Vom 28. August bis 19. September gehen wir mit einem riesigen Castor-Transport auf Endlagersuche in 12 deutschen Großstädten.
Live-Berichte von den Aktionen auch im Atomtour-Twitter
Auf dem Domplatz mitten in der Innenstadt diskutieren noch einmal die Vertreter der fünf großen Parteien - Christoph Strässer von der SPD, Sebastian Herold von der FDP, Bärbel Höhn von den Grünen, Ruprecht Polenz von der CDU und Hubertus Zdebel von der Linken.
Ein sicheres Endlager, meint Zdebel, sei angesichts der alles überdauernden Strahlkraft von Atommüll ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. "Umso größer war der Fehler, überhaupt in Atomkraft einzusteigen". Die Erfahrungen mit der Asse – von der erst gestern bekannt wurde, dass sie noch schneller abzusaufen droht, als bisher angenommen - seien der beste Beweis.
In Sachen Gorleben diagnostiziert SPD-Mann Strässer den politischen Tod durch Engstirnigkeit. Auch sonst deutliche Worte: „Der Atomkonsens hat einen wichtigen Beitrag zur Befriedung eines gesellschaftlichen Konflikts geleistet“, so Strässer. „Wer will dieses Fass jetzt wieder aufmachen?“
Zum Beispiel Polenz von der CDU, der eine ganz eigene Art des Auseinanderhaltens feiner Unterschiede hat: Dass Deutschland Netto-Stromexporteur ist, vermag ihn jedenfalls kaum beeindrucken. Übersetzt heißt das für ihn nämlich nur eines: Wir exportieren UND importieren. Und letzteres sei nun mal eine unangenehme Sache für die Versorgungssicherheit, die derzeit nur durch Atomkraft zu gewährleisten sei.
Herold von der FDP scheint gar den Atomausstieg weltweit vorzuschlagen: Deutschland aber bitte zuletzt - um auf Nummer sicher zu gehen. Die Grüne Bärbel Höhn stürzt sich dagegen auf die Erneuerbaren Energien: „Atomkraft behindert den Ausbau der Erneuerbaren“, sagt sie: Wer sich für eine Verlängerung der Laufzeiten entscheidet, entscheidet sich auch für das Bremsen von Wind, Sonne, Wasser und Co.
Eine letzte Debatte nach 13 Tourstopps: Die Endlagersuche kann einpacken. Über 5.000 Menschen sind mit uns auf die Suche nach einem sicheren Endlager für den Atommüll gegangen und haben Druck ausgeübt auf wichtige Richtungsentscheidungen durch die anstehenden Bundestagswahl. In Berlin, Hamburg, Bremen, Hannover, Leipzig, Köln, Mainz, Frankfurt, Stuttgart, München, Nürnberg und Münster haben Atomgegner lautstark "Abschalten!" gefordert.
Überall sind wir von Umweltorganisationen, Bürgerinitiativen und engagierten Menschen tatkräftig unterstützt worden. Unser Castor hat nicht nur einige Kilometer auf dem Buckel nach dieser Deutschlandreise, sondern - hoffentlich endgültig – auch ausgedient. Jetzt heißt es auch für die große Endlagersuche: Abschalten!
Medienberichte zur Aktion:
Der letzte Tourstopp der großen Endlagersuche durch Deutschland: In zwölf Städen haben die Nuklearwissenschaftler bereits nach einem Ort für die sichere Einlagerung des strahlenden Mülls aus deutschen Atomkraftwerken gesucht. Auch in Münster wurde jeder Stein des historischen Stadtpflasters umgedreht.
Bild: Michael Schulze von Glaßer
Zur finalen Endlagersuche in Nordrhein-Westfalen scheint nach einem trüben Tag in Nürnberg wieder die Sonne: Etwa 200 Münsteraner sind am Hauptbahnhof zusammengekommen, um sich im Schnelldurchlauf zum Atomexperten ausbilden zu lassen. Bei Captain Atom, dem Leiter des mobilen Einsatzkommandos hat die Endlagersuche bereits Spuren hinterlassen. Strahlenschutzanzüge, Geigerzähler, Lupen und Spezialgerätschaften sind ein wenig mitgenommen von mehr als drei Wochen gründlicher Suche.
Das ändert aber nichts an der Gewissenhaftigkeit der Atomgegner aus Münster. Vom Hauptbahnhof über den Aasee bis ins Stadtzentrum wird erneut alles Boden unter die Lupe genommen. Als der Castor-Transport die Lambertikirche passiert, wird dort schon fleißig Wahlkampf gemacht: Die Parteien haben Stände aufgebaut und lassen ihre Bundestagskandidaten Rede und Antwort stehen.
Bild: Michael Schulze von Glaßer
In einer Woche wird mit der Bundestagswahl nicht nur über eine neue Regierung sondern auch über den Atomausstieg entschieden. In Münster ist die Position der Demonstranten zur Atomkraft und ihren Souvenirs für die Ewigkeit eindeutig: Auf dem Domplatz findet zum letzten Mal die große Bohrung zur Probe auf Endlagerqualität statt. Ergebnis: Keine Chance für ein sicheres Endlager!
Bild: Michael Schulze von Glaßer
Peter Weinlich von der FDP taucht erst gar nicht auf zur Diskussion am Plärrer in Nürnberg. Seine Kollegen und Kolleginnen sind dagegen nicht nur pünktlich, sondern auch streitlustig – Ausnahmen inklusive.
Gorleben muss als Endlagerstandort weiter untersucht werden, so der Aufschlag von CSU-Bundestagskandidat Michael Frieser. Kurz vor der Bundestagswahl „leicht vergilbte Schreiben auspacken“, spielt Frieser auf das gefälschte Gutachten unter der Regierung Kohl an, das sei keine konstruktive Idee. Birgit Raab von den Grünen dagegen hat es satt: Das Gutachten belege eindeutig eine „Vertuschungs- und Verschleierungstaktik von Schwarz-Gelb in Sachen Gorleben“.
Sofort mittendrin ist auch SPD-Kandidat Martin Burkert: „Es ist doch eine Farce, erst mit der Wirtschaft eine Vereinbarung zu erlangen und dann darauf zu warten, mit einer neuen Regierung alles zu kippen“. In Sachen Atomausstieg bewegen sich die Nürnberger in gewohnten Bahnen: Alles sind – eigentlich – dafür. Nur wollen es die einen lieber ein bisschen schneller, die anderen zum Ausgleich mit mehr Kohlekraft und die anderen zum Wohle der Versorgungssicherheit lieber Über-Übermorgen als gestern.
Die FDP enthält sich des Redebeitrags. Genauso wie Gudrun Schlett von der Linken die nicht wirklich aussagekräftiges zur Debatte beizutragen weiß. Sie hält sich offenbar – immerhin im Strahlenschutzanzug – lieber im Hintergrund.
Der Schlagabtausch findet hauptsächlich zwischen CSU, SPD und Grünen statt. Eine Einigung über den richtigen Umgang mit der strahlenden Materie finden die Parteivertreter in Nürnberg jedoch genauso wenig wie die Nuklearwissenschaftler einen Ort für ein Endlager gefunden haben.
Jetzt wird es wirklich knapp mit der Endlagersuche: Nur noch ein Termin steht auf der Liste. Vielleicht werden wir im nordrhein-westfälischen Münster fündig, dem letzten Stopp unserer Tour mit dem Castor. Und wenn nicht? Dann muss umso dringender am Atomausstieg festgehalten werden – genauso wie es das Publikum in Nürnberg fordert: „Wir haben genug!“
Die Frankenmetropole Nürnberg mag sich heute einfach nicht von ihrer sonnigen Seite zeigen. Das Wetter ist nass als wir uns am Rande des Zentrums sammeln. Außerdem sind wir leider auf der „falschen“ Seite der Stadtmauern: Über das historische Pflaster der Innenstadt darf der Tonnen schwere Castor nämlich gar nicht rollen.
Die Nürnberger Behörden hatten uns mit einer gewissen Skepsis erwartet: Offenbar hatten sich die Stuttgarter Kollegen nicht ganz so zufrieden über dem Eifer der Atomwissenschaftler geäußert. Die hatten ihr Forschungsgerät auch in allerlei Gschäfterl gehalten– im Allgemeinen durchaus zur Belustigung der neugierigen Inhaber. In Nürnberg bestand diese „Gefahr“ im Prinzip erst gar nicht: Der Demonstrationszug vom Hauptbahnhof bis zum Zielpunkt Plärrer hatte gar keine Gelegenheit zwischendurch einzukehren an der Hauptstraße. Unter die Lupe genommen wurden von den rund 200 Nürnbergern in Strahlenschutzanzügen stattdessen Fußgänger und Fahrradfahrer, zahlreiche Grünanlagen und etliche Wahlplakate, die von den Parteien in selbige gepflanzt wurden.
Am Zielpunkt, dem Plärrer, herrscht dann großer Bahnhof. Allerdings nicht nur wegen uns: Busse und Straßenbahnen kreuzen auf einer Insel inmitten mehrspuriger Straßen - für die große Probebohrung hat man uns diesen schönen Verkehrsknotenpunkt zugewiesen, auf dem uns so mancher Passagier beim Umstiegen eher irritiert begegnet. Der große Nürnberg-Test auf Endlagerqualität findet mitten im Trubel trotzdem statt. Das Ergebnis bestätigt unsere Vermutung: Nach drei Wochen erfolgloser Endlagersuche ist auch in Franken kein geeigneter Ort für die ewige Ruhe des strahlenden Atommülls zu finden.
Bei ihrer Forderungen nach der Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken sind Union und FDP recht deutlich. Geht es um die Endlagerfrage wird eher auf Ausweichmanöver nach dem Motto überall nur nicht hier gesetzt. Erst heute ging ein „vertrauliches“ Gutachten im Auftrag von Bundesforschungsministerin Annette Schavan durch die Medien: Es untersucht nicht nur den eventuellen Neubau von Atomkraftwerken, sondern empfiehlt auch, die Endlagersuche auf den Süden Deutschlands auszuweiten. Eigentlich sollte der Inhalt des Papier auch erst nach der Bundestagswahl an die Öffentlichkeit gehen.
Ein Endlager in Baden-Württemberg oder Bayern? Mechthilde Wittmann von der CSU präsentiert sich in München als nach eigenen Worten „untypische“ Vertreterin ihrer Partei. Die Endlagersuche müsse natürlich offen verlaufen. Nur: Die Wahrscheinlichkeit fündig zu werden sei im Norden einfach höher. „Deshalb bin ich auch eher entspannt“.
Schön für Frau Wittmann. Andere Töne schlagen Axel Berg von der SPD und Jerzy Montag von den Grünen an: Ersterer war im Strahlenschutzanzug mitmarschiert. Beide hatten die Gelegenheit gerne genutzt, ihre Position in diverse Kameras und Mikrofone zu sprechen. Schon in den 80er Jahren habe die Union von der Übergangstechnologie Atomkraft gesprochen, kritisiert Berg. Auch Montag hat genug vom „lavieren und lancieren“. Und meint, die lange Durststrecke des Atomausstiegs läge schon hinter uns: „In der nächsten Legislaturperiode werden sieben Reaktoren abgeschaltet“. Allerdings nur, wenn man die Rechnung ohne Schwarz-Gelb mache.
„Mit Hoffnungen werden wir unsere Kühlschränke nicht kühlen können“ - Rainer Stinner von der FDP findet dagegen die Position der Atomgegner für „unverantwortlich“. Zum einen sei niemand anderes als Rot-Grün daran Schuld, dass in Sachen Endlager über Jahre kein Fortschritt gemacht wurde. Und das jüngst bekannt gewordene Gutachten zu Gorleben aus den 80ern? Alles Wahlkampf! So einfach ist das.
Jercy Montag, Bündnis90/Die Grünen
Allerdings nicht durchweg. Zwischendurch bewegt sich die Diskussion am Rande der Raison: Die Verlängerung der Laufzeiten verpackt etwa Wittmann am Ende so: „Wir brauchen einen neuen Atomkonsens – außer es geschieht ein Wunder“. Eine Rückbesinnung auf Wind und Wasser statt Wunder predigt dagegen Berg: Bayern müsse endlich Vorreiter werden in Sachen Erneuerbare Energien. Auch Montag „ärgert es tierisch“, dass Parteien wie die FDP den Ausbau der Erneuerbaren blockieren würden - und gleichzeitig den derzeitigen Anteil regenerativer Energien am Strommix als Argument gegen den Atomausstieg heranziehen.
2021 soll nach derzeitigem Stand das letzte AKW vom Netz gehen: „Sie können uns doch nicht weismachen dass wir in 11 Jahren keine Lücke schließen können“, meint Henning Hintze von der Linken. Vom ewigen Wachstum müsse man sich zudem verabschieden und verstärkt auch Energie einsparen. Das Münchener Publikum stimmte vor allem beim letzten Punkt zu: „Es ist genug“.
Rainer Stinner, FDP
Kurz vor Beginn des Oktoberfests ist die ganz München schon auf „die Wiesn“ eingestellt: Blau-weiße Fahnen wehen überall, während farblich abgestimmt CSU-Wahlkampfplakate dazu auffordern die „richtige Wahl“ für Bayern zu treffen.
Die Kontroverse liegt heute mehr denn je in der Natur der Sache. Vor dem Sendlinger Tor werden die Aktivisten schon ungeduldig, während mit der Polizei noch letzte Auflagen verhandelt werden müssen. Das dauert etwas länger und muss genauestens ausdiskutiert werden – schließlich sind wir im Freistaat Bayern und hier herrscht vor allem eins: Ordnung. Wie in Stuttgart dürfen nur die Atomfass-Trommler den zur Strahlenschutz-Ausrüstung zugehörigen Mundschutz tragen. Zum Schutz der Biergärten dürfen die Lautsprecher auf dem Truck nur in eine bestimmte Richtung schallen.
Auch innerhalb der Demonstranten startet sofort die Debatte: Vor den Castor hat sich ein Geistlicher verirrt, der vehement die Atomenergie verteidigt. Mit dem altbekannten Argument der Stromlücke: Werden die Atomkraftwerke vom Netz gewonnen gehen die Lichter aus – Gott bewahre. Der ungläubige Thomas stellt sich der Diskussion mit den Atomgegnern - und mag schließlich wenigstens zugeben, dass es so einfach nun auch nicht ist mit der Atomenergie.
Bundestagskandidaten der SPD und der Grünen mischen sich zur Demo in die Menge. Die Gelegenheit ist günstig: Das Medienaufgebot ist groß in München. Kameras, Mikrofone und Fotografen weichen dem Castor nicht von der Seite. Mit 300 Nuklearexperten ziehen wir über den Karlsplatz bis zum imposanten Odeonsplatz direkt vor den Hofgärten – Bayern ist zwar nicht gerade dafür bekannt, sich um ein Endlager zu reißen, aber auch hier wird natürlich ergebnisoffen gesucht.
Aber: Die Probebohrung ergibt wieder nur die Untauglichkeit als Endlager für Atommüll. Da bleibt eigentlich nur noch eins, meint Engel Aloysius, subversives Kulturgut der Münchner, der sonst seine bierselige Glückseligkeit im Hofbräuhaus sucht: Dann schaltets halt aus endlich – Zifix luja sag i!
„Mit ihrer Einstellung hätten wir ein Problem“ - Karin Maag von der CDU ist irritiert vom Einwand der Atomgegner, es könne kein sicheres Endlager geben. Irgendwo müsse der täglich neu entstehende Atommüll schließlich hin. Die Frage um Gorleben und die Atomkraft, so klingt es, kann man demnach getrost der CDU überlassen: „Wir sind ja schließlich nicht dämlich und betreiben eine verantwortungsvolle Politik“.
Ach so: Alles nur ein Missverständnis. Auch Alexander Schopf von der FDP sagt „ich bin für den Atomausstieg“ - nur eben nicht so schnell. Für den Stand der Endlagersuche können die Liberalen jedenfalls nichts: Das hat demnach allein Rot-Grün verklüngelt. In Stuttgart dreht sich die Debatte auf dem Schlossplatz mal wieder um den verantwortungsvollen Umgang mit Deutschlands Versorgungssicherheit in Sachen Energie. Den würde das Publikum CDU und FDP allerdings nicht so ohne weiteres bescheinigen.
Ein aufschlussreicher Nachmittag von wegen Stromlücke: Schopf wundert sich, dass Deutschland mit acht Atomkraftwerken noch Strom exportieren konnte. Und rettet sich in die Formulierung „Wir müssen die Atomkraftwerke so lange am Netz lassen, wie sie wirklich gebraucht werden“. Komisch: Maag scheint das Phänomen Stromexport ebenfalls relativ neu zu sein. Was sie mit einer Beschwerde über die Moderationstechnik von Christoph Bautz pariert.
Karin Maag, CDU
Ute Vogt von der SPD erteilt Nachhilfe – nicht in Moderation, sondern in Grundwissen zum Atom-Stromexport. Auch die Grünen greifen an, statt wie geplant Cem Özdemir spricht in Stuttgart jedoch Andrea Lindlohr. Der Ausstieg ist nicht verhandelbar: Darin sind sich Sozialdemokraten und Grüne einig. Etwas schneller hätte es allerdings Ulrich Mauer von der Linken gerne. Leider wolle mit ihm niemand regieren: „Für einen sofortigen Ausstieg sind wir nämlich das geringste Problem“.
Ute Vogt, SPD
Von unhaltbar bis schwierig: In der Debatte um den Endlagerstandort räumen mittlerweile alle Parteien wenigstens Bedenken ein. Gorleben als Endlager-Standort ist unhaltbar“, sagt Vogt. Die Suche nach einem Endlager müsse aber weitergehen – und das werde nicht jedem gefallen. Endlagersuche auch in Baden-Württemberg? Klar, versichert Christdemokratin Maag. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend: Gorleben müsse weiter untersucht werden. Über Jahrzehnte haben schließlich Gutachten nicht anderes als die Eignung belegt. Echte Probebohrungen in Baden-Württemberg? Für CDU und FDP scheint das in sicherer Ferne.
Ulrich Maurer, Linke
Leicht gemacht hat es uns Stuttgart nicht: Die Endlager-Demo muss in Baden-Württemberg strengen Auflagen genügen. Eigentlich gehört etwa zur Ausrüstung der Nuklearwissenschaftler nicht nur der „Strahlenschutzanzug“ sondern auch ein Mundschutz. Viel zu gefährlich, meinen offenbar die Stuttgarter Behörden, die dieses Privileg nur zehn Leuten zugestehen wollen – unter Angabe ihres vollen Namens. Die mit „de Trommelstäb“ können schließlich diese Schutzmaßnahme ergreifen – also die Trommler auf den Atomfässern. Ganze fünf Stück erlaubt uns Stuttgart über die Straßen zu rollen, eskortiert von jeweils zwei - wahrscheinlich suspekten - Menschen in voller Wissenschaftlermontur.
Vom Mundschutz zum Maulkorb: Auch alles was laut ist kommt in Stuttgart nicht besonders gut an. Anders als bei sämtlichen anderen Stationen der Tour darf auf dem Castor hier während des Protestszugs keine Musik spielen. Und die große Probebohrung auf dem Schlossplatz muss „simuliert“ werden – den Bohrer dürfen wir erst gar nicht anschmeißen. Gewußt wie: Der Bohrlärm kommt diesmal aus der Dose. Dass Stuttgart die Endlagersuche wohl lieber im Stillen abgehandelt hätte, ändert sich aber letztendlich nichts an der Lautstärke der knapp 250 Demonstranten.
Die Stuttgarter Wissenschaftler des Sondereinsatzkommandos sind nicht auf den Kopf gefallen. Im Gegenteil: Sie suchen gründlich – und finden zum Beispiel neben Uranium auch "Merklin" und "Westerwellin" bei ihren Messungen. Auch an Ideen für ein Endlager mangelt es nicht: Das umstrittene Bahnhofsprojekt um Stuttgart 21 soll herhalten als Absteige für den strahlenden Müll. Oder noch besser: Die CDU-Zentrale. Die liegt zufällig genau auf dem Weg – und wurde von den Verantwortlichen - anders als etwa die Asse – auch vorsorglich dicht gemacht.
Auf dem Schlossplatz angekommen zeigt sich Stuttgart wieder von seiner besten Seite: Sogar die Sonne kommt für ein Weilchen heraus um ein wenig Licht ins Dunkel der baden-württembergische Nachbarschaft der Atomkraftwerke Philippsburg und Neckarwestheim zu bringen. Erneut haben die Atomgegner einen starken Auftritt aufs Parkett gelegt: Auch ohne Musik, Mundschutz und richtige Probebohrung. Übrigens ist auch Stuttgart nicht als Endlager für Atommüll geeignet. Das Urteil der Demonstranten ist deshalb eindeutig: Abschalten! Wer nicht hinter sich aufräumen kann, soll gefälligst erst gar keinen Müll produzieren.
Heute wird mitten in der Frankfurter Innenstadt diskutiert. Als die Endlagersuche vor der Hauptwache ankommt, sind die Parteien schon da: Wir platzen nicht umsonst mitten in die heiße Wahlkampfphase. Und am Samstag nachmittag lässt sich zwischen Shopping und Cappucchino natürlich das ein oder andere Bonbon an den Mann bringen. Aber dann kommen wir: 300 laute Demonstranten und der riesige Castor-Transport.
Die Debatte bewegt sich heute zwischen größtem anzunehmenden Unsinn und der Erkenntnis, das Fehler in der Vergangenheit gemacht werden. Eigentlich nichts neues, aber dennoch Grund genug für die Frankfurter in Rage zu geraten. Der Klassiker „Deutsche AKWs sind sicher“ wird mit Buhrufen auf dem Publikum quittiert. Auch schön: Es gibt keine Gutachten, die Gorleben als Endlager in Frage stellen - so gehört vom CDU-Mann Matthias Zimmer. Der die Schuld für den Stand der Endlagerfrage außerdem klar dem SPD-Bundesumweltminister Gabriel in die Schuhe schiebt: Wäre der so hartnäckig wie die Antiatombewegung wäre man in Sachen Atommüll sicher schon viel weiter. SPD-Mann Gregor Amann findet das nicht so lustig.
Rolf Würz von der FDP weiß zu beschwichtigen: Alles in allem gibt es demnach heute keinen wirklichen Grund zur Beunruhigung: Fehler seien in der Vergangenheit gemacht worden. „Gorleben ist ein Problem dass sich die Politik selbst geschaffen hat“, sagt Würz. Die Einigung auf den Standort Gorleben sei weniger eine fachliche als eine politische gewesen. Soviel zum Endlager. In Sachen Atomkraft jedoch sei sein „Glaube an die deutschen Ingenieure“ ungebrochen.
Dagegen setzt Christine Buchholz von der Linken die Forderung nach dem sofortigen Atomausstieg. Und Martina Feldmayer von den Grünen spricht gar vom größten anzunehmenden Unsinn. Wobei sie nicht ganz unrecht hat, ist doch plötzlich die Rede von 150 neuen Atomkraftwerken, die weltweit neu gebaut würden. Die Internationale Atomaufsicht spricht dagegen von lediglich 35.
Das Publikum setzt jedenfalls auch nach der Endlagersuche den lautstarken Auftritt fort und sorgt für zahlreiche verbale Attacken und Kommentare. Für die Frankfurter sind die Wahlkampf-Bonbons von Schwarz-Gelb offenbar nichts als bittere Pillen. Und die mag niemand gerne schlucken.
Medienberichte zur Aktion:
Der Druck wächst: Nur noch fünf Termine auf unserer Endlagersuche. Und noch immer konnten wir kein geeignetes Lager finden für tausende Tonnen Atommüll, die deutsche Atomkraftwerke produzieren. Frankfurt muss sich deshalb hohen Erwartungen stellen – und lässt zu hunderten zur Suche nach dem Endlager anrücken.
Die Stimmung ist grandios: Frankfurt ist mit Sicherheit einer der lautesten Standorte der Endlagersuche. Die Trommler auf den Atommüll-Fässern geben den Takt vor während die Nuklearwissenschaftler das Mainufer untersuchen. Sogar der Frankfurter Kaiserdom hat sich in einen weißen Strahlenschutzanzug gesteckt.
Vom Ufer zieht der Castor durchs Finanzviertel in die Stadt. Frankfurt setzt in Sachen Architektur auf Höhe – was dem Endlagerzug auch viele Zuschauer aus den oberen Etagen beschert. Vielleicht könnten die nächsten Skyscraper auf einem Atommüll-Fundament gebaut werden? Die Wissenschaftler nehmen jede Möglichkeit unter die Lupe: Zwischen Parfümerie und Kanalisation bleibt die Suche allerdings ohne Erfolg. Vielleicht kann ja Flughafenbetreiber Fraport den Atommüll beim umstrittenen Ausbau des Rhein-Main-Airports versenken, schlägt einer der strahlenden Experten vor.
Alles hängt jetzt an der großen Probebohrung vor der Hauptwache. Ein letztes Mal konzentrieren sich die Nuklearexperten und gehen Frankfurt im wörtlichen Sinne auf den Grund. Das Ergebnis ist eindeutig: Keine Chance für ein Atommüll-Endlager. Die Stimmung könnte trotzdem besser nicht sein. Sogar die Polizei scheint in Frankfurt ihren Spaß an der Demo zu haben– und das Ordnungsamt verpasst dem Castor fast einen Strafzettel für Falschparken. Alles nur im Scherz versteht sich. Aber irgendwie ist ja was dran.
Medienberichte zur Aktion:
Komisch, dass in den Diskussionen mit der Politik auf die Frage nach Atomkraft fast immer mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien geantwortet wird. Was hält zum Beispiel die CDU oder FDP vom Atomausstieg? Meistens wird das zunächst mit einem „Wir sind für den Ausbau regenerativer Energien“ quittiert.
Zustimmung verkauft sich eben besser als Ablehnung. Atomausstieg? Prinzipiell ja. Endlagerfrage? Problematisch. Erneuerbare Energien? Prima. CDU und FDP etwa geben sich nur allzugerne Lobhudeleien auf Windenergie und Co. hin – nur um dann den scheinbar gut gemeinten Rat nachzuschieben, von den Erneuerbaren nicht mehr zu fordern, als sie zu leisten vermögen.
Im Klartext heißt das am Freitag in Mainz: 1. Atomenergie soll als Brückentechnologie verpackt werden, auch wenn die Erneuerbaren längst nicht mehr nur in den Startlöchern stehen sondern schon mitten im Sprint sind. 2. Wer am Atomausstieg festhalten will muss dafür wegen der entstehenden Stromlücke neue Kohlekraftwerke in Kauf nehmen.
Sollen doch die Bürger wählen: Heute sind es Gerd Schreiner von der CDU und David Dietz von der FDP die sich um diese Argumente herum bewegen. Dass Erneuerbare Energien keine Brücke über eine nicht existente Stromlücke brauchen und deshalb auch Kohlekraftwerke nicht mehr vertretbar sind vertreten in Mainz Tabea Rößner von den Grünen und Karl Voßkühler von der Linken.
Und dann ist da noch David Langner von der SPD. Die hat in Mainz wegen des in der Ingelheimer Aue geplanten Kohlekraftwerks einen schweren Stand – saß aber bislang mit ihrer Begeisterung für das Projekt am längeren Hebel. Die Forderung der Linken nach einer Rekommunalisierung der Energieversorger wird auch deshalb von Grünen-Frau Rößner mit einer gewissen Bitterkeit pariert: Bauen will das Kohlekraftwerk nämlich ausgerechnet das Stadtwerke -Unternehmen Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW).
Zustimmung erntet Langner nur in einem Punkt vom Publikum: „Wenn man in Baden-Württemberg und Bayern an der Atomkraft festhalten will, muss auch die Endlagersuche auf diese Bundesländer ausgeweitetet werden“, sagt Langner. Wie das geht werden wir in der nächsten Woche zeigen: Nach einem Tourstopp in Frankfurt stehen Stuttgart und München auf dem Programm.
In Mainz wird an diesem Donnerstag unterdessen die Schuldzuweisung zum Leitmotiv. Auch wenn unabhängige Zahlen eine ganz andere Sprache sprechen: Die Energiewirtschaft rechne durch den Atomausstieg nun einmal mit Engpässen, sagt CDU-Mann Schreiner. Und so lange die nicht umdenken, müsse eben "punktuell" – siehe Ingelheimer Aue - auf Kohlekraftwerke gesetzt werden, so SPD-Mann Langner.
So einfach ist das: Schuld sind jedenfalls immer die anderen. Die Endlagerfrage sei nur durch Entscheidungen zu lösen. Dieser Binsenweisheit stimmen die Mainzer durchaus zu. Allerdings nicht, ohne ihre politischen Vertreter immer wieder in Frage zu stellen. Am Standort Mainz versucht man vor der Castor-Kulisse Erneuerbare gegen Atom- und Kohlekraft auszuspielen. Nur mitspielen will dabei irgendwie niemand.
Medienberichte zur Aktion:
Die Mainzer sind wild entschlossen: Die Suche nach dem Endlager gestaltet sich so produktiv, dass es schon fast schade ist - nach erneuter harter und gründlicher Arbeit stellt sich auch hier heraus: Mainz ist kein geeignetes Endlager für Atommüll.
Ganz so viele wie in Köln sind es heute nicht, aber wieder haben sich mehr als hundert Atomgegner „in Schale“ geworfen um ihre Stadt zu inspizieren. Die Sonne scheint und Mainz nimmt die Endlagersuche ernst aber locker: Die Polizei ist zunächst streng, fährt dann aber relativ gelassen vorneweg. Ein wenig aus dem Rahmen zu tanzen ist heute durchaus erlaubt, wovon die Mainzer regen Gebrauch machen: „Haben Sie vielleicht Platz für Atommüll?“ - „Endlager? Ha'm wa nicht“, heißt es in den meisten Geschäften und auch der vorbeirollende Gegenverkehr will die Ladung nicht übernehmen.
Wer hätte das gestern noch gedacht. In Köln hatte uns nach der Endlagersuche ein bedeckter Himmel begrüßt. Auf dem Weg nach Mainz wurde es dann nicht nur ungemütlich, sondern sogar haarig. Mit zwei Bullis waren wir unabhängig voneinander losgefahren, „treffen“ uns aber dennoch auf der Autobahn. Ein nicht unpassender Zufall: Wenig später wird dringend ein Ersatzkanister mit Sprit gebraucht – ein Teil des Endlagertracks hatte es nicht mehr bis zur nächsten Tankstelle geschafft. Dass sich danach der Milchkaffee über die Sitze ergießt ist nur noch halb so schlimm, aber auch nicht gerade ein gutes Omen für den nächsten Tourstopp.
Die Wende kommt bei der Ankunft: Aktive haben uns eine Unterbringung mit besonderem Charme besorgt: Das Endlagerteam nächtigt in Mainz in einer evangelischen Kirche – nicht schlecht und zudem schön geräumig. Und selbst abgestelltes Wasser und ein Schnarchkonzert mit mehreren Stimmen können nicht verhindern, dass wir am nächsten Morgen bei bestem Sommerwetter schon wieder mit Mainz um die Wette strahlen.
Vom Bahnhof zieht der Protestzug an der St.Peter-Kirche vorbei bis zur alten Universität. Auch einen Blick auf den Mainzer Dom kann man zwischendurch erhaschen. Am Ergebnis der großen Probebohrung ändert die wohlwollende Stimmung jedoch nichts: In Rheinland-Pfalz kann der Müll der Atomindustrie nicht bleiben. Und auch mit so manchem Märchen der Atomlobby wurde in hier gründlich aufgeräumt. Eine Lösung kennen die Mainzer aber trotzdem: Abschalten!
Wenn man liberal als Synonym für flexibel versteht passt es wieder: Die FDP bekennt sich in Köln für den Ausstieg aus der Atomenergie – Und der Rest ist Rhetorik. Schlaglichter auf die Diskussionsrunde in Köln.
Alle fünf Parteien sind vertreten: CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke diskutieren am Kölner Neumarkt über Sinn und Unsinn von Atomenergie, Endlagerproblematik und die Informationspolitik bei Angelegenheiten von großer Strahlkraft.
Die CDU legt vor: Wo so lange so teuer gebohrt wurde wie in Gorleben, da solle doch bitte auch zuerst zuende gebohrt werden dürfen, meint Unionsmann Michael Paul. Ausgerechnet heute war Gorleben jedoch wieder konkretes Thema in vielen Nachrichtenblättern: Schon 1983 warnten Wissenschaftler demnach vor Gorleben als atomarem Endlagerstandort. Die Regierung Kohl sorgte jedoch offenbar für den richtigen Dreh - und ließ das Gutachten schönen. Alles halb so wild, sagt Paul: Es kommt demnach immer auf die Studie an. Dass ein Endlager Gorleben sicher ist, sei aus ebenso vielen hervorgegangen.
Michael Paul hat Glück: Klaus der Geiger, alternatives Kölner Kulturgut mit musikalisch-scharfer Zunge, hatte das Publikum auf eine hitzige Debatte eingestimmt. Dementsprechend unbegeistert reagierten die umstehenden Atomgegner auch auf die Äußerungen des CDU-Manns. Zumal der hinterherschob, die technischen Probleme im Pannen-AKW Krümmel würden erstens in jedem Atomkraftwerk vorkommen und zweitens gerade ein Beweis für die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke sein – schließlich sei ja nichts passiert.
Man könnte meinen, jetzt wäre der geeignete Auftritt für SPD-Mann Martin Dörmann. Der hinterließ jedoch einen verhältnismäßig blassen Eindruck. Denn es stand ja auch noch die FDP am Tisch.
Alexander Vogel wurde in den Ring geschickt. Und versuchte sich an einer Pirouette über den Atomausstieg(mit Wenn und mit Aber). Die FDP ist nämlich sehr wohl für den Atomausstieg, so Vogel. Die FDP freue sich sehr wohl über den raschen Ausbau der Eneuerbaren Energien. Die FDP wolle sich aber auch ein Sicherheitstürchen offen lassen – und den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken grundsätzlich ermöglichen. Wie weit dieses Türchen offen gelassen werden soll, mag leider auch Vogel nicht so genau auf den Punkt zu bringen. Nur eins sei klar: Die FDP braucht so viele Stimmen wie möglich, damit sie der CDU sagen kann, wo es langgeht.
Dagegen stimmten vor allem Oliver Krischer von den Grünen und Ulla Lötzer von der Linken ein Gegenkonzert an – untermalt vom zustimmenden Raunen und Rufen aus dem Publikum. Gekabbelt und gebrabbelt wurde in Köln ordentlich – vor allem dort, wo das Mikrophon jeweils nicht war, egal ob auf dem Podium oder nicht. Klaus dem Geiger hat es vermutlich des öfteren bedrohlich im Bogen gezuckt.
Medienberichte zur Aktion:
Ein großartiger Start in die zweite Hälfte der Endlagersuche: Etwa 300 Leute sind gekommen um Köln in Sachen atomare Abfallwirtschaft unter die Lupe zu nehmen. Nach einem heißen und sonnigen Tag überrascht das Ergebnis allerdings kaum: Auch hier ist kein geeigneter Ort für den Atommüll-Endlager zu finden.
Der große Erfolg der Anti-Atom-Bewegung am vergangenen Wochenende in Berlin wirkt in Köln noch deutlich nach. Viele Atomgegner aus Köln waren auch bei den Protesten in der Hauptstadt mit dabei. Warum die Tour überhaupt noch weitergehen muss nach diesem Auftritt der Anti-Atom-Bewegung, fragt jemand in die Runde. Die Antwort der freiwilligen Atom-Wissenschaftler ist ebenso deutlich wie enthusiatisch: Weil die Debatte weitergeführt werden muss, weiter Druck aufgebaut werden muss für das Festhalten am Atomausstieg, weil die Endlagerfrage durchs Land getragen werden soll.
Am Eifelplatz werden die Demonstranten wieder ausgestattet mit Strahlenschutzanzügen, Geiger-Zählern, anderer "wissenschaftlicher" Ausstattung, Plakaten und Transparenten. Das Sonderkommando der Atomforscher legt sich in Köln außerordentlich ins Zeug: Auf dem Weg zum zentralen Neumarkt werden Büdchen und Geschäfte gründlich auf Endlagertauglichkeit inspiziert. Passanten werden gebeten, Atommüll bei sich zu Hause einzulagern. Die großen Atommüllfässer werden testweise in Straßenbahnen und Telefonzellen gerollt – bleiben können sie dort allerdings nicht. Vom Container für Bauschutt bis zur Mülltonne in der Einfahrt: Kein Platz für den Müll aus AKWs. Die zufällig kreuzenden Kölner finden das alles zwar ein wenig jeck, lassen sich aber mit viel Neugier und Spaß irritieren. Und empfehlen, doch lieber Düsseldorf als Endlager in Erwägung zu ziehen.
Nach dem rund zwei Kilometer langen Demonstrationszug durch die Stadt steht fest: Kein Ort, nirgends für die Ladung des Castor-Transports. Auch die große Probebohrung am Neumarkt bringt nur zu Tage, dass sich der Kölner Untergrund nicht eignet als Atommüll-Endlager.
Während in Köln die zweite Hälfte der Endlagersuche fulminant und sympathisch beginnt, macht Gorleben wieder Schlagzeilen - diesmal mit geschönten Gutachten der Regierung Kohl. Dass die "Endlagersuche" der Bundesregierung "in die Tonne" gekloppt gehört, haben die Kölner heute jedenfalls deutlich zum Ausdruck gebracht.
Die S-Bahnen sind voll. Die Berliner fahren zum Hauptbahnhof. Auf dem Vorplatz ist es voll, nur langsam kommt man vorwärts. Heute demonstrierend tausende gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. Noch weiß niemand, dass am Ende der Demo verkündet wird, dass 50.000 Menschen dabei sind.
Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, der Wind weht. Hanna Poddig ärgert das. Die Atomkraftgegnerin läuft auf Stelzen und verteilt Flugblätter. Der Wind quält sie ein wenig. „Es ist derbe anstrengend“, sagt sie. Für die vielen Fahnenträger hingegen ist das Wetter optimal. Auffällig sind vor allem die Grünen-Fahnen und die gelben Fahnen mit der Anti-Atom-Sonne.
Transparente sind auch überall zu sehen. „Es geht wieder los!“, begrüßt ein rund zehn Meter breites Banner der Anti-Atom-Kampagne „ausgestrahlt“ die Demonstranten am Hauptbahnhof. Im Kampf um die größte Sichtbarkeit dürfte es aber von der CDU-Werbefläche übertroffen werden. „Klug aus der Krise“, steht darauf, daneben lächelt Angela Merkel. Doch das Plakat bleibt nicht lange heile. Mehrere Dutzend Anti-Atom-Aufkleber verdecken den CDU-Schriftzug – mehr oder weniger. Dann wird das Riesenplakat zerschnitten. Zunächst ist im Hals der Kanzlerin ein Loch. Dann wird es ausgeweitet, am Ende ist auch ein Teil des CDU-Schriftzugs nicht mehr zu sehen. Zwei Meter hoch, ein Meter breit – dieses Stück fehlt nun.
Über Sachbeschädigung dürfte sich nicht nur die Union beschweren. Auch die Autos am Straßenrand bleiben nicht verschont. Aufkleber mit der Anti-Atom-Sonne kleben an Fensterscheiben, am Rückspiegel oder auf dem Mercedes-Stern. Wer es war, lässt sich wohl nicht mehr ermitteln. Tausende ziehen durch die Straßen. Nur zehn Leute rollen gegen den Strom. Die Bunte Jugend Reinickendorf – kurz BJR – bahnen sich den Weg durch die Demonstration mit ihrem Atommüllfass. „Achtung, Achtung! Räumen Sie die Straße“, rufen sie dazu.
Das Atommüllfass kommt eigentlich aus dem Campact-Castorbehälter. Heute ist der nachgebaute Atommülltransport bereits zum zweiten Mal in Berlin dabei. Rund 50 Aktivisten beschützen den Lkw mit der vermeintlich gefährlichen Fracht, messen die Strahlung und rollen die Atomfässer vor sich her. Auch die Lautsprecheranlage mit vier Boxen kommt heute erstmals zum Einsatz. Als der Demozug an den Zentralen der Energiekonzerne RWE und EnBW vorbeikommt, werden die Orte auf ihre Endlagertauglichkeit überprüft – leider erfolglos.
Erfolgreich sind die Campact-Leute hingegen beim Flugblätter-Verteilen. Am Bundespresseamt stehen acht Leute und verteilen allen Demonstranten insgesamt 10.000 „Abschalt-Aufträge“. Über 100.000 Menschen haben die Erklärung bereits unterzeichnet, die das Abschalten der Reaktoren fordert. Vielleicht werden es in den nächsten Tagen noch ein paar mehr.
An den Campact-Leuten ziehen Leute aus allen möglichen Zusammenhängen vorbei: Im „weißen Block“ versammelt sich die spirituelle Szene, die satirische ClownsArmy beteuert immer wieder, es gebe „keinen Grund zur Panikmache“ und die mehrere Meter lange Drächin Futura macht Stimmung gegen Atomkraft und Patriarchat. Ein Fahrradanhänger macht Werbung für einen Film über Uranabbau, der gegen eine Spende von 10 Euro auch direkt nach Hause genommen werden kann. Wirklich kostenlos ist aber auf der Demo auch einiges: Nicht nur die Tageszeitungen taz, Neues Deutschland und jungeWelt werden verteilt, vor dem Friedrichsstadt Palast haben sich auch Mitarbeiter des Greenpeace Magazins postiert mit einem Atommüllfass und einem großen Packen Zeitschriften. Demonstranten können also richtig absahnen – regulär kostet das Greenpeace Magazin über fünf Euro.
Die Demo scheint zwar kostenlos – in Wirklichkeit haben die Veranstalter aber ordentliche Mengen bezahlt, alleine die Bühne soll 30.000 Euro gekostet haben. Deswegen sind fast hundert Menschen unterwegs, die mit einer langen Spendendose aus Pappe den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Als Dankeschön gibt es einen gelben Button als Andenken von der Demo. Der Richtwert ist zwei Euro, viele Leute hätten aber auch Scheine eingeworfen, erzählt eine Spendensammlerin.
Geld kriegen die Veranstalter auch von Sponsoren wie dem Ökostromanbieter Lichtblick, die ihre Stände vor dem Brandenburger Tor aufgebaut haben. Die Energieversorger Greenpeace Energy, die Elektrizitätswerke Schönau und Naturstrom sind auch dabei. Naturstrom-Anbieter laufen sogar mit einem eigenen Transparent bei der Demo mit. „Energiewende jetzt! Naturstrom wählen“, ist darauf zu lesen. Die vier Naturstrom-Demonstranten werden für ihre Teilnahme jedoch weder bezahlt noch vom Unternehmen dazu gedrängt, versichert einer von ihnen. Hier verbringen sie ihre Freizeit. „Weil ich davon überzeugt bin, fahre ich auch gerne mal nach Berlin.“
Nicht nur die Ökostromanbieter werben bei der Abschlusskundgebung. Auch Parteien, Umweltverbände und andere politische Gruppierungen haben hier ihre Stände aufgebaut. Von der Bühne wird ordentlich Stimmung gemacht. „Sind wir viele?“ „Ja!“ „Sind wir mehr denn je?“ „Ja!“ Zunächst wird die Teilnehmerzahl auf 40.000 beziffert, dann wird sie auf 50.000 nach oben korrigiert. Die Polizei spricht von 36.000 Demonstranten.
Ab 17 Uhr werden es aber weniger. Die Leute müssen zu ihren Bussen zurück, sie sind erschöpft. Aber man sieht ihnen an: Die heutige Demo war ein Erfolg. Drei Wochen vor der Bundestagswahl hat die Anti-Atom-Bewegung ein deutliches Zeichen für den Ausstieg gesetzt. Bleibt abzuwarten, ob die Parteien das verstehen.
Bilder und Filme:
Medienberichte zur Aktion:
Die Diskussion verläuft überraschend harmonisch. Dabei äußern die Politiker durchaus Bemerkenswertes. Vertreter von vier Parteien sind auf den Marktplatz von Leipzig gekommen um mit Campact und den Demonstranten zu diskutieren, die zuvor vergeblich nach einem Atommüllendlager gesucht haben. Nur die FDP ist nicht erschienen.
Auch die CDU habe die „Wahrheit nicht gepachtet“, sagt Unions-Politiker Thomas Feist. Er spricht vom geplanten Endlager in Gorleben. Wenn sich herausstellen sollte, dass der Salzstock für die Einlagerung radioaktiver Abfälle doch nicht so gut geeignet ist, wie bislang angenommen wurde, müsse man über andere Standorte nachdenken. „Auf jeden Fall“ sei er „offen“ für eine Suche nach Alternativen.
Setzte sich der zukünftige Bundestag aus den vier Podiums-Diskutanten zusammen, bliebe ihm ohnehin nichts anderes übrig. Linkspartei und Grüne lehnen Gorleben als Atommüllkippe ab. Und auch Daniel Werner bekräftigt, die SPD stehe zu dem Wort ihres Umweltministers Sigmar Gabriel. Er hatte Gorleben vor wenigen Tagen für „tot“ erklärt. Seit 2000 sind die Erkundungsarbeiten gestoppt. Würden sie nach der Bundestagswahl dann endgültig eingestellt? „Davon gehe ich aus“, sagt Werner.
Der SPD-Politiker scheint ein echter Atomkraftgegner zu sein. Denn den Atomausstieg möchte er beschleunigen – eine Position, die selbst einigen Grünen fremd ist. Im Atomkompromiss zwischen Rot-Grün und Atomwirtschaft wurde vereinbart, dass die Reaktoren voraussichtlich noch bis zum Jahr 2021 laufen dürfen. „Wir sollten bemüht sein, das um einige Jahre zu reduzieren.“ Richtig beliebt macht er sich vor den Publikum aus Umweltschützern aber nicht. Denn gleichzeitig kündigt er an, bei der Kohleverstromung zu „überlegen, ob es nicht Sinn macht, einige Kraftwerke neu zu bauen“.
Für Feist von der CDU ist das keine Option: „Braunkohle ist für mich keine Zukunftstechnologie“, sagt er. Atomkraft berge zwar auch Unsicherheiten, aber „ein Risiko ist mir immer noch lieber als verbrannte Erde.“ Erstmalig protestiert das Publikum lauthals. Der Unions-Politiker nimmt das gelassen. „Sonst wär’s doch auch langweilig gewesen“, witzelt er.
Selbst bei der Frage um eine Brennelementesteuer macht Feist sich durch eine klare Absage unbeliebt. Dabei wird auch in der CDU darüber diskutiert, die Extraprofite in Millionenhöhe der AKW-Betreiber zu besteuern und das Geld zum Beispiel in den Ausbau der erneuerbaren Energie zu stecken. „Wenn wir Atomstrom teurer machen in Deutschland, verlagern wir das Problem ins Ausland“, argumentiert Feist. Dabei sind Atomkraftwerke – einmal gebaut – nicht sonderlich mobil.
Punkte sammeln können bei dem Publikum vor allem Linke und Grüne. Monika Lazar von den Grünen erklärt, sie wolle auch den Ausstieg beschleunigen. Bislang sind gerade einmal zwei alte Reaktoren vom Netz gegangen. Eine magere Bilanz? „Nein, überhaupt nicht“, sagt Lazar. Schließlich sei es schwer genug gewesen, sich überhaupt mit SPD und Atomlobby auf einen Ausstiegsplan zu einigen. „Wenn es nach uns Grünen gegangen wäre, hätte der Atomausstieg anders ausgesehen.“
Für die Linkspartei ist Axel Troost auf dem Podium vertreten. Er verweist immer wieder auf das Potential von Stromeinsparungen und Energieeffizienz. Technisch sei daher ein zügiger Atomausstieg machbar. Nur: „In dieser Frage muss die außerparlamentarische Bewegung auf die Straße.“ Nur so könne der notwendige Druck aufgebaut werden.
Auch rechtlich sei das Abschalten der AKWs ohne Probleme möglich. Bei den Verhandlungen, die zum Atomkonsens geführt haben, hatte die Industrie mit Schadensersatzklagen gedroht, sollten sich ihre Investitionen durch das frühere Abschalten nicht rentieren. „Die meisten Atomkraftwerke sind abgeschrieben“, sagt Troost heute. Daher gehe es nur noch um das Gewinninteresse der Konzerne. Um die Schließung der Anlagen durchzusetzen, müsse auch über eine Verstaatlichung diskutiert werden.
Medienberichte zur Aktion:
Sie sind die Attraktion auf der Demo: Zwei kleine Jungs, beide sieben Jahre alt, spielen Wissenschaftler. Sie tragen einen weißen Strahlenschutzanzug, der ihnen eigentlich viel zu groß ist. Den Geigerzähler haben sie auf der Schulter, wie Jugendliche einen Ghettoblaster herumtragen. Sie wuseln sich durch die Menschenmenge und rufen erstaunt: „Das piept! Das piept!“
Sie sind mit ihren Eltern zum Südplatz in Leipzig gekommen und haben eine lange Strecke vor sich: Rund zwei Kilometer sind es bis zum Marktplatz in der Innenstadt. Aber die beiden haben ihren Spaß. Schließlich kommt es nicht oft vor, dass sich selbst Erwachsene verkleiden und mitspielen. Die Zweitklässler wissen aber auch, dass es eigentlich um eine ernste Sache geht. „Wir machen das, weil sonst irgendwelche Strahlen kommen und dann die Kinder nicht groß und stark werden“, erzählt einer der beiden.
Was passiert, wenn man eine überhöhte Strahlendosis abbekommt, kann man auf der Demonstration auch gleich sehen. Eine riesige, grüne Kreatur läuft mit. Drei Meter hoch, breit und lang, sechs Beine, am ehesten eine Spinne. Ein „Mutant“ sei es, erklärt das unheimliche Wesen. „Ich komme gerade aus dem Endlager.“ In Wirklichkeit besteht der Mutant aus Pappmaschee, Draht und Holz und einer Person darunter. Offensichtlich ist er ziemlich schwer zu tragen. Auf dem Weg wechseln sich die Träger ab.
Größenverkehrt ist am Donnerstag aber noch mehr: Auch große Sachen werden sehr klein. Zum Beispiel die Atommüllfässer, die Greenpeace verteilt. Sie passen in jede Hosentasche und sind auch eher nützlich als schädlich. Denn in der beklebten Filmdose ist ein kleiner Zettel, der die Leipziger Stadtwerke auffordert, auf Erneuerbare statt Atomkraft zu setzen. Einmal unterschreiben und Greenpeace nimmt den Atommüll zurück.
Die Demo zum Marktplatz darf sich auch über heiße Samba-Rhythmen freuen: Acht Leute aus Leipzig haben ihre Trommeln und Rasseln mitgebracht. Die Gruppe bewirbt sich selber als „Ihre Sambaband für politische Störaktionen“ und hat sich dazu auch einen einprägsamen Namen ausgedacht: Magda und Vanillesoße. Magda steht dabei für Ministerium für Agitation und Propaganda.
Als der symbolische Castortransport auf dem Marktplatz ankommt, scheint auch die Sonne wieder. Die Probebohrung beginnt, doch das Ergebnis ist negativ: Hier sollte der Atommüll nicht verbuddelt werden. Vielleicht sollte man dann doch erstmal die Produktion des strahlenden Abfalls stoppen. In zwei Tagen gehen dafür tausende Menschen auf die Straße. Auch der Castor wird am 5. September in Berlin sein.
„Was aufhören muss, ist der politische Protest.“ Einen ungünstigeren Ort hätte sich FDP-Politiker Florian Bernschneider für dieses Statement nicht aussuchen können. Er diskutiert auf dem Hannoveraner Opernplatz mit Bundestagskandidaten von SPD, Grünen und Linkspartei über Atomausstieg, Stromlücke und Endlagerung. Vor ihm stehen viele Atomkraftgegner, die sich zuvor an der Endlagersuche von Campact beteiligt haben.
Foto: Sami Atwa
Durch den Protest gegen mögliche Endlagerstandorte sei es nicht möglich, vernünftig nach einem geeigneten Platz für den Atommüll zu suchen. Die Frage, wo der Abfall am besten aufbewahrt werden kann, müsse geklärt werden. „Weil der Müll ist da.“ Und in Gorleben sei man bereits „am weitesten in der Forschung“.
Protest regt sich aber nicht vor Ort, sondern auch auf dem Podium. Die Sozialdemokratin Edelgard Bulmahn erklärt, es sei „fahrlässig“, sich auf Gorleben festzulegen. Und Maaret Westphely von den Grünen wirft Union und FPD vor, nur an Gorleben als Endlagerstandort festzuhalten, weil das der Entsorgungsnachweis für Atomkraftwerke sei und Schwarz-Gelb ansonsten die Rechtfertigung für ihre „unverantwortbare Energiepolitik“ fehle. Die Asse sei als „Prototyp für Gorleben“ gedacht gewesen und habe nun „als Endlager versagt“.
Auch Bernschneider räumt ein, dass mit dem Atommüll in der Asse „nicht verantwortungsvoll umgegangen wurde“. Nun müsse jedoch die Frage geklärt werden, wie man damit umgehen könne. „Und wer zahlt’s?“, ruft jemand aus dem Publikum. Bislang kommt der Bund für die Kosten des maroden Versuchsendlagers auf. SPD-Politikerin Bulmahn findet das richtig: „Ich möchte keine Gefälligkeitsgutachten haben“, sagt sie. Die Gefahr bestehe, wenn die Erkundung der Endlagerstandorte rein privat finanziert würde.
Am schrittweisen Atomausstieg müsse man festhalten, fordert Bulmahn. Andernfalls würden „alle Erfolge im Ausbau der regenerativen Energien und der Energieeinsparung wieder kaputt gemacht“, befürchtet die ehemalige Forschungsministerin.
Der Liberale Bernschneider glaubt hingegen, dass an einer Laufzeitverlängerung für die alten Reaktoren kein Weg vorbeiführe. „Auch ich würde mir wünschen, dass wir die Kernkraftwerke von heute auf morgen vom Netz nehmen könnten“, sagt er. Doch sie machten 25 Prozent der Grundlast aus, das könne von erneuerbaren Energien nicht ersetzt werden. Daher müssten bei einem Atomausstieg neue fossile Kraftwerke gebaut werden, die wiederum den Klimawandel anheizen würden. „Ich halte die Gefahr für wesentlich größer als die Störfälle der letzten Jahre.“
Für Heidrun Dittrich von der Linkspartei ist das Gerede von einer Stromlücke bloß ein „Angstmachen“. Diese vorgeschobenen Argumente dienten bloß dazu, davon „abzulenken, dass die großen Energiekonzerne nichts zu gewinnen haben, wenn wir um erneuerbare Energien streiten“. Schließlich sei die Energieversorgung der Zukunft dezentral.
Den Unternehmen müsse man jetzt vorschreiben, ihre Reaktoren abzuschalten, so die Linkspolitikerin. „Wenn sie den Verpflichtungen nicht nachkommen, dann müssen wir über Enteignungen nachdenken, denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als das Leben der Menschen vor Ort.“
+++ Vor dem Start nach Hannover: Unser Castor von Polizei gestoppt +++ O-Ton: "Sie können hier doch nicht mit einem Atomtransport rumfahren." +++ Fahrer Wim muss ins Taxi: Abdeckplane besorgen +++ Wir sind blockiert: von der Polizei! +++ Verhüllt geht's dann endlich los +++ Hannover: Wir kommem! +++
Der Castortransport wird wieder aufgehalten. Diesmal sind es nicht die Atomkraftgegner wie in Hamburg und auch nicht die Bahnunterführungen wie in Bremen. An diesem Morgen hält die Polizei den Transport des nachgebauten Atommüllbehälters auf. Morgens um halb zehn kommen zwei Zivilbeamte auf den Lkw-Fahrer zu und verbieten ihm loszufahren.
Foto: Sami Atwa
Der Grund: Der Behälter könnte Leuten Angst machen und dass könnte zu eine Gefahrensituation führen. Der Fahrer erzählt, die Polizisten hätten mit ihren Vorgesetzten telefoniert und besprochen, was zu tun sei. „Da wusste keiner genau, was Sache ist.“ Also erstmal abwarten. Und den bedrohlich wirkenden Behälter abdecken. Beim Baumarkt musste dann schnell eine 10 mal 12 Meter große Plane gekauft werden – zusammen mit Gurten zum Befestigen sind dafür knapp 100 Euro draufgegangen.
Nach zweieinhalb Stunden ist der Castorbehälter verhüllt, jetzt ist alles ungefährlich. Die Polizei muss es wissen, denn hier in Niedersachsen kennt man sich mit dem Transport der strahlenden Fracht aus: Seit Jahren rollen hier die Castoren in das Zwischenlager in Gorleben, immer zusammen mit einem riesigen Polizeiaufgebot aus ganz Deutschland. Nun soll der Atommüll aber nicht ins Wendland gebracht werden, wo nur wenige Menschen wohnen, sondern in die Landeshauptstadt Hannover.
Foto: Sami Atwa
Rund eine halbe Stunde hat der Castor Verspätung – das ist nichts zu den Verspätungen der Transporte nach Gorleben. Umweltschützer aus Hannover haben sich bereits auf dem Klagesmarkt versammelt und nehmen den Transport mit einem Raunen in Empfang. Dann setzt sich der Tross in Bewegung Richtung Hauptbahnhof. Dort gibt es einen kurzen Stopp für die Fotografen und dann ab durch die Innenstadt – nur der Castor ist nicht mehr dabei, weil er zu schwer ist.
Foto: Sami Atwa
Dafür haben die verkleideten Forscher mit ihren Atommüllfässern ihren Spaß. Zunächst wird eines in einem Müllcontainer versuchsweise endgelagert. Dann soll der Atommüll in einem Modegeschäft unter den Teppich gekehrt werden, doch eine Filialenmitarbeiterin protestiert. Und dann fahren einige Forscher mit dem Atommüll Rolltreppe – hinunter in die U-Bahn-Station.
Auf dem Opernplatz ist dann auch der Castor wieder da. Hier findet die Probebohrung statt um herauszufinden, ob die Hannoveraner Innenstadt als Endlager geeignet sein könnte. Daneben steht ein Trecker, auf dem zwei Fahnen der Grünen befestigt sind. Aber auch die politische Konkurrenz wirbt hier um potentielle Wählerinnen und Wähler: Bereits am Morgen hatte die Linkspartei den Platz großflächig mit Plakaten zugehängt, die sonst nirgends zu sehen sind: „Atomausstieg fix!“, steht darauf und darunter in kleinerer Schrift: „Schwarz-Gelb stoppen, Rot-Grün hat’s vermurkst“. Auf der Rückseite wird für eine Veranstaltung mit Gregor Gysi geworben. Peinlich: Sie ist am 5. September – genau an dem Tag der großen Anti-Atom-Demo in Berlin.
Medienberichte zur Aktion:
Die Vertreter von Schwarz-Gelb haben es nicht leicht. Auf dem Bremer Marktplatz hat Campact zur Diskussion geladen, vor Ort sind all die Atomkraftgegner, die zuvor erfolglos nach einem Endlager gesucht haben. Nun sollen die beiden Herren von CDU und FDP ihre Position verteidigen – und die sieht vor, dass die Atomkraftwerke länger laufen.
Immer wieder werden sie ausgebuht, kommen erboste Kommentare aus dem Publikum. Nur am Ende erhalten sie ein einziges Mal Applaus – dafür, dass sie gekommen sind. Moderator Christoph Bautz von Campact bemüht sich, eine neutrale Rolle einzunehmen. Doch allen ist klar: Campact ist hier, um für den Atomausstieg die Werbetrommel zu rühren.
Claas Rohmeyer (CDU) sieht die Situation ganz nüchtern. „Ich bin ja nicht hier, um mich beliebt zu machen“, sagt er. Und auch sein Kollege von der FDP, Torsten Staffeldt, nimmt den Gegenwind aus dem Publikum gelassen. Immer wieder lacht er. Und beim Schlagabtausch zwischen ihm und der Grünen Marieluise Beck läuft er schon fast zu Hochtouren auf.
An der Endlagersuche in Bremen hat sich Staffeldt nicht beteiligt, schließlich braucht man in seinen Augen vielleicht gar nicht so lange suchen: „Gorleben hat den Vorteil, dass es am besten erforscht ist“, erklärt der FDP-Politiker. Und als Moderator Bautz auf die Schwachstellen des Salzstocks hinweist, fragt er zurück: „Haben Sie einen anderen Vorschlag?“
Grüne und SPD haben den: Atomkraftwerke müssen abgeschaltet werden. Sozialdemokrat Carsten Sieling sagt: „Der Atomausstiegsplan muss fortgesetzt werden. Da darf es kein Zurück geben“. Und Marieluise Beck von den Grünen erklärt den Atomausstieg zur Bedingung einer möglichen Regierungsbeteiligung. Beschleunigen will sie ihn aber nicht: „Der Ausstieg war unglaublich schwer hinzukriegen“, sagte sie und verweist auf den Druck der Atomlobby während der Verhandlungen zwischen rot-grüner Bundesregierung und Atomwirtschaft.
Klaus Rainer Rupp von der Linkspartei ist da etwas radikaler: Für ihn ist der Atomkonsens bloß ein Kompromiss, den man nicht zum Wahlprogramm erheben solle. Seine Partei fordert einen schnelleren Ausstieg. „Wir haben eine Technik, deren Betrieb ein Verbrechen an der Menschheit ist“, sagt Rupp und versichert, seine Parteifreunde würden „ernsthaft dafür streiten“, dass die Reaktoren vom Netz gehen.
Unrealistisch sei es, dass die regenerativen Energien so schnell ausgebaut werden und den fehlenden Atomstrom kompensieren können, findet CDU-Politiker Rohmeyer. „Wir sind ja auf dem Weg, aber wir brauchen mehr Zeit als die elf Jahre.“
Wie schnell sich die Erneuerbaren-Branche entwickelt, hängt auch davon ab, wie stark sie vom Staat gefördert wird. Bislang hat sich Schwarz-Gelb dort eher als Bremser hervorgetan, nun sagt selbst Staffeldt von der FDP, dass seine Partei nicht beabsichtige, die Förderung durch das Erneuerbaren-Energien-Gesetz zu kürzen. Im Prinzip sei er aber gegen jegliche staatliche Förderung: „Wir sind gegen Subventionen von Atomkraft, aber auch gegen Subventionen für regenerative Energien.“
Kontra gibt es von linker und grüner Seite: Für Linke-Politiker Rupp sind die Unterstützungsmaßnahmen für umweltfreundliche Energien gar keine Subventionen, sondern Investitionen in die Zukunft. Und für Beck von den Grünen ist klar, dass vor allem Atomstrom hoch subventioniert ist: „Es gibt keine Technologie, in die soviel Gelder geflossen sind.“
Die Diskussion verläuft kontrovers und schlägt hohe Wellen. Nur zwei Vorschläge werden von allen – zumindest stillschweigend – unterstützt: Energie sparen und effizienter nutzen. Aber was das konkret für die Politik bedeutet, davon spricht niemand.
Medienberichte zur Aktion:
Der Castor hat Verspätung: In Bremen sind es keine Atomkraftgegner, die den Atommülltransport blockieren, sondern die Tunnel unter der Eisenbahnlinie. Drei Meter sechzig ist nicht hoch genug, drei Meter fünfzig auch nicht und drei Meter zehn schon gar nicht. Der Castorbehälter, der per Lastwagen zum Bahnhofsvorplatz gebracht werden soll, muss einen Umweg fahren: Erst beim siebten Versuch passt der knapp vier Meter hohe Transport durch die Unterführung.
Für die Demonstranten vor Ort kommt er aber noch rechtzeitig: Nach und nach trudeln die Umweltschützer auf dem Bahnhofsvorplatz ein. Wieder sind hunderte gekommen, wieder stürzen sie sich auf die Strahlenschutzanzüge, Gasmasken und das restliche Demo-Zubehör. Und auch die Medien sind zahlreich vor Ort – vom Weserkurier bis RTL. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass jeden Tag neue Horror-Meldungen über die deutschen Atommülllager an die Öffentlichkeit kommen. Die letzte Nachricht: In der Asse ist etwa dreimal soviel Plutonium eingelagert worden, wie bislang angenommen.
Um kurz vor drei zieht die Demo los. Die Teilnehmer werden rundum versorgt: Für die Musik sorgt eine Samba-Gruppe, die eigentlich aus zwei Samba-Gruppen besteht und ihre Trommeln mit Radioaktiv-Zeichen versehen hat. Fetzige Rhythmen, bis am Ende der Route eine deutliche Schramme auf einer Trommel zu erkennen ist. Das Trommelfell ist aber nicht geplatzt. Die Musiker sind erleichtert: „Na, Gott sei Dank.“
Für die Verpflegung sorgt ein großer weißer Beutel, in den jeder einmal hineingreifen darf: Hunderte Bonbons sind darin, eingepackt in gelbes Plastikpapier. Besonders umweltfreundlich ist das zwar nicht, dafür aber die Botschaft auf der Verpackung: „Atomkraft? Nein Danke!“
Die Sonne scheint und die Demo ist ein echter Hingucker. Selbst für die Leute, die schon in Berlin oder Hamburg dabei waren. „Liebe Bremer! Habt ihr einen Platz im Keller?“, ist auf einem Plakat zu lesen. Und darunter die Erklärung: „Asse = einsturzgefährdet; Morsleben = abgesoffen; Bremer Haushalte = dezentral, trocken und solide = perfektes Endlager“.
Auf dem Marktplatz, direkt vor dem Bremer Rathaus, wird dann die Bohrmaschine angeschmissen. Die abgesperrte Baustelle für die Probebohrung ist wieder mal umringt von Schaulustigen. Doch dann kommt die Nachricht: Der Daumen zeigt nach unten, dieser Platz eignet sich nicht als Atommülllager. „Da bleibt nur eins“, tönt es aus dem Megaphon. „Atomkraftwerke abschalten!“ Die Menge applaudiert.
Am Ende kommt eine Show-Einlage der besonderen Art: Man könnte sagen, die Bremer Stadtmusikanten besuchen den Castortransport. Ein Teil des Buchtstraßenchors singt über die Folgen eines AKW-Unfalls. Fenster zu, kein Kontakt zur Außenwelt, nur noch Konserven essen. Und am Ende jeder Strophe wiederholt sich der satirische Refrain: „Es besteht kein Grund zur Aufregung. / Alle Maßnahmen zur Beseitigung / der Störung und ihrer Folgen sind schon im Gange. / Bleiben Sie ruhig. Es dauert nicht lange.“
Es war eine spontane Aktion: Sieben Atomkraftgegner haben den Castor-Transport gestoppt, der am Samstag durch die Hamburger Innenstadt gerollt ist. Sie sitzen auf der Mönkebergstraße und blockieren die Durchfahrt für den Lastwagen, der die strahlende Fracht zum Rathaus bringen soll.
„Wir haben gehört, es fährt ein Castor durch Hamburg“, erzählt Jan Becker, Sprecher der Atomkraftgegner. „Das kann nicht sein.“ Nachdem er die Information erhalten hat, wurden per Telefon schnell andere Aktivisten zusammengetrommelt, mehr Leute konnten in der kurzen Zeit nicht mobilisiert werden. Doch auch die sieben jungen Menschen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich.
Merkwürdig: Die Polizei nimmt keine Notiz von den Blockierern. Stattdessen müssen Menschen in weißen Strahlenschutzanzügen die Straße freiräumen, damit der Castor weiterfahren kann. Es sind Wissenschaftler, die mit ihren Geigerzählern die Strahlung messen. Andere halten Schilder hoch, die vor dem Atomtransport warnen.
Für die Passanten ist die Blockade bloß ein unterhaltsames Schauspiel. Ernsthaft glaubt wohl niemand, dass ein unbewachter Castor-Transport mitten durch Hamburg City geleitet wird. Und bevor die Bürger aus dem Staunen heraus sind, haben sie schon ein Flugblatt in der Hand, das informiert: Das ist die Endlagersuche von Campact.
Heute sind mehrere hundert Umweltschützer gekommen. Vor dem Hamburger Hauptbahnhof geht es los, dunkle Wolken kündigen bereits ein Donnerwetter an. So schlimm wird es nicht, aber von der Sonne ist nichts zu sehen. Das einzige, was strahlt, ist immer noch der Atommüll.
Auf dem Weg zum historischen Marktplatz kommen die Atomkraftgegner an der Hamburger Vattenfall-Zentrale vorbei. Einmal kurz die Atomfässer aufstellen, Transparent aufspannen und fotografieren lassen. Vattenfall, Betreiber der Pannenreaktoren Krümmel und Brunsbüttel, ist schließlich einer der Lieblingsgegner von Umweltschützern. Nicht umsonst gibt es in Hamburg seit über zwei Jahren die Kampagne „Tschüss Vattenfall“.
Kurz vor dem Marktplatz gibt es für die Demo-Teilnehmer noch einmal aufmunternde Worte – aber nicht aus dem Lautsprecher von Campact, sondern aus dem Lautsprecher eines Würstchenverkäufers. „Ich find das klasse, was ihr macht“, schallt es laut aus den Boxen. „Das ist Demokratie.“ Die Atomkraftgegner wollen antworten – doch das Megafon kommt nicht gegen die Boxen an.
Um viele Leute zu erreichen, muss man nicht laut sein. Es reicht auch, wenn das Fernsehen kommt. Und das wartet schon vor dem Hamburger Rathaus: Der Norddeutsche Rundfunk NDR möchte über die Probebohrung berichten und hatte schon vorher Druck gemacht: Spätestens um Viertel nach vier muss der Castor-Transport am Ziel sein, nur dann würde das zeitlich ins NDR-Programm passen.
Medienberichte zur Aktion:
Es ist eine gelungene Premiere: Rund 100 Menschen sind zur Vattenfall-Zentrale in Berlin gekommen, um von dort aus einen Castor-Transport der besonderen Art zu begleiten. Ein Lastwagen mit dem mehrere Meter langen Behälter für den Atommüll, umringt von Wissenschaftlern mit ihren Geigerzählern und Ordnern, die darauf achten, dass niemand zu nahe kommt. Hinzu kommen zahlreiche Plakate, auf denen in großen Lettern gewarnt wird: „Achtung Atommüll“. Und wie es sich für einen ordentlichen Castor-Transport gehört, ist auch die Polizei dabei. Einsatzwagen am Anfang und am Ende des Umzugs sorgen dafür, dass die strahlende Fracht ohne Verzögerung ans Ziel kommt.
Vorsicht Atomtransport!
Endpunkt ist der Pariser Platz, direkt vorm Brandenburger Tor. Dort ist bereits eine menschengroße Bohranlage aufgebaut, umgeben von einer rot-weißen Absperrung. Daran prangt ein Schild: „Achtung Probebohrung“. Doch das ist nach wenigen Sekunden nicht mehr zu sehen, denn die Pressevertreter stürzen sich auf das Schauspiel, das nun beginnt: Die Maschine wird angeschmissen, die Wissenschaftler mit Helm und Maske zaubern eine Bodenprobe hervor. Danach wird sie mit Geigerzählern und Lupen untersucht, der Platz vorm Wahrzeichen Berlins aus untauglich für ein Endlager eingestuft.
Richtig wissenschaftlich ist das nicht, doch das spielt bei der Entscheidung für einen Standort ohnehin keine Rolle, wie wir die letzten Tage gelernt haben. Schließlich haben Wissenschaftler schon vor über 20 Jahren gewarnt, der Salzstock in Gorleben sei als Endlager nicht geeignet. Die Bundesregierung hat trotzdem daran festgehalten. „Jetzt kommt an den Tag, was eh alle wussten“, ruft Kerstin Schnatz bei der Auftaktkundgebung in das Megafon. „Gorleben wurde nicht nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewählt.“
Peter Dickel kommt aus der Nähe von Gorleben. Der Sprecher der AG Konrad sagt, für eine Endlagersuche brauche man in Deutschland bloß ein ruhiges Hinterzimmer, „und dann streicht man das Wort ‚Bedenken’ und schreibt ‚eignungsfähig’ hin“. Gemeint sei damit aber, dass ein Endlager „durchsetzungsfähig“ sei.
Mehr als 100 "WissenschaftlerInnen" waren in Berlin auf Endlagersuche
Auf der Abschlusskundgebung redet auch Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe. Er sagt, dass neben der Atommüllfrage inzwischen auch ein anderes Argument gegen die Nutzung der Risikotechnologie spreche: Je stärker die erneuerbaren Energien ausgebaut werden, desto weniger Grundlastkraftwerke würden benötigt. Deswegen würden Atomkraft und Erneuerbare nicht zusammenpassen. „Es ist keine Frage der Ideologie, sondern eine Frage der Technik“, so Rosenkranz. Denn die Regenerativen liefern nur zeitweise Strom, die Zwischenzeiten müssten durch flexible Kraftwerke ausgeglichen werden. Und Atomkraftwerke können nicht so schnell an- und abgeschaltet werden.
Auch vor der Zentrale des Atomkonzerns ENBW finden wir kein Endlager für Atommüll.
Letzte Messungen ergeben, dass Berlin nicht als Endlager geeignet ist.
Weitere Bilder:
Medienberichte zur Aktion:
Einen standesgemäßen Empfang erwartete unseren Castor, als er heute mittag in Berlin einrollte: Ein Großaufgebot von bis auf die Knochen bewaffneter Polizisten, Strassensperren und ein Hubschrauber der über der Szenerie kreiste. Ein bisschen geschmeichelt fühlten wir uns schon - das alles für uns? Wäre doch nicht nötig gewesen. Doch spätestens als wir die mit Maschinengewehren bestückten Panzerwägen sahen war klar: Der Einsatz galt einem anderen.
Der israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu hatte sich zufällig ein Hotel in der Parallelstrasse zu unserem Castor-Zwischenlager für den Tag ausgesucht.
Als die Warnschilder "Atomtransport" am Truck angebracht werden, wird der Polizei doch bange-ob da was wahres dran ist? Besser mal nachsehen.
Die Zwischenlagerung des Castors in Berlin wurde nötig, weil die babyblaue DAF-Zugmaschine noch mit Warnschildern wie "Achtung Radioaktivität" und "Löschwasser - nur im Notfall benutzen" beklebt werden musste. Dafür hatte uns die Agentur Zitrusblau, von der Design und Folien für den Castor stammen, einen VIP-Parkplatz vor ihrem Büro reserviert. Die Jungs von Zitrusblau klebten und bastelten unermüdlich den ganzen Tag, um Wim's babyblaue Zugmaschine dem Design des Castors made in Verden anzupassen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön - nicht nur für das Bekleben, sondern auch dafür, dass ihr uns die Polizeit vom Leib gehalten habt. So gab Geschäftsführer Martin Keune eine exklusiv-Tour durch den Castor Transport, damit die Polizeit auch wirklich davon überzeugt war, dass wir kein Plutonium an Bord haben.
Jetzt ist unser Castor-Transport rundum schick und fit für seine ersten Einsatz. Der führt ihn morgen früh direkt zur Hauptzentrale des schwedischen Atomkonzerns Vattenfall. Ab 10 Uhr suchen wir dort gemeinsam mit einem breiten Bündnis von Berliner Gruppen nach einem Endlager für unsere strahlende Fracht. Mit dabei sind der Berliner BUND und seine Jugend-Organisation die BUNDjugend, sowie die IPPNW. Unser Kooperationspartner attac Berlin nimmt sogar das Krümmel-Monster mit - ein drei-äugiges blaues Ungeheuer, das Atomkraftwerke frisst.
Die Probebohrung, mit der wir nach der Endlagersuche durch die Innenstadt ab 12 Uhr auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor feststellen, ob Berlin als Endlager geeignet ist, haben wir schon mal general-erprobt. Wir sind gespannt, was die Bodenproben ergeben. Finden wir kein Endlager bleibt ohnehin nur eins: Atomkraftwerke abschalten!
Das Campact Team probt den Ernstfall: Probebohrung mit Kernbohrgerät.
Stopp, die Gesteinsprobe ist negativ, auch hier wird kein Endlager entstehen. Da bleibt nur eins: Atomkraftwerke abschalten!
Unser Castor kriegt gerade noch seinen letzten Feinschliff, bevor er ab morgen mit uns und vielen anderen Endlagersuchenden durch 12 deutsche Städte tourt. Das Team ist schon in Berlin und bringt den 40-Tonner zum "Strahlen". Nach einer letzten Generalprobe wird morgen um 10 Uhr die große Endlagersuche vor der Vattenfall-Zentrale beginnen.
Der Truck wird zum Strahlen gebracht
Gut verpackt
Unser Castor-Fahrer Wim strahlt, als der Castor endlich aufgeladen ist. Der sympathische Holländer, der seit über 20 Jahren schon in Deutschland lebt, war sofort Feuer und Flamme für die Endlagersuche. Als der Castor noch lediglich auf dem Reisbrett existierte, meldete er sich sofort mit dem Angebot, den Castor mit seinem 40-Tonner DAF quer durch die Republik zu ziehen. Wir wünschen ihm, dass ihn die Polizei auf seiner heutigen Route über die Autobahn nach Berlin in Ruhe lässt. Sicher verzurrt ist der Castor allemal. Und das einzige strahlende ist sein Fahrer Wim.
Wim, der Castor-Fahrer
Jetzt kanns los gehen
Jetzt sind die Hüllen gefallen: Gestern abend wurde der Castor endlich aus seiner Kartoffelscheune in der er erbaut wurde, befreit. Gegen 18 Uhr rollte unser Truckfahrer Wim mit seiner 40-Tonner Maschine und einem massiven Tieflader auf den Vorplatz der Halle in Dörverden-Westen. Dort stand der Castor schon fix und fertig bereit. Innerhalb von knapp 2 Stunden wurde der Atommüll-Behälter verladen und verzurrt.
Wie verlädt man einen Castor? Kein Problem für unsere Handwerker.
Endlich konnte unser Fahrer Wim Richtung Verden starten, wo er schon ungeduldig von seine neuen Tourkollegen vor dem Campact-Büro erwartet wurde. Denn hunderte Strahlenschutzanzüge, die Schutzbrillen, Geigerzähler und gigantische Lupen mussten nebst Atommüllfässern und Infomaterialien noch in den Castor gepackt werden.
In diesem Moment brettert der Castor gerade über die Autobahn in Richtung Berlin, wo er morgen zum ersten mal zum Einsatz kommen wird: Vor der Vattenfall-Zentrale wird er den Atomstromern lebhaft den schwächsten Punkt der Atomkraft vor Augen führen: Das ungelöste Problem der Endlagerung des radioaktiven Mülls.
Jetzt heißt es Daumen drücken, dass weiterhin alles so gut klappt. Doch Wim ist bester Dinge. Befragt, wie man sich so fühle, als Fahrer eines Castor-Behälters grinst er verschmitzt:"Ganz schön verstrahlt."
Ganz herzlichen Dank nochmal die Handwerker von Baum.Haus.Bau für ihren unermüdlichen Einsatz: Es hat sich gelohnt - das Campact Team ist jetzt schon in den Castor verliebt - er ist einfach super geworden!
Wenn das die Bauern im Wendland wüssten: Ein Trecker hilft beim Verladen des Castors.
So sieht eine Skizze für einen selbstgebauten Castor aus.
Das erste Bild des Castors verrät: Er ist verdammt groß. So groß, dass er in der Kartoffelscheune, wo er derzeit erbaut wird, ohne Weitwinkel nicht einzufangen ist. Morgen fallen jedoch die Hüllen: Dann kommt unser Truck-Fahrer Wim mit seinem 40-Tonner Laster und hebt den Castor auf seinen Tieflader. Ob bis dahin wohl die Farbe trocken ist? Wenn nicht, dann wird der Castor einfach Fahrtwind-getrocknet: Und zwar auf seiner ersten Fahrt über die Autobahn. Die Jungfernfahrt führt den schicken Atommüll-Behälter gleich in die Hauptstadt: Zum Tourauftakt vor der Vattenfall-Zentrale und am Brandenburger Tor soll er am Freitag morgen in voller Pracht erglänzen und von hoffentlich vielen Endlagersuchenden bestaunt werden.
So sieht ein Castor im Rohbau aus
Von Kerstin Schnatz
"Castor-Bau im beschaulichen Verden an der Aller" - so ähnlich könnte sich ein Bericht der Verdener Tageszeitung dertage lesen. Denn wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen, wo die rote Abendsonne glühend hinter den Windrädern untergeht und es nach frischem Heu riecht, entsteht derzeit ein Castorbehälter wie aus dem Bilderbuch.
Ein Team von vier Handwerkern baut in Tag-und Nachtschichten den 7,5 Meter langen, 3 Meter hohen und 2,5 Meter breiten Kolloss. In einer Kartoffelscheune, die mit Plastikplanen den Castor trocken hält und die Kartoffeln vor Lackspritzern schützt. Ob der Bauer weiß, dass wir das skurrile Bauwerk am Mittwoch mit einem Kran aus der Scheune heraus auf einen Tieflader heben und ihn mit einem 40-Tonner Laster nach Berlin befördern? Dort beginnt ab Freitag unsere bundesweite Atomtour in 12 Städte: Überall gehen wir mit unserem Castor auf Endlagersuche nach einem Atommüll-Lager.
1.000 Strahlenschutzanzüge schlummern noch in ihren Kartons im Campact-Flur. Am Mittwoch werden sie gemeinsam mit Schilder und Geigerzählern und in den Castor verladen und nach Berlin zum Tourauftakt gebracht.
Die Spezialanfertigung aus Verden steht exemplarisch für hunderte reale Castorbehälter voller hochradioaktivem Atommüll, der in deutschen Atomkraftwerken bereits angefallen ist. Wer längere Laufzeiten für Atomkraftwerke fordert, muss wissen, dass der Atommüllberg Tag für Tag steigt. Mit einem breiten Bündnis von Umwelt- und Anti-Atomgruppen und möglichst vielen Aktiven, die mit uns gemeinsam auf Endlagersuche gehen heizen wir den AtomkraftbefürworterInnen kurz vor der Bundestagswahl ordentlich ein. Denn wer will schon Atommüll vor der eigenen Haustür haben?
"Den Castor könnten wir ja nach der Tour bei Ebay versteigern." lacht einer der Handwerker. Von solch einfacher Entsorgung des hochradioaktiven Atommülls träumen die Atomkonzerne nur: Denn weltweit gibt es noch kein Endlager. Die Jahrmillionen strahlende Last wird notdürftig in ganz Deutschland einfach für ein paar Jahre zwischengelagert.
Pünktlich zur Bundestagswahl bringen wir das Thema Atommüll in die Städte. Gehen Sie gemeinsam mit uns auf Endlagersuche! Hunderte Strahlenschutzanzüge, Atemschutzmasken und Geigerzähler lagern bereits neben dem Schilderwald in unserem Flur und warten nur auf ihren Einsatz. Ob wir unseren Castor jedoch am Ende der Tour versteigern bleibt noch offen. Und wenn, dann natürlich nur an Selbstabholer und ohne Garantie auf eventuelle Schäden.