Es gibt verschiedene Arten, wie sich eine Geschichte über Mecklenburg-Vorpommern momentan erzählen lässt. Die gängigste Version ist die, die sich auf die Ergebnisse der Landtagswahl 2026 bezieht. Diese Erzählung handelt von einem Bundesland, in dem die AfD ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppeln konnte und vor Manuela Schwesigs SPD liegt. Ein Bundesland, in dem mehr als jede dritte abgegebene Stimme an die AfD ging, in ländlich geprägten Landkreisen sogar jede zweite. Ein Bundesland, in dessen Landtag nun Menschen einziehen, die nachweislich mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind und Kontakte in die rechtsextreme Szene pflegen.
Diese Version des Bundeslandes ist nicht falsch. Aber sie ist unvollständig. Denn es gibt mehr, das sich über Mecklenburg-Vorpommern erzählen lässt: von Menschen, die sich zusammentun, Vereine gründen, Veranstaltungen organisieren und dritte Orte schaffen, an denen andere zusammenkommen. Vieles davon geschieht im Kleinen.
Petition: Sichert Bildungs-, Beratungs- und Beteiligungsangebote in MV!
Die Landesregierung in MV hat eine besondere Verantwortung dafür, dass demokratische Bildungs-, Beratungs- und Beteiligungsangebote weiter vor Ort bestehen können. Denn Demokratie entsteht dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Verantwortung übernehmen und Konflikte friedlich lösen. Ein Netzwerk aus Vereinen und Initiativen in MV fordert deshalb, dass Demokratiearbeit verlässlich gesichert wird. Sie ist keine freiwillige Ergänzung, sondern eine Basis des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
In Hochrechnungen taucht diese Arbeit nicht auf. Ein Wahlergebnis erzählt nicht, wer am nächsten Morgen einen Buchladen öffnet, eine Veranstaltung vorbereitet oder versucht, Menschen über das Moor ins Gespräch zu bringen. Eine Reise durchs Bundesland mit vier Stationen.
1. Halt: Mit Swantje Furtak im Moor nahe Malchin
Da ist zum Beispiel Swantje Furtak, die sich über den Sommer in der Nähe von Malchin engagiert. Sie ist Journalistin und liebt das Moor. Deswegen hat sie gemeinsam mit einer Freundin und einem Freund ein Projekt beim Moorbauern initiiert. Den Ort erreicht man nur über einen Schotterweg, danach über die Peene per Schwanentretboot. Gemeinsam bauen die drei mit Gästen einen Pfad ins Moor und wollen dadurch verändern, wie wir über das Moor sprechen, denken, es angehen. Mecklenburg-Vorpommern ist mit 300.000 Hektar eines der moorreichsten Bundesländer, der Großteil davon wird landwirtschaftlich genutzt. Gerade hier entstehen viele Interessenskonflikte.
Fragt man Swantje Furtak, wie sie das Wahlergebnis sieht, antwortet sie:
Es bereitet mir Sorge, dass gerade eine Partei an die Macht kommt, die international wissenschaftlich anerkannte Fakten leugnet, ideologiegetetriebene Lügen verbreitet und Unsicherheit schürt, um sich als Held zu inszenieren. Weil das unsere Aufgabe, einen neuen Umgang mit den Mooren zu finden, noch komplexer macht.
Für die nächsten Jahre wünscht sie sich Orte zum Ausprobieren, „an denen wir uns trauen, uns gemeinsam verletzlich zu zeigen, Ängste zu äußern und uns eben nicht mit dieser Härte zu begegnen, die die AfD gerade vorlebt“. Sowas passiert auch in Mecklenburg-Vorpommern.
2. Halt: Mit Ulrike Ziggel an der Mecklenburgischen Seenplatte
Ulrike Ziggel malt manchmal Bilder an die Wände der Kulturschule in Malchin und engagiert sich in gemeinnützigen Vereinen, beispielsweise dem Mittelhof in Gessin und dem Regionalbündnis Mecklenburgische Schweiz. Sie blickt beunruhigt aufs Wahlergebnis. In ihrer Gemeinde wählten 55 Prozent die AfD, also jeder Zweite. Zwar beschreibt sie, dass sie schon vorher wahrgenommen hat, dass Rechte sich unter Veranstaltungen gemischt haben, um andere einzuschüchtern und zu verunsichern.
Nun befürchtet sie aber, dass das – durch das Wahlergebnis befeuert – vermehrt passieren könnte. Wie konkret politische Entscheidungen die Arbeit vor Ort beeinflussen können, zeigt der Wegfall der Förderung Demokratie leben! an der Seenplatte: Im Juni hatte die AfD mit Stimmen und Enthaltungen von CDU und BSW dafür gesorgt, dass der Fördertopf wegbricht.
Ulrike Ziggel sagt aber auch:
Wir machen natürlich trotzdem weiter und hoffen, dass sich die Stimmung irgendwann wieder ändert und die Gemeinschaft wieder weniger feindselig ist.
Was sie momentan am dringendsten braucht? „Natürlich Vernetzung! Besonders auf den kleinen Dörfern ist es wichtig, damit man sich nicht ganz so alleine fühlt.“ Sie möchte anderen Mut machen, nicht aufzugeben. „Wir müssen mit aller Kraft die Räume für Vielfalt und demokratisches Miteinander erhalten.“ Sowas passiert auch in Mecklenburg-Vorpommern.
3. Halt: Mit Susanne Gabler in Wismar
Wismar ist nicht nur bekannt als Filmkulisse für den Film Nosferatu, sondern auch als Wohn- und Arbeitsort der Künstlerin Susanne Gabler. Sie sagt, mit Kunst und Kultur drücken wir unseren Respekt aus – den Menschen gegenüber, mit denen wir an einem Ort leben, und deswegen letztlich gegenüber uns selbst. Deswegen sei Kultur nichts Zusätzliches, „sondern es ist das, was wir sind, und damit auch, wer wir sein werden.“ Inwiefern das Wahlergebnis die Kunst- und Kulturszene beeinflussen wird, ist eine offene Frage. Immerhin haben die Kulturverbände MV festgestellt, dass „das breite Programm der Kulturorte so stark bedroht ist wie nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten“.
Umso berechtigter also, dass Susanne Gabler Fragen stellt: Was wollen wir denn in die Zukunft geben? Und wer wollen wir gewesen sein? Sie wünscht sich eine Zukunft, die neu und visionär und offensiv ist.
Hier können nicht alle weggehen – und hier wollen auch nicht alle weggehen. Ich habe das Gefühl, wann immer ich Kunst mache oder Kunst von anderen sehe, sehe ich diese Zukunft irgendwie schon.
Sowas passiert auch in Mecklenburg-Vorpommern.
4. Halt: Mit Kathrin Matern in Neustrelitz
Und dann gibt es Kathrin Matern, gelernte Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Seit 20 Jahren lebt sie in Mecklenburg. 2024 hat sich ihren Traum erfüllt und den Buchladen Frau Rilke in der Neustrelitzer Fußgängerzone eröffnet.
Ich habe geträumt von einem Laden, der nicht nur Bücher verkauft, sondern es schafft, Menschen zusammenzubringen und einen Raum für Begegnungen und demokratischen Austausch anzubieten.
Was sie sich für die Kulturlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern wünscht ist, „dass sie noch diverser wird und es schafft, die Themen der Zeit, des Zeitgeistes, die die Menschen bewegen, abzubilden.“ Kulturlandschaft soll ihr zufolge ein Forum für eine offene und demokratische Gesellschaft sein und bleiben. Dazu gehören auch Diskurse, sagt Kathrin Matern, „die durchaus widersprüchlich sein können, aber im besten Sinne Austausch bedeuten.“ Sowas passiert auch in Mecklenburg-Vorpommern.
Was von diesen Stimmen bleibt
Keine dieser Stimmen verändert noch etwas am Wahlergebnis. Aber alle erzählen, was danach, dazwischen, davor kommt: dass in Malchin weiter über das Moor gesprochen wird, in der Mecklenburgischen Seenplatte weiter Veranstaltungen stattfinden, in Wismar weiter Kunst entsteht und in Neustrelitz jeden Morgen die Tür von Frau Rilke aufgeht. Mecklenburg-Vorpommern ist mehrere Länder. Zum Beispiel das Land des Balkendiagramms. Aber auch das Land, das weitermacht und schon immer gemacht hat.