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Vor wenigen Wochen versperrten Aktivist*innen der Jüdischen Studierenden Union dem rechtsextremen Vordenker Hans-Thomas Tillschneider den Weg. Als AfD-Landtagsvizepräsident wollte Tillschneider in die Synagoge in Halle (Saale), um an dem Gedenken für die Getöteten des rechten Terroranschlags vom 9. Oktober 2019 teilzunehmen. Die Studierenden verhinderten das mit Erfolg – und wurden anschließend dafür bedroht, angefeindet und mit Hass überzogen. 

CDU-Mitglied Ulrich Vosgerau postete dazu auf X eine Anspielung auf den NS-Propagandafilm „Hitlerjunge Quex“ von 1933. Es sei „wirklich schade […], daß diese hergelaufenen und selbsternannten Synagogen-Quexe von Halle nicht mit dem Polizeiknüppel durch die Straßen gejagt worden sind“. Die Berliner CDU, die sich sonst gern als Garant bei der Bekämpfung von Antisemitismus aufplustert, äußerte sich dazu nicht. 

Hans-Thomas Tillschneider und Ulrich Vosgerau werden sich Anfang November höchstwahrscheinlich auf der rechten Buchmesse „Seitenwechsel“ begegnen. Der AfD-Landtagsvizepräsident von Sachsen-Anhalt und das Berliner CDU-Mitglied sind als Referenten angekündigt. 

Tillschneider spricht laut Programm über „eine neue identitätsbejahende Kulturpolitik“. Das Thema von Vosgerau lautet: „Herrschaft des Unrechts? Deutschland in der Verfassungskrise“. 

„Unser jährliches Lagerfeuer“

Vosgerau nahm bereits an der Premiere von „Seitenwechsel“ 2025 teil und bescheinigte der Initiatorin Susanne Dagen eine „schlechthin historische Leistung“ vollbracht zu haben. Das rechte Kameradschaftstreffen nannte er „unser jährliches Lagerfeuer“. Dagen ist nicht nur eine Buchhändlerin aus Dresden, sondern auch Frontfrau der Neuen Rechten.

Nicht umsonst gilt „Seitenwechsel“ als Kontrapunkt zu den Buchmessen in Frankfurt am Main und Leipzig. In diesem Jahr wärmen sich beim Vernetzungstreffen der rechtsextremen Szene unterschiedliche Akteure die Hände. Ein Paradebeispiel dafür, wie die Grenzen verschwimmen.

Die Eröffnungsrede soll Bild-Kolumnist Harald Martenstein halten. Über den schrieb Andreas Kemper vor ein paar Tagen im Campact-Blog: „Am Fall Harald Martenstein zeigt sich konkret, wie fließend die Übergänge zwischen Antifeminismus und enttabuisiertem Faschismus sind.“ 

Bei der Mobilisierung für die Messe „Seitenwechsel“ spielen sogenannte „Parallelmedien“ eine immer größere Rolle. Nicht nur „Nius“ und „Compact“ sind im Programm vertreten, sondern beispielsweise auch „Apollo News“. Offizielle Medienpartner sind erneut das rechte Internetradio „Kontrafunk“ und „Tichys Einblick“. Neu dazu kommen in diesem Jahr die „Junge Freiheit“, das Sprachrohr der Neuen Rechten, und der österreichische rechte Sender „AUF1“. 

Hallenbetreiber mit Sympathien für die extreme Rechte?

Hallenbetreiber ist die Zwerenz Gruppe GmbH mit Sitz in Dresden. Zum Firmenverbund gehören außer der Messe in Halle (Saale) auch die Messehallen in Gießen und Dresden. 

Alle drei Veranstaltungsorte waren immer wieder Schauplatz auch für einschlägige Szene-Treffen: Im Juni 2024 feierte das rechte Internetradio „Kontrafunk“ in Dresden sein Jubiläum – mit Ex-ZDF-Moderator Peter Hahne als Hauptredner. Anfang 2025 fand auf der Messe in Halle (Saale) der AfD-Wahlkampfauftakt zur Bundestagswahl statt. Und im November 2025 gründete sich die neue AfD-Jugend Generation Deutschland in der Messe Gießen. 

Nur vier Wochen nach der Buchmesse „Seitenwechsel“, will das ZDF in derselben Messe in Halle (Saale) seine Samstagabendshow „Wetten, dass..?“ produzieren. Die Initaitive „Halle gegen Rechts“ findet das problematisch – zumal die Hallenbetreiber nach deren Einschätzung durchaus Sympathien für Akteure aus der extremen Rechten hegen. 

Das Antifa-Bündnis richtete daher an das ZDF die Frage, ob man sich „mit der politischen Dimension dieses Veranstaltungsortes auseinandergesetzt“ habe: Welche Signale sendet das? Könnte die Wirkung nicht fatal sein?

Eine Sprecherin des ZDF sagte: „Die zeitliche Nähe zur Büchermesse „Seitenwechsel“ war dem ZDF zum Zeitpunkt der Hallenbuchung nicht bekannt.“ „Wetten, dass..?“ sei eine Show, die schon immer für Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt stehe. Mit ihr wolle dass ZDF „zeigen, dass Fernsehen Menschen verbindet und so ein Zeichen für Zusammenhalt in unserer demokratischen Gesellschaft setzen“.

Wir-Festival mobilisiert gegen „Seitenwechsel“

Ebenso zum zweiten Mal findet angrenzend zur rechten Buchmesse das „Wir-Festival“ statt. In der Bilanz zum Festival 2025 hieß es nach 400 kulturellen Veranstaltungen: „Selbstermächtigung gegen Angst, Handeln statt Hass – die Zivilgesellschaft in Halle grenzte sich klar gegen die rechtsextreme Buchmesse ‚Seitenwechsel‘ ab.“

Vor den Landtagswahlen im September hatten sich die Macher des „Wir-Festivals“ echt „verausgabt mit Aktionen und Engagement“, so die Grafikerin Petra Reichenbach, eine der Aktivistinnen des „Wir-Festivals“. Nun sei man „natürlich sehr ernüchtert, aber nicht mutlos“. Zwar fuhr die AfD in Halle (Saale) mit 29,9 Prozent das landesweit schlechteste Ergebnis bei der Wahl ein (in Sachsen-Anhalt kam sie auf 43,8 Prozent) – sich für die Demokratie zu engagieren ist dadurch aber nicht einfacher geworden. 

Torsten Hahnel von „Halle gegen Rechts“ engagiert sich seit Jahrzehnten gegen die extreme Rechte in Sachsen-Anhalt. Das Ergebnis der Wahl im September habe „viele Menschen schockiert und enttäuscht“, sagt er. Nun müsse man mit einer AfD-Regierung rechnen „und es braucht daher mehr Vernetzung, mehr Austausch und die Suche nach neuen Formen der Gegenwehr“. Die Bedrohung nimmt Hahnel als sehr real wahr: „Im Wahlprogramm und im Wahlkampf der AfD wurden zivilgesellschaftliche Strukturen strukturell angegriffen, indem mit dem Entzug staatlicher Mittel gedroht wurde.“ 

Verschwommene Grenzen

So viele Grenzen verschwimmen gerade. David Begrich von Miteinander e.V. aus Magdeburg schreibt in der neuen Ausgabe des Antifa-Magazins „Der rechte Rand“: 

Jetzt, da die AfD an der Schwelle zur Machtbeteiligung steht, geht die Normalisierung in Teilen der Gesellschaft offenbar weiter.

David Begrich von Miteinander e.V. Magdeburg

Unter den vielen Beispielen mangelnder Abgrenzung – die Brandmauer gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD ist nur eines davon – sei deshalb an dieser Stelle noch die Frage erlaubt:

Warum lässt sich Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeine“, ausgerechnet von „Apollo-News“-Chef Max Mannhart interviewen – um im Gespräch die Linke in Berlin als „lupenrein antisemitisch argumentierende Partei“ zu brandmarken? Jener Max Mannhart, der als zentraler Akteur der rechts-alternativen Medienszene natürlich auch bei der rechten Messe „Seitenwechsel“ mitmischt. Um dort auf einem Podium den „Aufstieg neuer Medien“ zu feiern. 

„Unser Land ist gekippt“, sagte Mannhart in dem Interview mit Engel, dessen „Jüdische Allgemeine“ das Organ des Zentralrats der Juden ist. „Komplett“, bekräftigte Engel. Vielleicht stimmt das sogar. Nur anders, als es die beiden Chefredakteure meinen.

Autor*innen

Matthias Meisner ist freier Journalist und Buchautor in Berlin und Tirana. Er schreibt als Gast-Autor für den Campact-Blog über Menschenrechte, Geflüchtete und die Bedrohung der Demokratie. Zuletzt veröffentlichte er 2025 im Dietz-Verlag Bonn gemeinsam mit Paul Starzmann das Buch "Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit". Infos unter www.meisnerwerk.de. Alle Beiträge

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