Wer aus Sachsen-Anhalt kommt und weggezogen ist, muss sich daran gewöhnen, zu erklären, wo man herkommt. Wenn man aus der Altmark kommt, ist es noch wilder: „Da liegt auch Stendal. Da fährt der ICE durch. Manchmal hält er auch an.“
Im Moment ist das anders. Die Bundesrepublik schaut wahlbedingt – Vorurteile und Exotisierung inklusive – auf Sachsen-Anhalt. Auf die Altmark, weil AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund von dort kommt. Aber gestern ist ein Name dazu gekommen, der sonst eher nicht für überregionale Schlagzeilen sorgt: Bernd Prange.
Der Bürgermeister der Gemeinde Altmärkische Höhe, meine alte Nachbarschaft, hat 10.000 Euro an die AfD gespendet. Und er ruft zur Wahl der Partei auf, denn er wünscht sich eine AfD-Alleinregierung. Ein solcher Schritt ist kein Beweis für herausragenden Mut. Er ist ein Beweis für Zerstörungslust. Wer sich wünscht, dass Rechtsextreme regieren, hat den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung schon längst verlassen. Die CDU prüft einen Parteiausschluss.
Zwischen Hochzeitssuppe und Baseballschlägerjahren
Bernd Prange beschwört einen bevorstehenden Verlust der kulturellen Identität herauf, die durch die Union nicht vertreten würde, sagt er. Die kulturelle Identität meiner Kindheit und Jugend war geprägt durch das Theater der Altmark in Stendal. Das Haus wird, wie andere Kulturinstitutionen, durch die AfD akut in Handeln und Existenz bedroht.
Ich wuchs in einem Umfeld auf, das sich unermüdlich ehrenamtlich engagierte. In der Freiwilligen Feuerwehr, im Theaterverein, im Handball oder Fußball. Wenn ich könnte, würde ich dreimal in der Woche Altmärkische Hochzeitssuppe essen. Mein Dialekt ist Nordmärkisch. Er sorgt dafür, dass ich unter Urberlinern in meiner Wahlheimat kaum auffalle, wenn ich es will.
Und klar ist auch das Identitätsmoped Simson, das die AfD für ihren Nostalgie-Wahlkampf beansprucht, ein Kulturgut. Aber nicht Björn Höcke, der das Gefährt für sich reklamiert, fuhr mit einer Simson in seiner westdeutschen Jugend zur Schule. Sondern zahllose Jugendliche, die sie für die Fahrt zur Dorfdisko, zur Schule, oder zum Sport brauchten, einfach weil der Nahverkehr schon damals schlecht ausgebaut war.
Meine Jugend war aber auch geprägt durch die vielzitierten Baseballschlägerjahre. Das zeigte sich durch Hakenkreuze in Schulheften, auf Schulbänken und den Wänden der Städte und Dörfer. Durch Drohgebärden oder Prügel, wenn man zu sehr auffiel – durch Hautfarbe, Kleidung oder Haltung. Und durch Weglaufen vor bespringerstiefelten Neonazis. Wenn Ulrich Siegmund und seine Partei die jüngere Vergangenheit idealisieren, dann ist das mitgemeint.
Keine ernsthaften Lösungen bei der AfD
Die AfD gibt vor, Probleme lösen zu wollen. Zu den stets angeführten gehört auch Zuwanderung und Flucht. Mehr als ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern Sachsen-Anhalts hat keinen deutschen Pass. Das Bundesland liegt mit dem Anteil der Ärzt*innen ohne deutschen Pass über dem bundesdeutschen Durchschnitt.
In der Altmark ist der Anteil noch höher als in den meisten anderen Teilen des Bundeslandes. Viele Migrantinnen und Migranten erwägen, Sachsen-Anhalt im Falle einer AfD-Regierung zu verlassen. Die ohnehin schlechte Versorgung mit Haus- und Fachärzt*innen könnte sich weiter verschlimmern.
Den Lehrermangel in Sachsen-Anhalt wird die AfD weder durch ein Gebot der Beflaggung mit der deutschen Fahne noch durch ein Verbot der Regenbogenflagge lösen. In der Schule, die die AfD sich vorstellt, sind Kinder mit Behinderungen oder Migrationsgeschichte ausgeschlossen. Queere Kinder dürfen nicht auffallen. Der Bildungsplan der AfD für die Schulen ist geprägt durch Kontrolle und Verbote. Aber Einschüchterung ist ein schlechter Lehrer.
AfD-Alleinregierung wäre für alle schlecht – außer die AfD
Die wirtschaftliche Lage in Sachsen-Anhalt und in Deutschland wird sich durch das Programm der AfD nicht verbessern. Denn die Rückkehr von abgewanderten Fachkräften ist nach Einschätzung von Fachleuten unwahrscheinlich. Eine Mitschuld an der Lage haben auch der Krieg Putins gegen die Ukraine und Trumps Krieg gegen den Iran. Wladimir Putin und Donald Trump stehen in den Top 5 der politischen Vorbilder der AfD auf den ersten Plätzen. Sachsen-Anhalt ist nach wie vor bedroht durch den menschengemachten Klimawandel, den die Partei bis heute leugnet.
Das Programm der AfD hätte in der Altmark auch ganz konkrete Folgen, wie Rüdiger Kloth verdeutlicht. Kloth ist Bürgermeister der Verbandsgemeinde Seehausen, Bernd Pranges Gemeinde gehört dazu. Auf Facebook zitiert Kloth das AfD-Wahlprogramm: „Wir werden keine Sondervermögen auflegen und bestehende Sondervermögen schnellstmöglich rückabwickeln.“ Dann schreibt er: „Die Konsequenz nur für die Verbandsgemeinde Seehausen (Altmark) sieht folgendermaßen aus: rund 7 Mio Euro gehen uns und damit allen Bürgern verloren, stehen also schlicht nicht mehr zur Verfügung.“
Das Programm der AfD hätte viele Folgen: Es geht um zwei Feuerwehrautos, Straßenerneuerungen, den Neubau einer Küche für 300 Kinder und die Sanierung der maroden Wischelandhalle in meiner Heimatstadt Seehausen.
Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt würde vor allem bedeuten, dass es Vielen schlechter geht. Aber dadurch wird das Leben für andere nicht besser. Auch nicht für AfD-Wähler*innen.