Demokratie Wahlen AfD Gemeinnützigkeit WeAct Demo Campact Rechtsextremismus Klimakrise Gesundheit

Bei jungen Wählenden unter 25 Jahren ist die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 42 Prozent stärkste Kraft. Grüne und Linke legen deutlich zu, die CDU kommt gerade mal auf 5 Prozent. Diesen Erfolg erklären Politikwissenschaflter*innen nicht nur mit der starken Präsenz der AfD in den sozialen Medien. Es gehe auch um Zukunftsängste, politische Entfremdung und eine zunehmende gesellschaftliche Normalisierung der Partei, wie das Lehrer*innenportal news4teachers berichtet.

Was machen diese Zahlen mit jungen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern (MV), die am 20. September selbst zum ersten Mal an die Wahlurne treten? Welche Hoffnung haben sie für ihr Bundesland? Vier junge Wähler*innen aus Mecklenburg-Vorpommern erzählen.

Frida, 18: „Ich werde in den kommenden Wochen noch mal laut sein“

Frida kommt gerade von einer der Kundgebungen. In den Tagen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt fanden diese in 15 verschiedenen Städten in ganz Mecklenburg-Vorpommern statt. Frida will sich mit den demokratisch Engagierten solidarisieren und ein Zeichen setzen. Fragt man die Schülerin nach ihrer ersten Reaktion auf die Ergebnisse der Wahl nennt sie drei Dinge: Ungläubigkeit, Verständnislosigkeit, Ohnmächtigkeit. „Beim Beobachten, wie der AfD-Balken immer weiter nach oben wächst, hatte ich auch Angst – auch wenn ich selbst hier in MV noch nicht so sehr davon betroffen bin.“ 

Nun sieht sie Notwendigkeit zu handeln. „Ich werde in den kommenden Wochen sehr viel über Politik reden, auf die Straße gehen, noch mal laut sein und alles geben – auch mit begrenzten Ressourcen. Und dann auf das Beste hoffen.“ Sie hofft, dass durch die Ergebnisse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt viele Demokrat*innen in MV wachgerüttelt und doch noch dazu bewegt werden können, an die Wahlurne zu treten. Denn mit den neuen Erkenntnissen ist der Schülerin zufolge klar: Es geht nicht mehr um ein hypothetisches Szenario, sondern Realität. 

Zuversicht für ein stabiles MV

Deswegen blickt Frida mit Spannung auf die Wahl in MV. Eine ihrer Sorgen ist, dass Gelder für Initiativen gestrichen werden, mit denen sie zusammenarbeitet. Es ist zwar Fridas erste Wahl, aber politisch engagiert sie sich schon länger. Sie kennt die Menschen vor Ort, ihre Nachbar*innen und die Zahlen und Umfragen. „Die Ergebnisse werden mich wahrscheinlich nicht so stark schockieren – weil eine Regierung mit AfD zumindest in Greifswald nicht absehbar ist, was mich sehr beruhigt.“ Generell sei sie zuversichtlich, dass MV stabil bleibt. 

Dass sie die Möglichkeit hat, zu wählen, ist Frida wichtig. „Ich freue mich darüber, das zentrale demokratische Mittel endlich nutzen zu können und damit selbstbestimmt und direkter über meine Zukunft bestimmen zu können.“ An sich hält sie die Senkung des Wahlalters für sinnvoll und fair. Sie koppelt die Idee aber an zwei Voraussetzung:

  • Mehr Platz für Politik und Sozialkunde in Schulen.
  • Das aktuelle politische Geschehen sollte aktiv im Klassenverband besprochen und eingeordnet werden. 

Fiona, 16: „AfD-Wähler*innen wählen gegen ihre eigenen Interessen“

Fiona nennt beim Blick auf die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt „sehr große Sorgen“. Ihre Begründung: „Nicht nur, dass eine Partei wie die AfD, die in Sachsen-Anhalt offiziell als rechtsextremistisch eingestuft worden ist, in der Bevölkerung so viel Zustimmung bekommt, sondern ihr wird nun auch noch eine so große Entscheidungsgewalt in einem Landtag gegeben.“ Besonders störend empfindet sie daran, dass viele Menschen gegen ihre eigene Interessen wählten. 

Das erklärt Fiona so: „Wenn man die AfD-Wähler*innen fragt, was sie für ihre Zukunft möchten und was für Probleme sie haben, merkt man, dass viele ihrer Vorstellungen exakt dem Gegenteil der Ziele der AfD entsprechen. Viele dieser Menschen scheinen das AfD-Wahlprogramm also gar nicht wirklich zu lesen. Genau das ist das Problem: Menschen, die unwissentlich gegen ihre eigenen Rechte und Interessen wählen. Oder manche, die es wissentlich tun, weil sie ‚denen da oben mal was zeigen wollen‘.“

„Wir brauchen die politische Mitte“

Auch aus ihrem näherem Umfeld höre sie solche Aussagen immer öfter. Nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Menschen in ihrem Alter oder jünger. Das beschreibt sie als „erschreckende Entwicklung“. Doch mit Verweis auf Radikalisierung unter jungen Leuten betont sie auch die Ergebnisse der Junior- oder U-18-Wahlen der vergangenen Jahre. Dort konnten bei ihrer Generation besonders AfD und Linke punkten.

Das hält sie für problematisch. „Denn wenn sich die politische Orientierung der jungen Generationen ausschließlich auf extremistische Positionen beschränkt, frage ich mich, wie sich das auf die politische Lage in unserem Land auswirken wird“, so Fiona. Und sie fragt: „Nichtsdestotrotz brauchen wir in jeder Generation eine politische Mitte. Denn wer soll zwischen den extremen Positionen vermitteln, wenn es die Mitte nicht mehr gibt?“

Für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern hofft Fiona, dass die Alt-Parteien wie CDU und SPD noch ein paar Prozentpunkte gut machen können. Was sie sich wünscht:

  • Jede*r wahlberechtigte Bürger*in geht wählen.
  • Alle Wähler*innen setzen sich mit den Zielen der jeweiligen Partei auseinander und überlegen, welche davon sich wirklich für die eigenen Interessen einsetzt.

Marie, 18: „Ich habe die Vorurteile gegenüber jungen Menschen satt“

Marie, 18, war nicht besonders überrascht vom Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Doch nur weil die AfD ihre Stimmen durch eine demokratische Wahl erhalten hat, heißt das der Schülerin zufolge nicht, dass man sich damit zufrieden geben müsse. Sie findet deutliche Worte: „Eine Partei, die so sehr ins Rechtsextreme fällt, stellt eine Gefahr für unsere demokratische Grundordnung dar und ist somit keine Partei, die an der Spitze stehen sollte.“ 

Für die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern wünscht sie sich weniger Blau. „Das Ergebnis wird für mich persönlich nicht zufriedenstellend sein. Dennoch hoffe ich, dass MV weniger ins Blaue fällt als Sachsen-Anhalt.“ Verantwortung sieht sie aber auch bei anderen Parteien. „Viele Parteien haben sich im Kampf gegen die AfD selbst zerstört. Sie versuchten, die Brandmauer zu schützen, während viele von ihnen gleichzeitig auf dem Spektrum vor allem thematisch immer weiter nach rechts gerutscht sind. Oder einfach den Wahlkampf genutzt haben, um mit dem Finger auf andere zu zeigen.“

Der Schülerin zufolge geht es schon lange nicht mehr um konkrete Angebote von Seiten der Parteien. Vielmehr sei der Tenor „die sind schlimm, wählt lieber uns, mit uns ist es besser“ – aber im Endeffekt ändere sich trotzdem nichts, so Marie. Das beobachte sie bei allen Parteien. 

Absurde, falsche oder verfassungswidrige Behauptungen machen der Schülerin Angst. Für ihre Generation – die Gen Z – stellt sie fest: „Wir werden konsequent zur Seite geschoben mit der Begründung, wir seien faul oder wollen nicht mehr ‚richtig arbeiten‘. Das habe ich satt, wie viele andere auch.“ Daher sollte es ihr zufolge selbstverständlich sein, jungen Menschen so früh wie möglich politische Teilhabe und damit auch Wahlberechtigungen zu ermöglichen.

Anonym, 18: „Ich vertraue auf unsere Demokratie und das Grundgesetz“

Für den 18-jährigen Schüler, der lieber anonym bleiben möchte, kommt die Entwicklung in Sachsen-Anhalt nach eigener Aussage nicht besonders überraschend. „Viele Menschen haben das Gefühl, dass etwas ins Wanken gerät, was lange als selbstverständlich galt: Wohlstand, Sicherheit und ein funktionierender Staat. Preise steigen, die Infrastruktur wird vielerorts als schlechter wahrgenommen und gleichzeitig erleben viele Menschen immer mehr Bürokratie. Auch die Herausforderungen und Probleme im Zusammenhang mit Migration werden im Alltag wahrgenommen und beschäftigen die Menschen“, so der Schüler.

Gleichzeitig gelinge es den etablierten Parteien aus seiner Sicht zu wenig, diesen Sorgen mit positiven Perspektiven zu begegnen. „Sie vermitteln vielen Wähler*innen weder ausreichend Hoffnung noch das Gefühl, dass sich konkret etwas verbessern wird.“ Das bestärkt er mit einem Beispiel: „Wenn Friedrich Merz beispielsweise über Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft spricht, kann bei Arbeitnehmern schnell der Eindruck entstehen, ihnen werde pauschal vorgeworfen, nicht genug zu leisten. Das verstärkt die Distanz zur Politik eher, als sie zu verringern.“

Politische Mitte fühlt sich nicht gesehen

Man müsse sich in eine Person aus der politischen Mitte hineinversetzen, die weder besonders politisch aktiv noch ideologisch festgelegt ist, meint der Schüler. „Jemanden, der sich hauptsächlich mit den Problemen seines Alltags beschäftigt und gleichzeitig das Gefühl hat, dass im Land gerade einiges in die falsche Richtung läuft. Diese Person steht dann vor einer politischen Entscheidung. Auf der einen Seite Parteien, die sich stark voneinander abgrenzen und erklären, warum die jeweils anderen falsch liegen, dabei aber nicht immer überzeugend vermitteln können, warum sie selbst die Situation verbessern werden.“

Auf der anderen Seite stehe die AfD, die selbstbewusst behaupte, die Probleme erkannt zu haben und Lösungen zu kennen. „Sie vermittelt ihren Wählern, an Deutschland und an sie persönlich zu glauben.“ Vor allem spreche sie gezielt Emotionen an und erzeuge ein starkes Wir-Gefühl. „Unter diesen Voraussetzungen ist für mich nachvollziehbar, warum die Wahlentscheidung für manche Menschen am Ende zugunsten der AfD ausfällt.“ Inhaltlich distanziert er sich ausdrücklich von der AfD. „Ich bin von ihren politischen Positionen nicht überzeugt und würde sie selbst nicht wählen. Dass es ihr gelingt, ehemalige Nichtwähler*innen und frühere Wähler*innen anderer Parteien – insbesondere auch der CDU – für sich zu gewinnen, überrascht mich allerdings nicht.“

Mit überzeugenden demokratischen Antworten kontern

Für Mecklenburg-Vorpommern hält der Schüler eine ähnliche Entwicklung wie in Sachsen-Anhalt grundsätzlich für möglich, allerdings in schwächerer Form. „Die SPD ist hier aus meiner Sicht noch stärker verankert.“ Angst habe er dennoch nicht:

Ich vertraue auf unsere Demokratie und auf das Grundgesetz. Unsere demokratische Ordnung verfügt über starke institutionelle und verfassungsrechtliche Schutzmechanismen. Eine einzelne Partei kann die grundlegenden Regeln unseres Staates nicht einfach nach Belieben verändern.

Gerade deshalb halte er es für wichtig, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, warum Menschen solche Parteien wählen, anstatt ihre Entscheidung lediglich zu verurteilen. „Wer die AfD politisch schwächen möchte, muss verstehen, welche Sorgen, Enttäuschungen und Erwartungen ihre Wähler antreiben – und darauf überzeugende demokratische Antworten geben.“

Hat Dir der Beitrag gefallen? Wir freuen uns über eine Rückmeldung.


Was an der AfD extrem ist und warum die Brandmauer nicht undemokratisch ist – das kannst Du im Gegenrede-Handbuch im Campact-Blog erfahren. Es liefert demokratische Antworten auf rechte oder rechtsextreme Argumentationen. Lies hier mehr, damit Du für das nächste politische Gespräch vorbereitet bist:

Zum Gegenrede-Handbuch

Autor*innen

Juli Katz ist freie Journalistin in Mecklenburg-Vorpommern und schreibt über Politik, Wissenschaft, Kultur und Arbeit – gerne im ländlichen Raum. Alle Beiträge

Auch interessant

Demokratie Andreas Kemper Bayerischer Hof wirft „Rechtslibertäre“ raus Mehr erfahren
AfD Karolin Schwarz Drei Gedanken zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Mehr erfahren
AfD Campact-Vorstand Sachsen-Anhalt: Eine Zäsur Mehr erfahren
AfD Campact-Team Wahl in Sachsen-Anhalt: Was Du jetzt tun kannst Mehr erfahren
Demokratie Campact-Team Wahlhelfer: So funktioniert die Stimmenauszählung Mehr erfahren
Klimakrise Fridays for Future Berlin Zwischen Wahlkampf und Hitzekrise: Berlins Zukunft steht zur Wahl Mehr erfahren
AfD Campact-Team Montagslächeln: Zweifel säen bei der Briefwahl Mehr erfahren
Bürgerrechte Juli Katz Das erste Mal an der Urne Mehr erfahren
Desinformation Karolin Schwarz 6 Fakes, die vor Wahlen immer verbreitet werden Mehr erfahren
AfD Karolin Schwarz Exklusiv: Wie die Briefwahl-Lüge der AfD bei ihren Anhängern verfängt Mehr erfahren