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Es ist eine der Schlüsselszenen in einem sehr berührenden Film. In „Von Scham und Geld“ (Originaltitel: Shame and Money) erzählt der deutsch-kosovarische Regisseur Visar Morina die Geschichte von Shaban – großartig gespielt von Astrit Kabashi – und seiner Familie. Die Existenznot zwingt sie, mit ihren Kindern ihr Gehöft in der Provinz zu verlassen und das Glück in der Hauptstadt Priština zu suchen. Ein Glück, das sich aber nicht recht einstellen will.

Immer wieder biedert sich Shaban beim Arbeiterstrich am Rande einer Hauptstraße für Gelegenheitsjobs an. Irgendwann überrascht er seine Frau mit der Nachricht: „Ein Mann hat mir einen Job angeboten.“

„Was für einen Job?“
„Als Wache. Es gibt ein eingezäuntes Viertel.“
„Und was sollst Du bewachen?“
„Arme Schlucker wie uns fernhalten.“
„Wie viel?“
„Dreihundert.“ (Gemeint sind Euro im Monat.)

Shabans Frau Hatixhe sagt: „Sehr gut.“

Die Kamera begleitet Shaban beim nächtlichen Rundgang durch die Gated Community „Marigona Hill“, vorbei an Luxusautos und neuen Wohneinheiten. Eine Straßenreinigungsmaschine fährt durch die Siedlung und versprüht Wasser gegen den Staub auf dem Asphalt.

Vom Druck ohne Gegendruck

„Von Scham und Geld“ kommt diese Woche in Deutschland in die Kinos. Parallel läuft er auch an in Nordmazedonien, Kosovo und Albanien an. Am Mittwoch, 23. September, wird er beim Filmfest in Tirana gezeigt.

Es ist ein sehr politischer Film geworden. Der seit seiner Jugend in Köln lebende Regisseur Morina hatte das ursprünglich gar nicht angestrebt. Sein Film thematisiert die Landflucht, die wachsende Spreizung zwischen Arm und Reich, die Abwanderung vor allem junger Menschen vom Westbalkan ins Ausland.

Morina sagt, gezielt etwas Politisches zu machen, ja, das könne man als Filmemacher durchaus. „Es wird halt saudoof. Die Agenda kommt durch und es bekommt ein Geschmäckle, wie man im Schwäbischen sagen würde.“ Aber dann fiel ihm während des Schreibens doch auf, dass Shaban „immer mehr ein Bewusstsein über seine Situation und die der anderen entwickelte, also eine Art Klassenbewusstsein“. Morina fragte sich, warum das Gesetz der Physik, nach dem Druck Gegendruck erzeugt, teilweise außer Kraft gesetzt ist. Und Menschen in Niedriglohnjobs bei all dem Druck und der Gewalt, die auf sie ausgeübt wird, „eigentlich sehr friedlich“ bleiben.

Von Scham und Geld: Erschreckend unfiktiv

Shabans Familie muss kämpfen, um einen Platz in der Gesellschaft zu finden und über die Runden zu kommen. „Und das kennen wir, und leider immer mehr, auch in Deutschland“, sagt der Regisseur. In den Ländern des Westbalkans geschieht das vor dem Hintergrund wachsender Korruption, steigender Lebenshaltungskosten, ständiger Ungerechtigkeiten, Umweltverschmutzung, Mängeln bei der Gesundheitsversorgung. Wenn man Visar Morina nach den Perspektiven der Staaten des Westbalkans fragt, dann wünscht er sich, dass sie Teil der Europäischen Union werden. Und dass es mehr zivilgesellschaftlichen Widerstand gibt. Das wäre „das Einzige, was Hoffnung gibt“.

Ein positiver Ausblick ist, dass immer mehr Menschen gegen die autokratischen Regime dort demonstrieren. In Serbien hält der Protest seit fast zwei Jahren an, in Albanien seit mehr als 100 Tagen. Der Flamingo-Protest in Albanien und in der Diaspora richtet sich längst nicht mehr nur gegen das Bauprojekt der Trump-Familie in der Narta-Lagune und auf der Insel Sazan.

Auch bei der Protestwelle in Serbien werden Korruption und Behördenwillkür angeprangert. Der Langzeit-Premierminister Edi Rama von Albanien deutet die Proteste um und sieht sie als Zeichen für wachsenden Wohlstand im Lande: Arme Gesellschaften seien toleranter gegenüber Mängeln. Je stärker eine Gesellschaft prosperiere, um so weniger beurteile sie, was erreicht worden sei. Sondern sie konzentriere sich auf das, was nicht funktioniere, zitiert ihn die FAZ in der Printausgabe am Sonntag.

An einen Rücktritt denkt Edi Rama nicht. Und Serbiens Präsident Alexander Vučić hat für den 25. Oktober Neuwahlen ausgerufen, um sich im Amt bestätigen zu lassen. Erstaunlicherweise ziehen beide an einem Strang, wenn es um die EU-Beitrittsperspektive geht. Wirklich realistisch ist die aktuell nur für Montenegro. Bosnien-Herzegowina, Serbien, Nordmazedonien, Kosovo und Albanien bleiben im Warteraum der EU.

Filme können Vorurteile anscheinend nicht aushebeln

Bei allen politischen Debatten sind die Alltagsbeobachtungen wie im Film von Visar Morina so enorm wichtig. Auch andere Filmemacher vom Balkan zeigen die: „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ aus dem Jahr 2013 ist ein Film über einen Rom in Bosnien-Herzegowina. Der Film bekam damals zwei Goldene Bären auf der Berlinale, der Hauptdarsteller Nazif Mujić erhielt für jeden der 26 Drehtage etwa 50 Euro. Sein Asylantrag in Deutschland wurde abgelehnt. Die Deutsche Welle titelte: „Einmal Roter Teppich und zurück“.

Gerade ist in der ARD-Mediathek das Drama „Rohbau“ zu sehen, die Geschichte rund um einen Albaner, der bei einem Arbeitsunfall auf dem Bau in Deutschland tödlich verunglückt. In einer Kritik von epd Film heißt es: „Meist sind es teure Eigentumswohnungen, die da gebaut werden, auch in der Hoffnung, dass durch die steigenden Mieten die Nachbarschaft gentrifiziert wird.“ Und: „Der ausbeuterische Umgang mit illegaler Arbeit ist nicht das Thema dieses Films, aber er schwingt immer mit.“

Regisseur Morina nach AfD-Wahlerfolgen „richtig fertig“

„Ein Film braucht ein soziales Bewusstsein“, sagt Regisseur Visar Morina. Er zieht Parallelen zwischen Deutschland und seinem Heimatland Kosovo. Nennt dabei die gesellschaftlichen Umbrüche, den Kampf um Arbeiterrechte, auch wachsenden Rassismus. „Als Mensch, der sehr lange in Deutschland lebt, sich hier wohlfühlt, das Land als sein Zuhause begreift“, hätten ihn die Erfolge der AfD bei den Landtagswahlen richtig fertiggemacht, sagt er. Die deutsche Verfassung mit der Präambel zur unantastbaren Würde des Menschen und dem Grundsatz, dass jeder Mensch vor dem Gesetz gleich sein muss, sei „eine unglaubliche Errungenschaft“. Sie müsse aber auch in ständigem Ringen verteidigt werden.

Wenn jemand erklären wolle, was zum Volksgut gehöre und was nicht, werde es problematisch. Und nicht nur die AfD tue das. „In Deutschland droht viel zu kippen, die Stimmung, das gesellschaftliche Klima, das gemeinschaftliche Miteinander. Was wir als ,Werte der Aufklärung‘ betrachten, könnte leicht in den Mülleimer geraten. Das macht mir Panik.“

Autor*innen

Matthias Meisner ist freier Journalist und Buchautor in Berlin und Tirana. Er schreibt als Gast-Autor für den Campact-Blog über Menschenrechte, Geflüchtete und die Bedrohung der Demokratie. Zuletzt veröffentlichte er 2025 im Dietz-Verlag Bonn gemeinsam mit Paul Starzmann das Buch "Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit". Infos unter www.meisnerwerk.de. Alle Beiträge

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