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Vor ungefähr zehn Jahren stellten ein Team und ich eine kritische Enzyklopädie über Narrative, Netzwerke und Akteur*innen des Antifeminismus („Antigender-Network Information“ von Agent*in) online. Wir führten auch einen Artikel inklusive Anti-Political-Correctness-Äußerungen von Harald Martenstein auf, damals noch Zeit-Kolumnist. Vor allem dieser Beitrag führte zu einem medialen Shitstorm. Auch in den links-liberalen Zeitungen, von Tagesspiegel bis taz. 

Nun hält im November exakt jener Harald Martenstein – neuerdings sind seine Kolumnen in der Bild zu lesen – auf der diesjährigen „Seitenwechsel“-Buchmesse die Eröffnungsrede. Zwei Tage lang geben sich dort rechtsextreme Teilnehmer*innen die Klinke in die Hand. 

Andreas Kemper recherchiert als freischaffender Soziologe zu Netzwerken der Ungleichheit und analysiert deren Ideologien. Aktuell recherchiert er unter anderem zum Rechts’libertarismus‘ und totalitär-kapitalistischen Privatstadtprojekten. Im Campact-Blog schreibt er als Gastautor über seine aktuellen Recherchen und Beobachtungen.

Von Zeit-Kolumnisten zum Eröffnungsredner der „Seitenwechsel“-Buchmesse 

Für den „Diskursatlas Antifeminismus“ haben wir über Jahre antifeministische Äußerungen von Akteur*innen aus der Öffentlichkeit gesammelt und deren antifeministische Narrative herausgearbeitet. Einige dieser Narrative wurden häufiger gemeinsam verwendet als andere. Daraus ergaben sich drei Einflussfelder: 

  • Anti-Political-Correctness (Anti-PC) und Zensur-Rhetorik
  • Abwehr von Genderpolitik und Sexualpädagogik
  • Religiöse und völkische Reproduktionsideologien

Am Fall Harald Martenstein zeigt sich konkret, wie fließend die Übergänge zwischen Antifeminismus und enttabuisiertem Faschismus sind. So bewegte sich Martenstein mit seinen Kolumnen in der Zeit und im Tagesspiegel vor allem im ersten Bereich. Also die Anti-PC- und Zensur-Rhetorik, verwendete beispielsweise den abwertenden Begriff „Gutmenschen“. 

Damit bediente Martenstein noch keine völkischen Reproduktionsideologien. Aber er verschob den Diskurs in diese Richtung. Indem er den Antifeminismus bediente, baute er ideologische Brücken. Anschließend überquerte er selbst diese Brücken und wird nun auf einer rechtsextremen Buchmesse sprechen. 

Häufig geht es bei der Kritik an der „Political Correctness“ nicht darum, die „Correctness“ aufzuheben. Sondern das „Korrekte“, also als rassistisch oder sexistisch bezeichnete Aussagen, als „Unkorrekt“ zu framen. Diese „Tradition der Menschen- und Bevölkerungskorrekturen“ verfolgen die Rechten schon lange, wie ich bereits 2014 in meinem Buch „Sarrazins Correctness“ hervorgehoben habe.   

Wer leistet Martenstein Gesellschaft?

Martensteins Vortrag auf der Buchmesse beinhaltet mehrere Möglichkeiten: Er kritisiert die Demokratie, die nicht „ergebnisoffen“ diskutiert. Möglicherweise nutzt er die Buchmesse auch für einen deutlichen Angriff auf den Rechtsextremismus. Vielleicht sagt er noch ab.

Es scheint nur natürlich, dass auf Martensteins mögliche „ergebnisoffene Demokratiekritik“ Elsa Mittmannsgruber folgt. Sie stellt ihr provokatives Buch „Rechtsextrem? Oder: Unkorrekt, aber richtig!: Eine Abrechnung mit 8×8 Tabus“ vor. Das Buch erscheint im AUF1-Verbund, welcher unter anderem auch T-Shirts mit Aufdruck wie „Deutschland den Deutschen“ und „White Lives Matters“ anbietet – also für rechte Bevölkerungskorrekturen wirbt. Mittmansgruber ist Mitarbeiterin des rechtsextremen Senders AUF1 und Ehefrau des Sender-Gründers Stefan Magnet. Dieser referiert übrigens Nachmittags vor AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla noch zum Thema „Meinungsfreiheit“. 

Darauf folgt die Stiftung der rechtsextremen ESN-Parteienfamilie aus dem Europaparlament. Dazu Irmhild Boßdorf, AfD-Abgeordnete im EU-Parlament, samt einer Reihe von Interview-Gästen. Boßdorf fordert unter anderem „millionenfache Remigration“, also die massenhafte Vertreibung von Menschen mit Migrationsgeschichte. Ihre Tochter, die „Identitäre“ Reinhild Boßdorf, ist eine der führenden Personen der rechtsextremen Lukreta-Bewegung.   

Danach gratulieren neue rechte Medien, wie NIUS, Apollo News, Kontrafunk und Tichys Einblick der „Jungen Freiheit“ dazu, 40 Jahre Sprachrohr der Neuen Rechten zu sein. Den Abschluss des ersten Tages liefert Alexander Wendt, Autor des esoterisch-rechtsextremen KOPP-Verlags. Ausgerechnet mit dem Thema „Klarer Geist in wirren Zeiten“. Unter anderem im selben Verlag erschienen: „Hochtechnologien im Dritten Reich“ von Alexander Stoll, der von „Reichsdeutschen Stützpunkten auf dem Mond“ und sogar „im Sirius-System“ schreibt. Wirrer ist meines Erachtens kaum machbar. Ich spare mir an dieser Stelle die Auflistung weiterer geladener Gäste.

Intellektualität versus bürgerlichem Intellektualismus

Stattdessen sehe ich mir ein KI-generiertes Video von Ulf Poschardt an. Der ehemalige Journalist des Axel-Springer-Verlages trägt wie üblich eine intellektuell aussehende schwarze Hornbrille und einen existentialistisch wirkenden Rollkragenpullover. Poschardt trinkt einen Espresso und verprügelt zwischendurch seine Gegner im Ring. Fausthiebe ins Gesicht, Tritte in den Magen. Seine Opfer: Der Journalist und Aktivist Arne Semsrott sowie Robert Habeck und Felix Banaszak, also der ehemalige und der amtierende Co-Vorsitzende der Grünen.

Nun widersprechen sich Boxkämpfe und Intellektualität nicht unbedingt. Poschardt aber schafft zwei Dinge: Einerseits schmückt er sich nach außen mit Intellektualität. Andererseits trägt er zu einer brutaleren und unzivilisierteren Gesellschaft bei. 

Das Video wirkt fast wie eine Promotion für das neue Buch „Die Durchrohung der Gesellschaft“ des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer. Im Zuge der Finanzkrise 2008 hatte Heitmeyer bereits von einer Verrohung der Bürgerlichkeit gesprochen. Diese Verrohung zeigt sich nicht nur in der brachial zur Schau gestellten Prügel-Männlichkeit Poschardts (ich bevorzuge „brachiale Männlichkeit“ gegenüber dem Begriff „toxische Männlichkeit“), sondern zeitlich viel früher.

Antifeminismus als rechte Brückenideologie

Bereits in den 1990er Jahren setzte der Anti-Political-Correctness-Diskurs gegen das sogenannte „Gutmenschentum“ ein. Insbesondere der Antifeminismus funktioniert als rechte Brückenideologie. Denn er verbindet den Diskurs von Meinungsfreiheit über die Abwehr von progressiver Genderpolitik und Sexualpädagogik bis hin zur völkischen Familien- und Bevölkerungspolitik.

Dabei sind die Narrative im Anti-Zensur-Cluster inhaltlich neutral. Denn „Sprachpolizei“, „Gutmenschen“, „Political Correctness“ bezieht sich begrifflich nicht zwingend auf Geschlechter- oder Familienfragen. Entsprechende Narrative finden sich auch im Klima- oder Einwanderungsdiskurs. Doch dieser allgemeine Bereich geht fließend über in einen spezifischen: die Abwehr von queerer und feministischer Genderpolitik und Sexualpädagogik. Das wichtige Narrativ der „Gender-Ideologie“ hat eine zentrale Rolle im Antifeminismus inne. 

Zudem verbinden sich im Gender-Abwehr-Cluster die Zensur-Rhetorik und der Bereich der religiösen und völkischen Reproduktionsideologien. Das reproduktionsideologische Cluster wiederum weist zentrale Begriffe des völkischen Nationalismus auf. Dort ist dann auch von „Dekadenz“ und „Volkstod“ die Rede. Die Übergänge sind fließend. 

Was den Faschismus aus der Tabuzone holt

Systematisch wird Faschismus enttabuisiert. Bereits in den 1970er Jahren zeigten Sinus-Studien, dass große Teile der Bevölkerung ein geschlossenes rechtes Weltbild hatten. Allerdings war dieses Weltbild weitgehend tabuisiert. Die NPD sank damals unter fünf Prozent. 

Doch beispielsweise durch die Sarrazin-Debatte oder durch den nachhaltigen Angriff der Jungen Freiheit auf die Political Correctness enttabuisierten sich diese Einstellungen systematisch. Im Bereich Antifeminismus-Queerfeindlichkeit war Harald Martenstein einer der Akteur*innen.

Doch diese Enttabuisierung durch Akteur*innen wäre nicht ohne renommierte Medien möglich. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ druckte vor dreißig Jahren den ersten Anti-Political-Correctness-Artikel. Vor fünfzehn Jahren brachte der Spiegel einen Vorabdruck von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. 

Unsere Enzyklopädie über Narrative, Netzwerke und Akteur*innen des Antifeminismus sorgte gerade wegen Martensteins Artikel zu einem Shitstorm. Im Spiegel schrieb eine feministische Philosophin, es ginge uns um die „Demütigung“ Harald Martensteins. Dabei verkannte sie die Machtfrage. Als Kolumnist bei der Zeit und beim Tagesspiegel genoss Martenstein gewisse Privilegien. Jene Privilegien, die weiße, deutsche Männer bereits im Überfluss haben.

Neuer „Diskursatlas Antifeminismus“ 

Aufgrund des medialen Shitstorms auf unsere Enzyklopädie knickte die Heinrich-Böll-Stiftung nach nur zwei Wochen ein. Sie nahm unsere kritische Enzyklopädie zu Antifeminismus vom Netz. Und damit die Teamarbeit von vier Jahren. Kurz zuvor konstatierte Kathleen Hildebrandt 2017 in der Süddeutschen Zeitung: „Besonders der Artikel über Harald Martenstein, den Journalisten und Kolumnisten des Zeit-Magazins, macht einige Menschen zornig.“

Mit dem Diskursatals Antifeminismus haben wir das Nachfolgeprojekt dieser Online-Enzyklopädie geschaffen. Damit erarbeiten und dokumentieren wir nun die Diskurskoalitionen und die übergreifenden Narrative der Brückenideologie Antifeminismus – ohne jede finanzielle und institutionalisierte Unterstützung.

Doch eine Hoffnung bleibt: Wenn Zeit, Tagesspiegel, Spiegel und andere Medien über die Macht verfügen, mit Autor*innen wie Harald Martenstein den Faschismus zu enttabuisieren – vielleicht können sie dann auch selbstkritisch aus ihrer Geschichte lernen. Und entsprechende Konsequenzen ziehen.

Autor*innen

Andreas Kemper recherchiert als freischaffender Soziologe zu Netzwerken der Ungleichheit und analysiert deren Ideologien. Seine kritischen Analysen zu Klassismus/Neoliberalismus (klassismus.de), Rassenbiologie und organisiertem Antifeminismus (diskursatlas.de) führten bereits im Juli 2013 zu seinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ zur AfD als Sammelbecken dieser Strömungen. Es handelte sich hierbei um die mit Abstand erste kritische Buchpublikation zur AfD. Kemper warnte hier nicht nur vor der Entstehung einer rechten Partei, sondern konnte auch als erster die Anschubfinanzierung durch die Finck-Gruppe genau bestimmen. Nicht zuletzt seine profunden Recherchen zu Björn Höcke (alias Landolf Ladig) führten zur Überwachung der AfD durch den Verfassungsschutz. Aktuell recherchiert Kemper zu „Libertarismus“, totalitär-kapitalistischen Privatstadtprojekten und schreibt an einem Buch zur Vorherrschaft des Adels im Antifeminismus („Die Aristokratie des Antifeminismus“). Im Campact-Blog schreibt er als Gast-Autor über seine aktuellen Recherchen und Beobachtungen. Alle Beiträge

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