anderen Rechte.

Der Proprietarismus strebt an, das allgemeine Wahlrechts abzuschaffen, da die gesellschaftliche Mehrheit nicht über Eigentum bzw. Vermögen von Minderheiten bestimmen darf.

Steuern sieht der Proprietarismus als Raub und der Sozialstaat, wenn nicht sogar alle Staaten, sind laut der Ideologie abzuschaffen.

(Begriffserklärung von Andreas Kemper aus der „Klassismus-Wiki“)

Mehrere von Fincks Angestellten waren Protagonisten dieser Ideologie. Zunächst Stefan Ring, jahrelang Geschäftsführer mehrerer Finck-Unternehmen. Unter ihm erhielt die rechtspopulistische Zeitschrift „eigentümlich frei“ kontinuierlich Werbeanzeigen von der Finckschen Vermögensverwaltungsagentur und später vom Finck-Unternehmen Degussa Goldhandel.

Chefökonom von Degussa Goldhandel wurde 2012 der „eigentümlich frei“-Kolumnist Thorsten Polleit. Ihm oblag zudem der Aufbau des Mises Instituts, welches jährlich in den Räumen des Bayerischen Hofes tagen sollte.

Unbeachtet vom Verfassungsschutz

Ob Gründer, Vorsitzende oder Tagungsteilnehmende – im Mises Institut äußerten sich Personen deutlich staatsfeindlich. In der Zusammenfassung einer Mises Institut-Konferenz heißt es:

„Hans-Hermann Hoppe und Thorsten Polleit sind […] der Auffassung, der Staat sei ethisch-freiheitlich inakzeptabel und alle seine Tätigkeiten ließen sich privatisieren beziehungsweise im Zuge freier Marktaktivitäten bereitstellen.“

Verfasst von Thorsten Polleit und Andreas Marquart für den „Ludwig von Mises Institut“-Report (2015, Seite 14)

Zu dieser explizit staatsfeindlichen Äußerung gesellten sich noch deutlich demokratiefeindlichere, wie beispielsweise das Buch von Hans-Hermann Hoppe: „Der Wettbewerb der Gauner – Über das Unwesen der Demokratie und den Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft.“ Obschon allein solche Aussagen gegen die Verfassung verstoßen, hat der Verfassungsschutz das Mises Institut und sein Umfeld nicht auf dem Schirm.

Hoppe wurde am 24. Juni 2005 in der Jungen Freiheit (JF 5/26) im Interview „Freiheit statt Demokratie“ vorgestellt. Dort sagte er: „Der Verfassungsschutz weiß doch gar nicht, was er mit mir und meiner Position anfangen soll. Ich befinde mich völlig außerhalb der gängigen politischen Klassifikationsschemata“, und fügte noch einmal deutlich hinzu:

„Demokratie ist eine von Demagogen angereizte und unsicher gesteuerte Herrschaft des Mobs.“

Hans-Hermann Hoppe, JF 5/26, Interview „Freiheit statt Demokratie“

Der Rauswurf aus dem Bayerischen Hof und die Reaktion der rechten Presse

Nach 13 Jahren hat der Bayerische Hof nun endlich die Reissleine gezogen. Auslöser dürfte der Artikel „Münchens dunkler Akademiker-Kosmos um die AfD“ von Alexander Spöri gewesen sein (Münchener Abendzeitung vom 20. August 2026).

Hierauf empörten sich Tichys Einblick, Cicero, NZZ, Achse des Guten, Apollo News, Berliner Zeitung. Häufig mit Nazi-Vergleichen oder der Aussage, man werde ja wohl noch darüber diskutieren können, ob Demokratie sinnvoll sei. Die Tageszeitung „Welt“ bot den beiden Vorständen des Mises Instituts an, selbst einen Artikel zu ihrem Rauswurf zu schreiben. Eine schriftliche Empörung, die fließend in eine Campact-Kritik überging – aufgrund des Empörungsmedien-Dossiers.

Die Neue Züricher Zeitung (NZZ) verfasste gleich zwei Artikel zum Rauswurf des kleinen Instituts. Im Meinungsbeitrag am 24. August von Malte Fischer heißt es: „Liberale Denkfabriken, die sich der staatskritischen österreichischen Schule der Nationalökonomie verpflichtet fühlen, sind in das Visier linker Aktivisten geraten. Dabei muss in einer freien Gesellschaft auch die kritische Diskussion über den Sozialstaat und sogar über die Demokratie erlaubt sein.“ Das ist richtig, nur muss kein Hotel dafür seine Räume zur Verfügung stellen.

Achse des Guten, Apollo News und Tichys Einblick gehören zu den selbsternannten „Alternativmedien“. Ihr Ziel ist weniger, umfassend und ausgewogen zu informieren, sondern Meinungsmache und Propaganda. Sie konzentrieren sich meist auf wenige Themen, die Wut, Angst und Neid schüren sollen.

Demokratiefeinde, die durchs Raster fallen

Vor allem die Ex-AfDlerinnen Frauke Petry und Joana Cotar, deren neue Partei Team Freiheit zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern erstmals antritt, haben sich als Verteidigerinnen des Mises Instituts hervorgetan. Aber auch Ulf Poschardt, der bis Juni 2026 Herausgeber der „Welt“ war, griff die vermeintlich „linksradikalen Aktivisten“ an, die das Mises Institut kritisierten. Nicht fehlen dürfen in dieser Verteidigungsriege der in die Schlagzeilen geratene AfD-Abgeordnete Petr Bystron und der ehemalige Vorsitzende des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen.

Nun ist es aber so: Wer Demokratie und Sozialstaat infrage stellt, stellt explizit die Definition unserer Verfassung (Art. 20 Abs. 1) in Frage. Da sollte man sich nicht wundern, wenn das Aufmerksamkeit weckt, auch die des Verfassungsschutzes. Was noch nicht geschehen ist, weil – wie Hoppe ja selbst sagt – dem Verfassungsschutz das Klassifizierungsschema für eben diese Demokratie- und Staatsfeinde fehlt.

Anfrage im Bayerischen Landtag

Der Fragenkatalog des Münchener Abendblatt an den Bayerischen Hof brachte diesen zum Nachdenken. Laut eines neuen Artikels von Alexander Spöri wurde das Abendblatt dafür mit einer „boykottartigen Nachrichtenflut“ konfrontiert. Spöri schreibt darin auch von einer Anhörung im Bayerischen Landtag. Denn der Grünen-Abgeordnete Cemal Bozgulu hatte dem Landtag eine schriftliche Anfrage über 21 Punkte zum Mises Institut gestellt. Der SPD-Abgeordnete Florian von Brunn habe weitere Folgefragen angekündigt.

Es bleibt zu hoffen, dass diese demokratie- und sozialstaatsfeindliche Strömung namens Mises Institut weiter zurückgedrängt wird. Daran zeigt sich zudem eine Handlungsfähigkeit, die angesichts des desaströsen Wahlerfolgs der AfD in Sachsen-Anhalt Hoffnung macht:

  • Bereits nach dem Tod von August Baron von Finck im November 2021 trennten sich dessen Erben von Stefan Ring, Thorsten Polleit und Markus Krall – den ideologischen Eigentums-Sakralisten.
  • Das Blatt „eigentümlich frei“ verlor kurze Zeit später zwei ganzseitige monatliche Werbeanzeigen von zwei Finck-Unternehmen.
  • Thorsten Polleit und das Büro des Mises Institut mussten vom Promenadenplatz in München in die bayerische Provinz umziehen.
  • Aufgrund von Protesten gegen die mit dem Mises Institut verbundene Hayek-Gesellschaft kündigte das Atlantic-Hotel in Münster und die mit ihm verbundene Hotelkette an, der Hayek-Gesellschaft zukünftig die Türen zu verschließen. Der Vorsitzende des Hayek-Clubs Münsterland wurde nicht mehr bei einem Finck-Unternehmen in Düsseldorf weiterbeschäftigt.
  • Nun folgte der Rauswurf des Mises Instituts aus dem Bayerischen Hof und damit die Thematisierung im Bayerischen Landtag.

Der Sozialstaat als Werk des Teufels

Kein Wunder also, dass Polleit nun nach der Bibel greift. In seiner letzten Kolumne in der „eigentümlich frei“ gab er zu, dass sich mit der Argumentation der Ökonomik der Staat nicht abschaffen lasse. Man müsse die Bibel und das dualistische Bild von Gott und Satan beschwören.

Wie zuvor Markus Krall will nun auch Thorsten Polleit das Soziale bzw. den Sozialstaat mit „dem Biest“, dem gehörnten Tier aus der Bibel gleichsetzen. Angelehnt an 2. Korinther 10:4–5 schreibt Polleit:

Der christliche Handlungsauftrag ist damit quasi vorformuliert: der bösen Ideen und ihrem Biest die Stirn bieten. Die Bibel weist den Weg: Böse Ideen sind geistige Festungen – man nehme sie gefangen, reiße sie nieder durch Gottes Wahrheit und überwinde sie mit Gutem, statt sie zu ignorieren oder mit fleischlichen Mitteln zu bekämpfen.

Ende Juni 2026 schrieb der Tech-Milliardär Peter Thiel in der Ausgabe Nr. 262 von „eigentümlich frei“ einen Beitrag mit dem Titel „Kampf zwischen Gut und Böse. Warum die Ökonomie auf geistliche Mithilfe angewiesen ist“. Darin heißt es:

Es ist daher höchste Zeit, die Wirkung ökonomischer Erkenntnisse, die über den Staat und sein Zentralbank-Zwangsgeldmonopol seit langer Zeit vorliegen, nicht länger zu überschätzen, sondern auf die „geistliche Waffenrüstung“ des Christentums, seine biblischen Prinzipien für den Kampf gegen das Böse zu setzen. Nur mit dieser Hilfe lässt sich dem Bösen und seinem Biest beikommen. Allein mit den Erkenntnissen aus der Ökonomik ist es nicht getan.

Exakt dieses Sich-berufen auf Gott und ihre vermeintliche geistliche Überlegen sind die Gründe, warum ich diese vermeintlichen „Libertären“ lieber „Eigentums-Sakralisten“ nenne.

Autor*innen

Andreas Kemper recherchiert als freischaffender Soziologe zu Netzwerken der Ungleichheit und analysiert deren Ideologien. Seine kritischen Analysen zu Klassismus/Neoliberalismus (klassismus.de), Rassenbiologie und organisiertem Antifeminismus (diskursatlas.de) führten bereits im Juli 2013 zu seinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ zur AfD als Sammelbecken dieser Strömungen. Es handelte sich hierbei um die mit Abstand erste kritische Buchpublikation zur AfD. Kemper warnte hier nicht nur vor der Entstehung einer rechten Partei, sondern konnte auch als erster die Anschubfinanzierung durch die Finck-Gruppe genau bestimmen. Nicht zuletzt seine profunden Recherchen zu Björn Höcke (alias Landolf Ladig) führten zur Überwachung der AfD durch den Verfassungsschutz. Aktuell recherchiert Kemper zu „Libertarismus“, totalitär-kapitalistischen Privatstadtprojekten und schreibt an einem Buch zur Vorherrschaft des Adels im Antifeminismus („Die Aristokratie des Antifeminismus“). Im Campact-Blog schreibt er als Gast-Autor über seine aktuellen Recherchen und Beobachtungen. Alle Beiträge

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